Autofiktional ergründet Colombe Schneck eine Kindheitsidylle.


Nach über dreißig Jahren kehrt die Schriftstellerin Colombe an den Ort ihrer glücklichen Kindheit zurück: Das Home. Ein Haus in einem Schweizer Tal, ein Rückzugsort vom echten Leben mit zusätzlichen Eltern und einem Haufen anderer Home-Kinder, die in den Schulferien für 80 Schweizer Franken pro Tag »adoptiert« werden. Die Autorin beschreibt einen Zuflucht- und Sehnsuchtsort, in dem die Kinder aus privilegierten Familien einen harten Alltag voller Abenteuer auf dem Land erleben.

Colombe hat ihre eigene Version von der Vergangenheit im Kopf, es ist eine Geschichte, die zur malerischen Landschaft passt und die sentimental in der kindlichen Realität festhängt. Doch je tiefer sie gräbt, desto mehr beginnt das idyllische Bild zu bröckeln. Widersprüche tauchen auf und führen zu Lügen und Fehlern in diesem Paradies, das nicht allen gerecht wurde. In poetischer Sprache wird das Glück der einen zur Tragik der anderen. Naiv erinnert sich ihre Figur an die unbeschwerte Zeit, skizziert die Hintergründe der Kinder und beschreibt Dynamiken und Machtverhältnisse im Home. Komplexe Figuren werden durchschaubar und fügen sich zusammen zu den Wirklichkeiten, die sich im nostalgischen Gedächtnis so leicht verwechseln lassen. Während Colombe Schneck in der Autofiktion den Schicksalen ihrer Ersatzgeschwister nachspürt, begegnet sie auch ihrer eigenen Vergangenheit, die sie beharrlich begleitet. »Lügen im Paradies« ist ein berührendes und beunruhigendes Buch über fragile Familienbeziehungen und die verblendende Kraft der Erinnerung.

Colombe Schneck
Lügen im Paradies
Ü: Claudia Steinitz
Rowohlt, 160 S.