Der Neurologe Mario de la Piedra Walter erkundet »Unser kreatives Gehirn« anhand der zahlreichen Spuren, die es in der Kunst hinterlassen hat.
Und plötzlich erleuchtet über einem Menschenkopf wieder diese berühmte metaphorische Glühbirne. »Heureka!«, hallt es dann einmal mehr durch die Welt. Derartige Geistesblitze sind die Funken, mit denen der Homo sapiens stets kreative Feuer entfacht und in der Kunst Bleibendes wie Prägendes schafft. Mario de la Piedra Walter nimmt solche Artefakte unter die Lupe und versucht zu ergründen, was vor ihrer Schöpfung in den Köpfen der Erschaffer/innen geschah. Seine Überlegungen sind aber nicht die üblichen gelehrten Interpretationsversuche, die die meisten Kunstwerke provozieren: »Die vorliegenden Seiten können auf zwei Ebenen gelesen werden: als ein Buch aus der Neurowissenschaft, das über Kunst redet, oder als eines der Kunst, das Aussagen über die Neurowissenschaft trifft.«
De la Piedra Walter, 1991 geboren in Mexiko City, ist nämlich weder Kunsthistoriker noch Literaturwissenschaftler, sondern arbeitet als Nervenarzt in Berlin. Als aber offenbar ebenso profunder Kenner von bildender Kunst und schöner Literatur nutzt er in dem vorliegenden Buch seine medizinische Expertise bei der Betrachtung von kulturellen Erzeugnissen auf elegante Weise, um pointierte Einblicke in die Fachgeschichte der Neurologie zu geben: So dient eine Erzählung von Jorge Luis Borges als Ausgangspunkt zu einer Erkundung von Alzheimer, Demenz und dem umgekehrten Phänomen der Hypermnesie – die Fähigkeit, seine Erinnerung weit über das übliche Maß abrufen zu können: eine aber gar nicht unbedingt beneidenswerte Geistesleistung, da die Forschung sie bislang vor allem in den Zusammenhang mit Psychosen und Autismus gebracht habe.
Otto Dix’ Spätwerk wird im Hinblick auf den Schlaganfall, den der Maler erlitt, betrachtet und im Kunsthandwerk mexikanischer indigener Völker untersucht der Autor, wie sich nicht nur diese vom Peyote-Kaktus (ergo Meskalin) kreativ auf die Sprünge helfen ließen. Das Buch meditiert des Weiteren über einen Zusammenhang zwischen der Temporallappenepilepsie, unter der Dostojewski vermutlich zeitlebens litt, und der aReligiosität des Schriftstellers: Die Anfälle, mit denen sich jene »ekstatische« Variante der Krankheit äußern, werden von Patient/innen häufig als mystische oder gar außerkörperliche Erfahrung beschrieben. Franz Liszt und Wassily Kandinsky werden als Synästhetiker präsentiert. De la Piedra Walter bringt dieses neurologische Phänomen auf die griffige Formel: »Musik sehen und Worte schmecken«. Eine Würdigung von Freuds »Traumdeutung« in Form eines Tangos mit Surrealisten wie André Breton und Salvador Dalí oder ein Blick auf Frida Kahlos Resilienz passen da ebenso gut in dieses bunte Bild wie die Auftritte des mutmaßlichen Borderliners Vincent van Gogh oder Andy Warhol als Beispiel für einen »Savant«-Begabten.
Das mag vordergründig alles nach wissenschaftlichen Belegen für das landläufige böse Klischee klingen, dass kreative Geister, wie man so dahinsagt, ›nicht ganz richtig ticken‹. Das sind die einzelnen Kapitel aber keineswegs, sondern der Versuch, zwei vermeintlich separate Sphären zu vermählen. Denn de la Piedra Walter bekennt sich hiermit auch zu seiner festen Überzeugung, »dass die Wissenschaft die Poesie der Welt ist und die Poesie die Wissenschaft des Daseins.«
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Mario de la Piedra Walter
Unser kreatives Gehirn. Eine kleine Geschichte der Geistesblitze
Diogenes, 336 S.
