Von Bebop und Charlie Parker zum Cool Jazz zu »Kind of Blue« zu Polyrhythmik: Zum 100. Geburtstag von Miles Davis erscheinen eine neue Biografie und ein Bildband. Foto: Tom Palumbo
Bei Miles Davis scheiden sich die Musikgeister. Der am 26. Mai 1926 im US-Bundesstaat Illinois geborene Jazz-Trompeter löst noch heute, 34 Jahre nach seinem Tod, Debatten aus. Das zeigt: Davis, der mindestens fünf stilistische Fundamentaländerungen vollzog, regt noch immer an – und auf. Zum anderen wird inzwischen recht vehement an seinem jazzhistorischen Rang gerüttelt. James Lincoln Collier etwa, ein einflussreicher Jazz-Kritiker, ordnete ihn vor mehr als zehn Jahren als »Popularisator« ein, nicht als Innovator.
Nun legt der Hamburger Musikjournalist Stefan Hentz eine neue Lebensbeschreibung vor. Die orthodoxe Dramaturgie einer Biografie unterläuft er, indem er die letzten zehn Lebensjahre an den Anfang zieht und das Spätwerk zu revidieren versucht. Diese Phase, ab »Bitches Brew« von 1970, spaltet die Jazz-Gemeinde bis heute: Da gibt es jene, die Davis’ Einspielungen der späten Vierziger und Fünfziger Jahre – von »Kind of Blue« absteigend – in hohem Maße schätzen, und jene, die überkreuz sind mit seinen späteren Produktionen. Lesend will man Hentz’ positiven Dikta über die Alben nach 1980 widersprechen und fühlt sich subjektiv bestätigt, hört man sich »Tutu« an oder »Live in Montreux 89«, auf denen zwischen kolossalen Synthesizer-Tonwällen hie und da Davis nur noch akustische Fragmente einzustreuen vermochte.
Hentz erzählt das Auf und Ab im Leben von Davis nach. Von der keineswegs glücklichen Familie über die Ankunft in New York 1944, die ersten Alben ab 1949, die wachsende große Anerkennung, den lukrativen Kontrakt mit Columbia Records, er vergisst nicht auf Rassismus und Davis’ Aggressionen im Politischen wie – emotional krasser und auch gewalttätig – im Privaten, Krankheiten und Drogen, die Wendungen zum schamanischen Musikchamäleon nach 1970. Immer wieder bedauert man, dass offensichtlich eine Umfangsvorgabe ausgreifendes Erzählen einhegte. Viele Musiker tauchen nur als Namen auf. Gründlich hingegen sind Hentz‘ musikwissenschaftliche Interpretationen von Kompositionen, spannend seine Schilderung, wie Davis und der Produzent Teo Macero zum Montieren ganzer Alben übergingen.
Hie und da unterlaufen ihm kleine Fehler. So prägte Davis nicht 50 Jahre den Jazz – da hätte er schon mit 15 Jahren in New York neben Dizzy Gillespie und Charlie Parker auf der Bühne stehen müssen. Manche Adjektive und Einschätzungen, die Hentz Musikern anhängt, sind diskutabel. Auch, dass er bei manchen Verdikten auf den Schultern von Standardwerken über Davis steht.
Eine Trouvaille ist Ralph Quinkes schön gedruckter Fotoband. Der deutsche Fotograf durfte Davis im Mai 1989 in Malibu in Kalifornien besuchen, im Auftrag des Schweizer Kulturmagazins DU. Das 1941 gegründete Journal, das 1988 konzeptionell auf Ein-Themen-Hefte umgestellt hatte, brachte in der August-Nummer 1989, die Miles Davis gewidmet war, nur einige dieser eindrücklichen Fotografien. Nun liegen sie komplett vor.
Quinke gelang es, einen Draht zum Musiker aufzubauen. Der fühlte sich wohl geschmeichelt, dass eine Zeitschrift mit starker Kunstausrichtung ihn ehrte. Denn Davis zeichnete und malte auch, und das gar nicht schlecht. Es sind lebendige, ausdrucksstarke Aufnahmen, die den inszenatorisch selbstbewussten Davis nachdenklich zeigen, beim Boxen, seinem Lieblingssport, modisch gewandet – das war er fast sein Leben lang –, auch den kommerziellen Erfolg betonend, indem er mit seinem Sportwagen posierte. Gekoppelt hat Quinke diese Fotos mit Aufnahmen, die 1971, 1985 und 1987 bei Konzerten in Berlin und Köln entstanden.
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Stefan Hentz
Miles Davis. Sound eines Lebens
Reclam, 383 S.
Arne Reimer (Hg.)
Miles Davis. Three Days in Malibu. Photographs by Ralph Quinke
Scheidegger & Spiess, 152 S.
