Japan, klassisch

Keigo Higashino, „Unschuldige Täter“ (Tropen),
Übers. v. Ursula Gräfe, 432 S.

Platz 6

Traditionelle Krimi-Motive, ganz frisch: Keigo Higashinos „Unschuldige Täter“ ist ein geschmeidiger Roman, der klug scheinbar überkommene Muster reanimiert.

Haurigara, Japan. Ein kleiner, touristisch abgesunkener Küstenort. Dort will eine Privatfirma den Meeresboden nach seltenen Mineralen und ähnlich Wertvollem ausbaggern. Eine Bürgerinitiative hat sich formiert. An einem Informationsgespräch nimmt als Beobachter ein Mann aus Tokio teil. Am nächsten Morgen ist er tot, einen fünf Meter hohen Damm hinabgefallen und auf Felsen aufgekommen. Doch die Autopsie ergibt: Der Mann, pensionierter Kriminalkommissar, wurde sediert und mit Kohlenmonoxid vergiftet. Wer tötete ihn also und weshalb? Und was wollte er überhaupt in Haurigara? Zufällig ist der Physikprofessor Manabu Yakawa vor Ort, scharfsinniger Beobachter und aufmerksamer Kombinierer und bestens vernetzt mit der Tokioter Polizei, die ausführlich zu ermitteln beginnt. Doch am Ende ist es Yakawa, der alles aufklärt. Keigo Higashino, in seiner Heimat ein sehr beliebter Krimi-Autor, vermag tatsächlich, dem klassischen whodunit-Fach eine belebende Auffrischung zu geben, gewaltfrei, höflich, empathisch und ausnehmend klug konstruiert. (Alexander Kluy)


Tödliche Spiele

Davide Longo, „Die jungen Bestien“ (Rowohlt),
Übers. v. Barbara Kleiner, 416 S.

Platz 7

Durchsetzt mit unterkühlter Melancholie führt Davide Longo, ausgehend von einer aktuellen Situation, in die Jahre der Brigate Rosse zurück.

Nicht nur in seiner piemontesischen Heimat gilt Davide Longo als Krimi-Star. Wer in den vorliegenden Band hineinkippt, wird sich wahrscheinlich auch in die Vorgängerromane vertiefen wollen, welche u. a. die Geschichte des im Ruhestand nicht ganz ruhig agierenden Kriminalisten Corso Bramard erzählen. Sein Nachfolger ist der von Depression geplagte Comissario Arcadipane, der keineswegs im Klischee des gebeutelten Versagers erstarrt. An dieser Figur beweist der Autor neben seinem Talent, Atmosphäre zu schaffen, auch seine humoristische Ader. Daran haben u. a. ein dreibeiniger Hund und eine unkonventionell praktizierende Therapeutin ihren Anteil.
Der Prolog des Bandes liest sich wie eine perfekt choreografierte Szene aus einem film noir – wenn auch zeitversetzt in die 1970er-Jahre. Beim Bau einer Bahnstrecke wird ein Massengrab entdeckt, das aber aus politisch brisanten Motiven zur bedauerlichen Nachwehe des Zweiten Weltkriegs erklärt werden soll. Fall erledigt. Aber Arcadipane ist misstrauisch und wendet sich an seinen früheren Mentor Bramard. (Sylvia Treudl)


Texanischer Sumpf

Attica Locke, „Heaven, My Home“ (Polar),
Übers. v. Susanna Mende, 338 S.

Platz 8

Direkt anknüpfend an den Besten Krimi der Saison 2019 „Bluebird, Bluebird“ schickt Attica Locke Texas Ranger Darren Mathews wieder aus.

Atmosphärisch noch dichter als zuvor, unterfüttert mit Texanischer Lokalhistorie und so plastisch, dass man den Caddo Lake, wo die Ereignisse ihren Anfang nehmen, praktisch riechen kann, ist Band 2 der Trilogie angelegt. Ranger Darren hat sich widerstrebend dem Wunsch seiner Familie gefügt und ist zum Schreibtischhengst mutiert. Zwar verfolgt er auch aus dem Office weiter die Spuren der Arischen Bruderschaft, aber er ist doppelt unglücklich. Nicht nur mit dem Job. Eine zurückliegende Angelegenheit aus dem letzten Fall beunruhigt ihn mehr, als er zugeben möchte und der Zustand seiner Ehe ist trotz beiderseitigem Bemühen fragil.
In dieser Situation wird er beauftragt, an einem Ort mit dem euphemistischen Namen „Hopetown“ nach einem Neunjährigen zu suchen, der auf dem See verschwunden ist. Dass der Bub der Sohn eines momentan inhaftierten Captain der „Bruderschaft“ ist, macht die Sache nicht leichter. Was als Suche nach einem Kind beginnt, bringt Darren ins moralische und emotionale Schleudern, er lässt sich auf Deals ein, die fragwürdig sind. (Sylvia Treudl)


Aus dem Ruder gelaufen

Sara Paretsky, „Altlasten“ (Ariadne, Argument),
Übers. v. Laudan & Szelinski, 544 S.

Platz 9

Pandemie, Verschwörungstheorie, Rassismus – Sara Paretsky gelingt das Kunststück, all das zu thematisieren, ohne die spannende Geschichte zu überfrachten.

Frust und skypemäßige Funkstille in der Beziehung bringen V.I. Warshawski höchst widerwillig dazu, Chicago zu verlassen und in Kansas nach einer alternden schwarzen Schauspielerin und ihrem Begleiter, einem jungen Filmer, zu suchen. Auf diesem ihr völlig unbekannten Terrain – jeder kennt jeden, redet aber nicht - findet sie nicht nur ermordete oder fast tote Frauen. Sie sticht auch in das Wespennest der (ungelösten) Rassenfrage, die Überreste eines Interkontinentalraketensilos führen sie zu den Anti-Atom-Protesten der 80er-Jahre zurück und bescheren ihr schockierende Einblicke in ein amerikanisches Biowaffenlabor. Höhepunkt: die Konfrontation mit einer geheimnisvollen Krankheit, deren erstes Symptom eine Lungenentzündung ist ... Nicht Raketen, sondern Mikroben – Sara Paretsky hat Bill Gates’ globale Warnung von 2015 und Erlebnisse ihres Vaters, Zellbiologe, zu einem packenden Thriller geschmiedet, in dem politische Machenschaften und menschliche Schwächen die eigentliche Gefahr darstellen und so zum Auslöser der Katastrophe werden. (Maria Leitner)


Der freie Hund

Wolfgang Schorlau, Claudio Caiolo „Der freie Hund. Commissario Morello ermittelt in Venedig“ (Kiepenheuer & Witsch), 336 S.

Platz 10

Venedig ist noch immer kalt. So wie die Leiche, der sich Commissario Antonio Morello annehmen muss. Dabei träumt er unverdrossen vom heimatlichen Sizilien.

Nicht einmal der Espresso will dem Commissario munden. Antonio Morello ist frisch versetzt worden, aus dem heimatlichen Sizilien in den Norden Italiens. Nicht irgendwohin, sondern ausgerechnet nach Venedig. Andere wären neidisch, er träumt sehnend noch immer von der Insel, auch wenn die Mafia eine Kopfprämie auf ihn ausgesetzt hat, nachdem er mehrere Politiker verhaftete, die eifrig die Hand aufhielten. In der nassen Lagunenstadt fühlt er, der „freie Hund“, sich wie ein Fisch an Land. Bis die attraktive Nachbarin ihm ihr Venedig zu zeigen beginnt. Und sein erster Fall kommt ihm merkwürdig bekannt vor: Der junge Sprecher einer Initiative, die die riesigen Kreuzfahrtschiffe verbieten lassen will, wird ermordet aufgefunden. Die Ermittlungen führen Morello in das enge Gespinst von Politik, Wirtschaft und prosperierender Unterwelt. Wolfgang Schorlau, Autor vieler erfolgreicher Romane, und Claudio Caiolo, in Sizilien geboren, in Venedig zum Schauspieler ausgebildet, ist ein atmosphärischer Venedig-Krimi jenseits ausgetretener Klischees gelungen. (Alexander Kluy)


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