Nähe wird Distanz, Distanz wird Einsamkeit. Pier Vittorio Tondelli verwandelt Verlust in zeitlose, poetische Intensität.
Pier Vittorio Tondelli (1955–1991) war eine der eigenwilligsten Stimmen der italienischen Literatur. Er schrieb über Popkultur, Homosexualität und die Rastlosigkeit einer Generation, ehe er mit nur 36 Jahren an AIDS starb. Sein letzter Roman »Getrennte Räume« ist zugleich Testament und Bekenntnis, eine Erzählung über Liebe, Tod und das Unmögliche dazwischen.
Thomas, ein junger Musiker aus München, liegt Ende der 1980er-Jahre im Sterben. Sein Partner Leo, ein renommierter italienischer Autor, erträgt den endgültigen Abschied nicht und irrt rastlos durch Europa und die USA. Doch je weiter er sich entfernt, desto stärker drängen sich die Erinnerungen auf: Momente der Zärtlichkeit, Bilder einer Liebe, die gerade in der Distanz ihre Intensität gewinnt. Die »getrennten Räume« sind dabei nicht nur topografisch, sondern existenziell. Zwischen Leo und Thomas besteht eine Beziehung, die ihre Intensität aus der Distanz zieht. Doch als aus freiwilliger Trennung erzwungene Einsamkeit wird, verliert sich Leo in einem Zwischenraum, getrieben vom Wunsch nach Loslösung und der Sehnsucht, festzuhalten. Gleichzeitig muss er sich seinem Älterwerden und den Erwartungen anderer stellen. Tondellis Sprache ist von unbestechlicher Klarheit, zugleich poetisch und körpernah. »Getrennte Räume« ist kein Roman über ein einzelnes Schicksal, sondern eine Erzählung über das Menschliche im Angesicht von Verlust. Nicht zuletzt entfaltet sich darin ein Bild der Liebe selbst: als Kraft, die gerade in der Spannung von Nähe und Distanz wächst.
Aus: Buchkultur 222, Oktober 2025
—

Pier Vittorio Tondelli
Getrennte Räume
Ü: Heinrich Schmidt-Henkel
Gutkind, 280 S.
