Helga Schubert blickt zurück, zieht Bilanz und macht Mut für die Zukunft. »Luft zum Leben« heißt ihr autofiktionaler Prosaband aus alten und neuen Geschichten, unveröffentlichten Gedichten, Aufsätzen und Vorträgen aus 65 Jahren, darunter auch solche, die in der DDR, wo man sie jahrelang observierte, keine Druckgenehmigung erhalten hatten. Foto: Eddy Zimmermann / Rabauke Filmproduktion


»Luft zum Leben« erzählt von den Übergängen und Wendepunkten im Leben eines Menschen und einer Gesellschaft. Ein berührendes, aufrüttelndes und Hoffnung schenkendes Zeugnis wider die Resignation. Das Interview mit der großen Autorin, die 2020 mit achtzig Jahren den Bachmann-Preis gewann.

Buchkultur: »Luft zum Leben« versammelt Texte aus 65 Jahren, darunter auch solche, die zu DDR-Zeiten verboten waren. Erfüllt es Sie mit Freude, mit Genugtuung, dass sie nun, 40 Jahre später, veröffentlicht werden?  Dass man Ihrem Werk nun nach dem Bachmann-Preis wieder die Aufmerksamkeit schenkt, die es schon immer verdient hat? Es war ein wirklich so schöner Moment, als Sie ihn gewonnen haben.

Helga Schubert: Stimmt, es ist Freude, Genugtuung, aber auch Erstaunen, dass es die (von mir aus gesehen) übernächste Generation interessiert, was ich von meinem 20. Lebensjahr an schrieb. Diese Verblüffung spürte ich schon bei der Zustimmung in der Textauswahl, die meine Lektorin vom dtv, die meine Enkelin sein könnte, bei der Textauswahl traf. Eigentlich nur vorsichtig zeigte ich ihr nämlich Prosagedichte von 1960, die ich noch nie vorgelesen hatte. Da war ich 20, und es ist 65 Jahre her – ein ganzes Menschenleben ist seitdem vergangen!

»Das Schlimmste an der Diktatur«, schreiben Sie, und es liest sich heute wieder erschreckend aktuell, wenn man an die beiden derzeit mächtigsten Männer der Welt denkt, »ist die Humorlosigkeit. Sie bekämpft Witze über die Herrschenden, schreibt die Wortwahl vor, plötzlich darf man von einem auf den anderen Tag den Krieg nicht mehr Krieg nennen, sie hasst das Doppeldeutige, die Ambivalenz, schließlich die menschliche Realität.« Welche Verantwortung hat Literatur in diesem Zusammenhang auch heute noch oder gerade wieder? Was sagen Sie zu Trumps Vorgehen gegen die Kultur, die Wissenschaft, die Medien usw.?

Was die USA betrifft, bin ich in der Perspektive zuversichtlich. Die USA sind nicht die Russische Föderation, sind nicht China oder Nordkorea. Die USA sind so vielgestaltig, haben eine demokratische Tradition. Dieser Immobilienmann und TV-Moderator, der jetzt ihr Präsident ist, wird die USA nicht in eine Diktatur zwingen. Da kann er einen Flügel des Weißen Hauses für einen Tanzsaal abreißen lassen, an niedere Instinkte appellieren, an Neid und Rassismus, die Armee gegen Protestierende einsetzen, die Gewaltenteilung antasten.

Es gibt ja jetzt schon eine Gegenbewegung in den USA. Man denke nur an den gerade gewählten Bürgermeister von New York, einen von den Demokraten aufgestellten Kandidaten. Wenn den Wählern und Wählerinnen in den USA erstmal klar wird, wie sie sich einwickeln, schmeicheln und manipulieren ließen, wie man über ihren Präsidenten wegen dessen Sprunghaftigkeit in der übrigen Welt denkt. Die Literatur kann nur gegen Pathos und Einseitigkeit wirken, sie kann nur das Kind im Märchen »Des Kaisers neue Kleider« sein und unverdrossen rufen: »Ja aber er hat ja gar nichts an!«

Sie haben in den »Judasfrauen« über Denunziantinnen in der Nazi-Zeit geschrieben. Und Sie haben selbst mit den Folgen dieser Diktatur und dann selbst in einer Diktatur gelebt, wurden jahrelang observiert: Wie wird man kein Täter, keine Täterin? Haben Sie Sorge vor dem Anstieg rechtspopulistischer Parteien wie der AfD oder der FPÖ in Österreich, dass sich Unrechtsgeschichten wiederholen könnten? Wie fragil sind unsere Demokratien? Und wie können/müssen wir gegensteuern?

Die Propagandisten der kurzen Wege, also die Verächtlichmacher der Kompromisse, der mühsamen Interessen-Vereinbarungen, diese Propagandisten muss man ebenso mühsam als Propagandisten einer Diktatur benennen, entlarven. Dazu gehört Mut, Beredsamkeit und Geschichtskenntnis.

In der Diktatur ist man vor dem Täterwerden genau dadurch geschützt. Aber da kommt das Schweigen aus Klugheit dazu.

Hat Ihnen das Schreiben geholfen, das Leben in der DDR auszuhalten? Ist das Schreiben auch heute noch Rettung für Sie? Daniela Krien sagte einmal, wie sehr der Glaube ihr helfe in ihrem Leben und bei der Pflege ihrer schwer beeinträchtigten Tochter. Wie wichtig war und ist der Glaube in Ihrem Leben?

Das Schreiben hat mir geholfen, weil man dafür immer Distanz herstellen muss. Der Glaube an eine immanente Geborgenheit und Sinnhaftigkeit hat mich immer getragen und hüllt mich ein.

Ihre stärkste und Ihre schönste Kindheitserinnerung?

Als ich fünf war, nach Krieg und Flucht, im zerbombten Berlin, saß meine Puppe Christel, die ich immer an mich gepresst hatte, unter dem Weihnachtsbaum, aber nicht mit den stumpfen künstlichen zerzottelten Haaren, sondern mit einer neuen Perücke: Meine arme Großmutter, nach der Flucht aus dem Sudetengau, die neben dem Weihnachtsbaum stand und mich freundlich in den Arm nahm, hatte dafür ihre braunen duftenden Haare mit dem rötlichen Schimmer abschneiden lassen.

Was ist das Wichtigste, das Sie bei Tschechow für Ihr eigenes Leben »gelernt« haben?

Dass man um die Zeit und die Kraft zum Schreiben kämpfen muss gegen die Besitzinteressen der nächsten und liebsten Menschen.

Der Tod war von klein auf ein Begleiter, auch darüber schreiben Sie im Buch. Und Sie haben jahrelang Ihren Mann gepflegt und auf ungeheuer berührende und ehrliche Weise darüber geschrieben, es ist eines der schönsten und wichtigsten Bücher, die ich je lesen durfte, und es hat mir auch sehr geholfen, als meine Mutter pflegebedürftig wurde. Darf ich Sie fragen: Haben Sie Angst vor dem Tod? Wie geht es Ihnen nach dem Verlust Ihres Mannes?

Ich habe keine Angst vor dem Tod, will nur alles ordentlich hinterlassen und vorher noch drei Bücher schreiben. Und meinen Mann habe ich nicht verloren. Er ist immer da.

»Es gibt immer einen Ausweg in eine Rettung, es gibt immer einen Übergang in eine vorher unsichtbare unvorstellbare Lösung«, schreiben Sie im Vorwort zum Buch. Was hat Ihnen in Ihrem Leben Hoffnung und Trost, Mut und Zuversicht gegeben? Was gibt Ihnen heute Hoffnung und Trost, Mut und Zuversicht?

Es ist eine geradezu überwältigende Bewunderung und Ehrfurcht vor der Schöpfung. Dass ich als Mensch darin eine Weile leben darf.


Helga Schubert, geboren 1940 in Berlin, wuchs in der DDR auf, wo sie als Psychotherapeutin arbeitete. Ihr Debüt »Lauter Leben« erschien 1975 ebendort. Der Nachfolger »Das verbotene Zimmer« erhielt keine Druckgenehmigung – das Buch wurde dann vom westlichen Luchterhand-Verlag veröffentlicht. 1990 erschienen die »Judasfrauen«, zehn Fallgeschichten weiblicher Denunziation im Dritten Reich. Sie zog sich aus der literarischen Öffentlichkeit zurück, bis sie 2020 mit der Geschichte »Vom Aufstehen« den Bachmann-Preis gewann. Der gleichnamige Erzählband erschien 2021, es folgte »Der heutige Tag. Ein Stundenbuch der Liebe«. 2024 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz.

Helga Schubert
Luft zum Leben. Geschichten vom Übergang
dtv, 288 S.