Das von der Kritik bejubelte Debüt ist Roman und Praxis einer Lebensanschauung zugleich. Foto: David Evans
Aus: Buchkultur 224, Februar 2026
»Jeder muss sich selbst als grundsätzlich gut begreifen, als Held seines eigenen Lebens.« Sätze wie dieser tragen die ganze Handlung, die ganzen absonderlichen Charaktere von »Hitzetage« in sich; Charaktere, die einem nicht einmal wirklich sympathisch sind, so voller Makel sind sie, aber am Ende dann eben doch, weil wir ja alle so sind.
Es sind die heißesten Tage des Jahres und ein Wal strandet in der Themse. Rund um dieses leicht absurde Setting führt McKenna etwa zehn miteinander eng verknüpfte Kernpersonen ein, vollführt konsequente Perspektivwechsel und malt deren Leben leidenschaftlich bunt aus. Maggie ist schwanger und wie verloren angesichts ihrer Zukunft. Phil ist in Keith verliebt, der aber einen Freund hat. Rosaleen hat Krebs und schafft es nicht, es ihrem Sohn Phil zu sagen. Der Autor hat dermaßen viel Verständnis für seine Protagonist/innen, dass man ihm und ihnen wirklich alles glaubt. Nur manchmal, wenn sie etwas nicht über die Lippen bringen, erhebt sich helfend eine allwissende Erzählstimme über das Geschehen. McKennas Roman lebt von einer zurückgenommenen, kräftigen Poesie: »Alle rauchen, besonders die Nichtraucher.« Oder wenn in der vollen hochsommerlichen Metro alle um Sauerstoff ringen: »Jeder schnappt nach seinem Anteil an Luft.« Er fängt London ein, aber eigentlich die Menschen als solche, er trägt einen mit blitzendem Schalk an menschliche Abgründe und am Ende ahnt man: Die menschliche Erfahrung, das Erleben, ist zutiefst austauschbar, einzig die Entscheidungen, die wir treffen, formt es.
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Oisín McKenna
Hitzetage
Ü: Hans-Christian Oeser, Alexandra Titze-Grabec
Residenz, 360 S.
