Erstmals übersetzte Kolumnen George Orwells: ein Hochfest der Erkenntnis. Foto: gemeinfrei

Aus: Buchkultur 224, Februar 2026.


Selten genug kommt man in den Genuss einer solchen Trouvaille, ja einer Surprise bei einem Autor, den man hinlänglich gelesen, ausgedeutet, ausgeleuchtet und fast zu Tode zitiert meint. Denn nun erscheint die erste deutsche Übertragung von kaum bekannten Texten des am 21. Jänner 1950 im Alter von 46 Jahren verstorbenen George Orwell, der auf dem idyllischen Kirchhof des Dorfes Sutton Courtenay an der Themse, Orwells letztem Wohnort, beigesetzt wurde.

Fünf Jahre lang war Orwell nach seiner in einem unwirschen Finale endenden Zeit bei der BBC für das nicht wirklich große, linksprogressive, wöchentlich erscheinende Londoner Journal TRIBUNE tätig, als Redakteur in der Literatursektion wie von Dezember 1943 bis Februar 1945 und von November 1946 bis April 1947 als Kolumnist. Insgesamt verfasste er – zeitgleich zu »Animal Farm« und »1984« – 80 Kolumnen, unter dem Eigensinn signalisierenden Titel »As I Please«: Wie es mir gefällt. Diese hat nun Lutz-W. Wolff gut übersetzt.

Orwell ist in seiner Heimat wie im ganzen englischsprachigen Raum bis heute einer der hellsten Sterne nicht korrumpierbarer Aufklärung und intellektueller Leitstern wie anti-despotischer Bezugspunkt geblieben – man denke nur an Laura Beers’ bis heute von deutschsprachigen Verlagen ignoriertes Buch »Orwell’s Ghosts. Wisdom and Warnings for the 21st Century« von 2024. In seinen lebendig gebliebenen Glossen, deren spontanes Entstehen entzückend nachlesbar sind, reagiert er auf Tagesgeschehen, argumentiert klug und scharf.

George Orwell
Zeilen der Zeit. Kolumnen aus einem Jahrhundert im Umbruch
Ü: Lutz-W. Wolff
Reclam, 272 S.