Nasima Sophia Razizadehs Lyrik im Dazwischen: Übergang, Hybris, Sprache als schwebender Raum jenseits fester Ankunft. Foto: Dirk Skiba
Aus: Buchkultur 224, Februar 2026
Mit »Entschwebung« legt die studierte Biologin Nasima Sophia Razizadeh, die 1991 in Frankfurt am Main geboren wurde, ihren zweiten Gedichtband vor. Im Zentrum stehen unter anderem Übergänge, Schwellen und Zustände des Dazwischen. Die Gedichte kreisen um Momente des Lösens und Verharrens, um Bewegung und um Wahrnehmung. Sprache erscheint dabei weniger als Mittel der Festlegung denn als Raum, in dem Bedeutung in der Schwebe bleibt.
Dem Band sind Verse aus Georg Trakls Gedicht »An den Knaben Elis« vorangestellt: »Elis, wenn die Amsel im schwarzen Wald ruft,/ Dieses ist dein Untergang.« Dieser Bezug wird später im Gedicht »Die Amsel« aufgenommen und weitergeführt. Die Amsel ist nicht nur Todesbotin, sondern auch eine Figur des Innehaltens: vom »Immer ihres Sitzens« und dem »Jetzt ihres Gesangs« ist die Rede
Eine weitere Trakl-Referenz findet sich im Gedicht »Trakls Taschenuhr«. Die Uhr, zunächst »unter meinem Fuß, schon nur noch Spur ihrer selbst« und dann in repariertem Zustand, steht der Unumkehrbarkeit des Todes gegenüber. Das lyrische Ich möchte dem »Sohn des Pan«, das ist Trakl, nicht nur die Uhr zurückgeben, sondern auch, »Runde um Runde«, das Leben, das er sich genommen hatte.
Doch den Auftakt des Bandes bildet das Gedicht »Lichtspur«, das den Ikarus-Mythos aufgreift. Ikarus, der mit künstlichen Flügeln der Gefangenschaft entkommt und an der Sonne scheitert, gilt traditionell als Warnfigur vor Übermaß. Razizadeh entzieht dem Mythos diese Moral. Der Sturz markiert kein Scheitern, sondern gehört zur Bewegung selbst. »Die Kette reißt, die Mitte flieht«, heißt es, »Kern und Koma bersten«. Schreiben, das sich als »Kokon aus Worten« realisiert, erscheint als riskanter Vorgang, als Aufbruch ohne sichere Landung. Das Verhältnis zur Höhe bleibt dabei ambivalent: »die Höhe hasst mich, mich ängstigt die Höhe/ und ich gehorche doch/ dem Übermut in mir«.
Immer wieder richtet sich der Blick auf das eigene Schreiben. In »Rückrückung« wird das lyrische Ich ausdrücklich in Frage gestellt: »Das lyrische Ich, will ich meinen,/ gibt es nicht.« Stattdessen ereignet sich das Subjekt erst im Gedicht selbst, »wortwerdend«. Razizadeh knüpft an die Tradition des Dinggedichts an, lässt dabei aber auch das Ich zum Ding werden, das sich nicht behauptet, sondern zeigt: als »Ding im Ding,/ Ich im Ich«. Damit geht eine konsequente Skepsis gegenüber dem Benennen einher. In »Verlockung« heißt es programmatisch: »Dichten kann doch nur sein, das,/ was namenlos ist, zu sagen, und/ dem Nennen […] zu widerstehen«. Sprache soll zur Erscheinung bringen, ohne festzuschreiben. Die daraus resultierende »durchsichtige Leere« wird so nicht als Mangel verstanden, sondern als Voraussetzung von Wahrnehmung.
Trotz dieser starken Selbstreflexion bleibt »Entschwebung« sinnlich und konkret. Tierlichkeit etwa erscheint nicht allegorisch, sondern als Erfahrungsform von Nähe, Verletzlichkeit und Ausgesetztheit. »ich bin kein krankes Tier,/ bin lediglich am Tiersein erkrankt«, heißt es in »Diese Tür Nur« – ein Satz, der Pathos vermeidet (»lediglich«!) und dennoch Existenzielles einfängt. Auch die »Zinnlibellen«, die »immer/ den Weg hinaus« kennen und »den Irrgarten eigens erfunden« haben, um sich »im Freien zu verfliegen«, lassen sich weniger als Metapher denn als poetische Haltung lesen.
»Entschwebung« verweigert den festen Standpunkt. Der Band zeigt, wie tragfähig zeitgenössische Lyrik sein kann, wenn sie das Dazwischen nicht überbrückt, sondern bewohnbar macht, und wenn sie dem Übergang und der Vorläufigkeit mehr vertraut als der Ankunft.
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Nasima Sophia Razizadeh
Entschwebung
Wallstein, 142 S.
