Sofi Oksanen widmet ihr neues Buch „Hundepark“ dem Thema Eizellenspende.


Auf einer Bank in einem Hundepark in Helsinki sitzt eine Frau und gibt vor zu lesen. In Wahrheit jedoch beobachtet sie aufmerksam eine Familie und bemerkt, während sie mit ihrer eigenen Observation beschäftigt ist, nicht, dass zugleich auch sie selbst Objekt des Interesses ist …
Die finnische Schriftstellerin Sofi Oksanen stellt geschickt infrage, was sich hinter dieser scheinbar gewöhnlichen finnischen Familie, dem Ausgangspunkt ihres neuen Romans, verbirgt. Die beiden Frauen auf der Parkbank, das entspinnt sich erst spät im Verlauf des Romans, sind jeweils die genetischen Mütter der beiden Kinder dieser Familie, deren Eizellenspende hat die Entstehung dieser Familie möglich gemacht. Oksanen, die sich in ihren Romanen schon in der Vergangenheit heikler Themen angenommen hat, bringt mit »Hundepark« ihren Leser/innen die florierende Welt des Geschäfts mit dem Kinderwunsch näher – tatsächlich ist die Ukraine, Herkunftsland der beiden Frauen, darin führend.

Das Konzept Leihmutterschaft ist in Deutschland und Österreich verboten, die Eizellenspende in Österreich zwar nach einer Novelle 2015 unter strengen Restriktionen (etwa darf die Spenderin dafür kein Geld akzeptieren) erlaubt, doch die Kluft zwischen wohlhabenden europäischen Frauen, die sich gegen viel Geld ihr perfektes Kind zusammenbasteln, und Frauen aus Osteuropa, die von einem besseren Leben träumen und dafür ihre Gene verkaufen, schließt sich durch diese punktuellen Öffnungen noch lange nicht.

Sofi Oksanen verbildlicht diese Kluft in Gestalt ihrer Protagonistin Olenka, einst Spenderin, nun in ihrer Agentur zur Vizechefin aufgestiegen. Olenka muss reichen Kund/innen ihre Spenderinnen schmackhaft machen, gute Miene machen, während die dicken Kataloge durchgeblättert werden: „Doch bald schon galoppierte ihre Fantasie in Richtung von Haaren wie in der Shampoowerbung, Haut wie in den Frauenzeitschriften […], das ursprüngliche Budget geriet völlig in Vergessenheit, und hässlichere und unbegabtere Mädchen wurden wie aus Versehen aussortiert.“ Olenka kämpft mit ihrer Herkunft und Vergangenheit, in diesem aus ihrer Perspektive monologartig erzählten Roman erfahren die Leser/innen und das „Du“, an das sich Olenka richtet (und das ihr offenbar abhanden gekommen ist), jeweils nur so viel, wie Olenka preisgeben möchte. Ihre Kindheit zwischen Finnland und der Ukraine, das Geld, das ihre Familie durch Opiumanbau verdient, krumme Bergbaugeschäfte ihres Vaters, Traumata und Verletzungen werden in Rückblenden angesprochen, nie direkt, immer durch Auslassungen, zu weh tun die Erinnerungen. Die Komplexität des Textes in Kombination mit einem solch brisanten Thema ergibt ein wertvolles, ein lesenswertes Stück Literatur.

Sofi Oksanen
Hundepark (Kiepenheuer & Witsch)
Ü: Angela Plöger, 480 S.