Seit Kurzem ist es entschieden: Die Wahlen in Ungarn sind vorbei, Victor Orbáns Partei Fidesz wurde abgewählt. Debütautor Muri Darida, der selbst zwischen Berlin und Budapest pendelt, hat bei den Wahlen mitgefiebert. Er kennt die Sicht auf das jeweils andere Land, kennt beide Sprachen, beide Kulturen, das hat er mit seiner Hauptfigur Lazi gemeinsam.
Lazi ist in »King Cobra« (dtv) auf der Suche nach dem Gewehr des Großvaters und kehrt dafür nach Ungarn zurück – um in Deutschland Rache zu üben … Im Interview, das kurz vor den Wahlen stattgefunden hat, erzählt Muri Darida, warum es falsch ist, davon auszugehen, dass nur im Osten Europas die trans Rechte bedroht sind, er spricht über Schlangen und Rachefantasien und warum es oft die Sprachlosigkeit ist, die am meisten erzählt. Foto: Dorottya Márton
BUCHKULTUR: »Neu war, dass alle paar Meter blaue Plakate dafür warben, in einem nationalen Volksentscheid gegen ›sexuelle Propaganda‹ zu stimmen«: Zu dem Zeitpunkt als Lazi, 20 Jahre nach dem Vorfall in der Kindheit, die Reise antritt, kippt die politische Stimmung in Ungarn. Wieso haben Sie genau diesen Startpunkt für Ihre Handlung gewählt?
Muri Darida: Den Zeitpunkt habe ich zunächst so gewählt, weil es sich aus der Geschichte heraus so ergeben hat. Selbstverständlich prägt es Lazis Erleben in einem Land, das in der Erinnerung nur voller Geborgenheit und zutiefst romantisiert existiert. Lazi kehrt auf der Suche nach einer Waffe nach Ungarn zurück, um in Deutschland Rache zu üben. Und findet sich in einem politischen Klima wieder, in dem Täter-Opfer-Umkehr als politische Kampagne gegen Menschen wie Lazi selbst Hochkonjunktur hat. In rechtskonservativen und -extremistischen Kreisen werden Queerness und Gewalt an Kindern bewusst verknüpft. Das ist eine globale Trope. Viktor Orbán und seine Regierungspartei Fidesz bedienen aber mit ihrer sogenannten illiberalen Demokratie eine Art Vorbildfunktion für andere konservative Akteure weltweit. Sie haben gezeigt, wie Verschwörungsideologien auch in einer – wenn auch lädierten – Demokratie zur Staatsräson werden können.
Nun erscheint Ihr Buch zu einer Zeit, in dem sich die politische Realität für queere, nicht-binäre und Trans-Personen in Ungarn nochmal zugespitzt hat, nicht zuletzt durch den Fall Maja T. Was bedeutet es für Sie persönlich, dass Ihr Roman genau jetzt veröffentlicht wird? Und verändert dieser Moment, wie Sie selbst auf Ihr Buch blicken?
Die Situation in Ungarn schockt und schmerzt mich, aber sie überrascht mich nicht. Fassungsloser macht mich die Entwicklung in Deutschland. Dass die ungarischen Gerichte Maja T. und mit Maja die ganze sogenannte Antifa ohne ausreichende Beweislage als Terrorgefahr stilisieren, wundert mich nicht. Die Haftbedingungen auch nicht. Der eigentliche Skandal ist für mich, dass das LKA Sachsen Maja rechtswidrig nach Ungarn ausgeliefert hat, – mitten in der Nacht per Hubschrauber mit einem Sack über den Kopf – um damit einem Eilantrag beim Bundesverfassungsgericht um eine Stunde zuvorzukommen.
Mein Wohnsitz ist zwischen Budapest und Berlin. Kurz nachdem ich mit »King Cobra« begonnen hatte, gab es mit der Ampel-Koalition sogar trans Politiker:innen im deutschen Bundestag. Ein paar Jahre gab es eine kurze Ära des Selbstbewusstseins, was queere Rechte, aber auch Antirassismus und feministische Themen betrifft. Gleichzeitig ist es trans Personen in Ungarn 2020 verboten worden, Namen und Geschlecht offiziell anerkennen zu lassen. Mittlerweile können Bücher wie meines, die queere Figuren zeigen, nur einlaminiert an Personen über 18 verkauft werden. Trans und nicht binäre Personen sind per Verfassung als nicht existent oder nicht legal erklärt. Pride-Proteste wurden verboten, um die Versammlungsfreiheit einzuschränken. Hormonversorgung für trans und nicht binäre Personen gibt es de facto nicht mehr oder nur unter der Hand. Die letzten zwei Schreibjahre habe ich ausschließlich in Ungarn gelebt. Alle paar Monate kam ein neues Gesetz, das trans Personen weiter kriminialisiert oder verleugnet. Ich habe mich oft gefragt, ob es mir mit meinem deutschen Pass zusteht, dieses Buch zu schreiben. Als ich damit anfing, wusste ich nicht, wie aggressiv die Stimmung gegen nicht binäre und trans Personen zum Zeitpunkt seines Erscheinens auch außerhalb Ungarns ausfallen würde. Ich kenne heute niemanden mehr, der oder die nicht darüber nachdenkt, wohin es im Notfall gehen könnte – in einer Zeit, in der Länder wie die USA keine Einreise erlauben, wenn das bei der Geburt vermerkte Geschlecht geändert wurde.
Das Geschlecht meiner Figur ist ein wichtiger Faktor für das Erleben im Text, aber nicht das Hauptthema. Mit den aktuellen politischen Entwicklungen frage ich mich aber, ob diese Art der Prioritätenverteilung nicht bereits ins Utopische gerutscht ist. Oft habe ich mich auch gefragt, warum ich das Buch gerade jetzt schreiben muss. Doch wenn man sich fragt: Gerade jetzt? Dann ist die Antwort meistens: Jetzt erst recht.
Die Pride-Demonstration in Budapest ist ein Thema für mehrere Figuren: ein Sehnsuchtsort, an den manche sich nicht trauen, die um ihren Job fürchten, und zugleich ein Ort, der als politisches Brennglas wirkt. Denn hier wird auch international wieder auf die Situation in Ungarn aufmerksam gemacht. Lazi selbst soll in einer Reportage für ein deutsches Medium über die Pride berichten und steht damit in der übersetzenden Rolle zwischen zwei Ländern, zwei Sprachen, zwei Öffentlichkeiten. Eine Rolle, die Sie auch selbst kennen? Und wenn ja, gibt es Unterschiede?
Als Journalist bin ich mit der Rolle, für deutsche Medien aus Ungarn zu berichten, sehr vertraut. Allerdings bin ich kein Videojournalist und habe einen ganz anderen journalistischen Hintergrund und vor allem ein anderes Temperament als Lazi. Mein Rechercheschwerpunkt ist eher Außen- und EU-Politik und rechtsnationalistische Kommunikationsstrategien. Was ich Lazi aber aus meinem eigenen Erleben mitgegeben habe, ist ein Konflikt: Wer aufrichtig und kritisch berichtet, wird in Ungarn als Nestbeschmutzer und außerdem zutiefst un-ungarisch abgetan. Gleichzeitig habe ich – und im Roman Lazi – einen starken Widerwillen, einen rückständigen und tumben Osten vorzuführen, der das deutsche Publikum in seinen Überlegenheitsfantasien bestätigt. Ich gestehe, ein Charakter wie Viktor Orbán macht es einem da nicht immer leicht, aber genau dieses polarisierende Auftreten ist in meinen Augen ein elementarer Teil seiner politischen Strategie. Hier liegt der Unterschied zwischen Lazi und mir: Ich mache mir theoretische Gedanken über Medienwirksamkeit, Verantwortung und Machtverhältnisse. Lazi hat ganz pragmatisch keinen Bock, die Interviewpartnerin im Fernsehen zu blamieren und findet sie außerdem sympathisch. Nicht mehr, nicht weniger.
Kommen wir zum Titel »King Cobra«: Woher kommt Ihre Faszination mit der Königskobra, und was steckt für Sie in diesem Bild?
Mir fällt kein Tier oder Wesen ein, das sich so hartnäckig und wandelbar weltweit durch sämtliche Geschichten windet wie die Schlange: Sündenfall, eh klar. Dazu kommen eine ganze Menge weiterer Rachemythologien: Etwa, dass Schlangen sich rächen, wenn man ihre Partnerin tötet. In einer griechischen Metamorphose wechselt Teiresias wiederum das Geschlecht, nachdem er den weiblichen Part zweier kopulierender Schlangen tötet. In manchen Überlieferungen tötet er, also dann sie, das nächste Mal eine männliche und wird wieder zum Mann. Außerdem tauchen Schlangen – oder ihre fiktiven Cousins, die Drachen – in nordischen, chinesischen, mesopotanischen, europäischen und sämtlichen indigenen Mythologien auf. Wir finden sie in der tatarischen und russischen Folklore und in den Afrikanischen Kosmogonien. Also wirklich fast überall. Mir gefällt bei der englischen Variante das Wort »King«, weil es popkulturell auch einen queer-maskulinen Tonfall hat. Als biologisches Lebewesen fasziniert mich die Schlange, da sie sich kontinuierlich über die Häutung aus sich selbst heraus erschafft und so viel Kontakt zum Boden hat wie wenige andere Landlebewesen.
In »King Cobra« geht es um Rache, um das für sich selbst Aufstehen und letztendlich darum, Machtverhältnisse konkret zu verändern. Um das hinzubekommen, muss Lazi jedoch die eigene Vergangenheit verstehen lernen. Ist das immer notwendig, um bei sich selbst ankommen zu können?
Ich glaube nicht, dass es nötig oder vor allem möglich ist, die eigene Vergangenheit zu verstehen. Vielleicht geht es eher darum, Kanäle zu finden, um sie erfahren zu können. In meinem persönlichen Erleben laufen diese Kanäle nicht unbedingt über Informationen und Fakten, sondern über körperliche Präsenz. Mitgefühl mit sich selbst und anderen ist oft der Startschuss, um real etwas zu verändern. Jedoch führt der Weg dahin meistens über den Versuch, möglichst viel zu verstehen. An der Stelle begegnen sich Philosophie und Psychologie: Wenn man verstanden hat, dass man nichts verstehen kann, kann man vielleicht bei sich selbst ankommen. Ankommen – also anfangen mit sich selbst zu fühlen und nicht mit dem, was einem von außen auferlegt wurde. Die eigene Vergangenheit verstehen zu lernen ist ein schöpferischer Prozess des Scheiterns. Ich beobachte, dass dabei oft Material für gute Geschichten herauskommt, aber selten die Antworten und Lösungen, die wir uns erhofft haben.
Besonders sagenumwogen im Buch ist Tante Mónika. Über sie wird erzählt, sie hätte lauter Schlangen zuhause, zwischen ihr und der Familie gab es einen Bruch. Bei ihr wird Lazi gesehen, der Grund für die Reise – die Suche nach dem Jagdgewehr des Opas – erahnt und verstanden, wie von keiner anderen Figur. Was hat Sie persönlich an der Konstellation gereizt, und was wollten Sie anhand dieser Beziehung über das Thema Zugehörigkeit erzählen?
In so gut wie allen mir bekannten Familien gibt es zwei Arten von Geschichten: Die, die immer im genau gleichen Wortlaut erzählt werden. Zum Beispiel, wenn irgendjemand im Juni 1983 betrunken in der Schubkarre geschlafen hat. Die interessantesten Geschichten sind für mich diejenigen, die sich bei jedem Erzählen ein bisschen verändern. Die eigentlich gar nicht erzählt werden. Nur auf Nachfrage oder, häufiger, angedeutet im Nebensatz. Familien funktionieren als Zugehörigkeitsgefüge, indem sie sich abgrenzen. In den meisten Fällen gehört zu jeder Familie eine komische Cousine oder ein merkwürdiger Bruder, über den oder die nicht gesprochen wird und deren Name immer mit einem vielsagenden Blick verbunden ist. Diejenigen, die nicht dazugehören wollen oder dürfen, bekräftigen die Zugehörigkeit der übrigen. Tante Mónika verkörpert für mich dieses Phänomen. Solidarisch und doch unberechenbar ist sie eine Art Portal zwischen Früher und Heute, Hier und Dort, Freund und Feind. Und auch eins zwischen erzählter Wirklichkeit und Fiktion.
Sprache ist ein zentrales Thema in Ihrem Roman, so wächst Lazis Kiefer etwa symbolisch zusammen, wenn Lazi zu lange in Deutschland war und zu wenig Ungarisch gesprochen hat. Zeitgleich ziehen sich ungarische Phrasen ganz selbstverständlich durch das Buch. Welche Rolle spielen Sprachen für und auch in einem Menschen, wenn man zweisprachig aufwächst?
Ich selbst denke in gleichen Anteilen auf Deutsch und Ungarisch, oft auch in weiteren Sprachen. Allerdings bin ich selbst nicht im klassischen Sinne zweisprachig aufgewachsen. Ich hatte das Glück, die Sprache trotzdem noch in meiner Kindheit und Jugend zu erlernen. Vielen Menschen bleibt das verwehrt, insbesondere, wenn ihre Familien aus Regionen kommen, deren Sprachen als wertlos stigmatisiert werden. Eine Sprache, die fehlt, ist die unmittelbarste Version der Sprachlosigkeit. Zwei- oder Mehrsprachigkeit ist ein Scharnier, verschiedene Aspekte des Selbst ineinandergreifen zu lassen und ermöglicht ständige Perspektivwechsel. Wenn ich etwas nicht begreife, übersetze ich es als erstes ins Deutsche oder Ungarische. Und wenn ich es dann immer noch nicht begreife, übersetze ich es in die nächste Sprache und so weiter. Selbst wenn ich es am Ende immer noch nicht begriffen habe, habe ich etwas
In zwei von drei Teilen übersetzt und kommentiert eine Stimme in Klammern, richtet sich manchmal sogar direkt an die Lesenden und referenziert sich zudem selbst: »(Da werde ich, die Übersetzung, blass vor Neid.)« Wann spricht die Stimme, wann schweigt sie? Und wer spricht eigentlich an dieser Stelle?
Die Stimme schaltet sich immer ein, wenn Lazi sich an Orten der eigenen Vergangenheit aufhält und schweigt im zweiten Teil, den Lazi in Budapest verbringt. Also an einem Ort, der nicht von der eigenen Kindheit oder den Geistern der eigenen Familie überlagert wird. Da, wo Lazi nah am eigenen Ich ist, braucht es die Übersetzung nicht. Wer genau beim Übersetzen spricht, ist eine meiner Lieblingsfragen, auf die ich keine Antwort weiß. Ich selbst habe jahrelang in der Psychotherapie gedolmetscht. Beim Dolmetschen oder Übersetzen vervielfacht sich das »Ich«. Man sagt »ich« und meint nicht sich, sondern die Ichs der anderen Parteien im Raum. Auf Kurmanjî heißt »Ez«: »Ich.« Auf Ungarisch heißt »Ez«: »Dies« oder »das«. Würde ich also zwischen Kurdisch und Ungarisch dolmetschen, würde ich das mit ich und ich mit das übersetzen. Die Übersetzung im Text ist in meiner Lesart auf jeden Fall eine Ich-Instanz, aber wir wissen nicht, zu wem dieses Ich gehört und zu wem nicht.
Ein weiteres zentrales Motto ist das Schweigen, es geht um das Nicht-Gesagte, besonders zwischen den Generationen. Was fasziniert Sie daran und warum wird in Familien immer noch so vieles ausgelassen?
Familien sind paradoxe Machtgefüge. Wenn es gut läuft, sind sie ein belastbares Auffangnetz und Unterschlupf. Wenn es schlecht läuft, ein Vakuum der Gewalt. Menschen schweigen, wenn ihr Schmerz sich nicht in Sprache gießen lässt. Wir schweigen aber auch aus Wut, Ergriffenheit, Fassungslosigkeit und Angst. Genauso kann Schweigen eine Art der Bestätigung oder Verneinung sein. Wenn ich frage: »Und du hast von alledem gewusst?« und mein Gegenüber schweigt, ist das eine Aussage. Schweigen als Antwort auf eine Offenbarung kann Bestätigung, Missachtung oder Beschämung bedeuten. Die Gründe dafür sind manchmal banal: Schweigen ist oft bequemer als Handeln. Familienmitglieder sind sich auf eine manchmal unfreiwillige Weise nah. Das heißt, dass sie mit ihren Verletzungen, Kränkungen und intergenerationalen Katastrophen Einfluss aufeinander nehmen. Ich verdächtige Gefühle von Schuld und Scham als Hauptmotivation für systematisches Schweigen. Etwa Scham, den Vorstellungen der Generationen zuvor nicht gerecht zu werden. Oder Schuldgefühle, als Eltern versagt zu haben. In gewaltsamen Familien ist Schweigen die Währung, mit der man bezahlt, um nicht exkommuniziert zu werden. Oder um nicht in die Schusslinie zu geraten.
Bei all den schweren Themen – Gewalt, Diskriminierung Familiengeheimnisse – ist »King Cobra« auch ein humorvoller Roman. Ist der Humor für Sie in diesem Zusammenhang ein ästhetisches Mittel oder Überlebensstrategie?
Beides. Humor bedeutet für mich, die Wirklichkeit samt ihrer Absurdität anzuerkennen. Humor schafft eine Distanz, die schmerzhafte Erfahrungen erträglicher macht. Mit Absurdität meine ich nicht, dass alles grotesk ist. Vielmehr, dass sich beim genaueren Betrachten oft herausstellt, dass die Dinge nicht zwingend so sein müssen, wie sie eben sind. Und sobald klar ist, dass sie nicht sein müssen, wie sie sind, folgt die Erkenntnis, dass sie sich eventuell verändern ließen. Humor selbst kann auch eine Manipulationsstrategie sein, etwa um zu entwaffnen. Es ist viel schwerer, sich zu wehren, wenn man gerade lachen muss – sowohl auf körperlicher, als auch auf ideeller Ebene. Neben all diesen Überlegungen finde ich auch einfach, dass sowohl meinen Figuren als auch den Leser/innen und am Ende natürlich auch mir beim Schreiben ein bisschen Leichtigkeit und Freude nicht schadet.
In Ihrem Artist Statement auf Ihrer Website schreiben Sie: »Mein Schreiben konzentriert sich auf das Verhältnis von Sprache, Widerstand und Macht.« Gab es Momente oder Stellen, wo sind Sie beim Schreiben dieses Romans mit diesem Anspruch und Anliegen an die Grenzen gestoßen sind?
Absolut. Begonnen bei der Frage, ob Rache mit einem Jagdgewehr als Widerstand zählt oder einfach als Eskalation der Gewalt. Um wirklich etwas zu verändern, braucht es ein großzügiges Maß an Radikalität. Lazi als Figur ist damit ausgestattet – und demzufolge ungeeignet für jede moralische Vorbildfunktion. Im Grunde beschäftigt mich die Fragen bereits mein ganzes Erwachsenenleben, gerade auch im Journalismus: Wie lässt sich Widerstand gestalten, ohne die Mittel des Machtsystems zu verwenden, das es zu verändern versucht? Im Roman selbst war mir wichtig, so wenig Platz wie möglich für Täterperspektiven einzuräumen und die Figuren nicht auszuliefern. Gleichzeitig wollte ich die Realitäten von Betroffenen respektieren und ihnen keine Utopien in die Wunde reiben.
Und eine Abschlussfrage: Welche Bedeutung hat Musik für das Schreiben und gerade für dieses Buch?
Wenn ich ein bisschen mehr Talent und dafür weniger Lampenfieber gehabt hätte, wäre ich wahrscheinlich Musiker geworden. Schreiben ist für mich näher am Musizieren als am Denken. Mir ist der Klang und Rhythmus eines Satzes mindestens genauso wichtig wie seine Semantik. Und ich meine, dass zwischen den beiden ein innerer Zusammenhang besteht. »King Cobra« habe ich zwar als Roman geschrieben, aber der konzeptuelle Ansatz war ein filmischer. Und zu Filmen gehört Musik. Zu queerer Freude, zu politischem Widerstand, zur Sehnsucht nach einer besseren Welt, zum Leiden und Verliebtsein, zum Feiern und zum Trauern gehört für mich Musik. Deshalb gehört sie auch zu diesem Buch.
Muri Darida (*1993) lebt zwischen Budapest und Berlin. Literarische Publikationen u.a. in BELLA triste, Edit, mosaik und Jenny. Zu politischen und gesellschaftlichen Themen publiziert Muri Darida regelmäßig u.a. auf ZEIT ONLINE, arte, taz und SZ. Mit einem Auszug aus »King Cobra« war Darida für den Wortmeldungen Förderpreis 2022 nominiert und gewann den Publikumspreis des Open Mike 2024.
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Muri Darida
King Cobra
dtv, 288 S.
