Zwei Romane über Babyn Jar, das Massaker der deutschen Besatzer im Kiewer Raum. Foto: gemeinfrei.
Eine 70-jährige Erzählerin erinnert sich an ihre Begegnung mit Vera im Jahr 1968. Damals war sie 14 und versuchte, ihrem Leben mit den Schlaftabletten ihres Vaters ein Ende zu setzen. Was hat sie damals so bedrückt? Könnte sie die 14-Jährige von damals besser verstehen, wenn sie in das Leben von Vera eintaucht? Diese war zum selben Zeitpunkt von Kiew nach Darmstadt gekommen, um als überlebende Zeugin über das Massaker von Babyn Jar auszusagen. Dort verübten Einsatzgruppen der deutschen Sicherheitspolizei und des SD unter Mitwirkung der Wehrmacht den größten einzelnen Massenmord an Juden im Zweiten Weltkrieg. Am Rand der zehn Meter tiefen Schlucht Babyn Jar wurden am 29. und 30. September 1941 innerhalb von 48 Stunden mehr als 33.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder umgebracht. Vera lag drei Tage unter Sand, Erde und Leichen, bevor ihr die Flucht gelang.
Die vielfach ausgezeichnete Übersetzerin und Autorin Susanne Röckel begleitet die damals 57-jährige Vera vom Flughafen Darmstadt bis zur Aussage vor Gericht. Dabei werden auch die Lebensumstände der Menschen, die ihr begegnet sein könnten, mit wenigen Strichen authentisch skizziert. Der Diplomat, der sie vom Flughafen abholt, der Hotelportier, die Bedienung einer Kneipe, die sie aufsucht, der Obdachlose, der sich ihr am Heimweg in den Weg stellt, die Frau, die in der letzten Reihe des Gerichtssaals Platz genommen hat, aber auch die – in vielen Belangen verschwiegenen – Kriegserfahrungen der Eltern der Erzählerin legen die historischen Verbindungen ihrer Schicksale offen. Der sich dabei entfaltende Strom der Gedanken der Erzählenden ist so überaus dicht, stilistisch so brillant, von sorgfältig gesetzten Wiederholungen durchdrungen, dass es unmöglich wird, auch nur einen einzigen Satz zu überfliegen. Jeder ist so bedeutsam wie jede Figur der Geschichte. Vorangestellt ist u. a. ein Zitat aus dem bahnbrechenden Traktat »Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen« des Mitbegründers der Freien Universität Berlin Klaus Heinrich. Möge dieser Querverweis viele Lesende auch auf Klaus Heinrichs Werk aufmerksam werden lassen!
Die Lektüre dieses Romans schreit geradezu nach der von Zeugenberichten, und kaum eine wäre geeigneter als Anatoli Kusnezows »dokumentarischer« Roman »Babyn Jar« über die beiden deutschen Besatzungsjahre in Kiew. Dieser Roman wurde 1966 erstmals in zensierter Form in der Sowjetunion publiziert. 1969 gelang es dem Autor, die ursprüngliche Fassung nach England zu schmuggeln, die bald darauf in mehreren Sprachen erschien. 1979 starb Anatoli Kusnezow bei einem bis heute ungeklärten Verkehrsunfall in seiner Exilheimat Großbritannien. Nun hat der Verlag Matthes & Seitz eine Neuübersetzung von Christiane Körner mit Nachworten des Historikers Bert Hoppe und der Autorin Kateryna Mishchenko herausgebracht. Das Buch schildert die Ereignisse aus dem Erleben des damals 12-jährigen Anatoli Kusnezow, die Euphorie der Ukrainer gegenüber den vermeintlichen Befreiern von der Sowjetmacht und das einsetzende Entsetzen und Elend unter der deutschen Besatzung. Vor allem aber enthält es den Bericht des Überlebens von Dina Mironowna Pronitschewa, Susanne Röckels Vorbild für »Vera«. Das Gemetzel an der jüdischen Bevölkerung und die Ermordung der Insassen der psychiatrischen Klinik in Kurenjowka nehmen breiten Raum ein, aber auch der sowjetische Antisemitismus wird nicht ausgespart. Ebensowenig die eigene Gier des Jungen bei Plünderungen. Eine schreckliche, aber gegenwärtig kaum verzichtbare Lektüre!
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Susanne Röckel
Vera
Residenz, 160 S.
Anatoli Kusnezow
Babyn Jar. Die Schlucht des Leids
Ü: Christiane Körner
Matthes & Seitz, 400 S.
