Mit der polnischen Sprache könne man spielen »wie auf einem bizarren Instrument«, sagte die Schriftstellerin Dorota Masłowska 2019 im Interview mit Dagmar Kaindl für BUCHKULTUR. Foto: Marcin Szczygielski

Die Analogie zur Musik kommt nicht von ungefähr – auch als Rapperin war die Autorin eine Zeit lang erfolgreich. Den Durchbruch schaffte die 1983 im polnischen Wejherowo geborene Masłowska unglaublich früh mit »Schneeweiß und Russenrot« (2002), sie hatte es noch während ihrer Schulzeit innerhalb von nur einem Monat geschrieben. Schon damals war ihr Sound eingängig, die Prosa düster und provokant, und im Unterschied zum Verlag blieb der Übersetzer ins Deutsche, Olaf Kühl, über all die Jahre derselbe. Er übertrug auch ihr neues Buch »Im Paradies« kunstvoll dem Ton entsprechend: Die Sprache in diesem neuen Werk quillt über vor teils grotesk anmutender Lakonie, wild wuchernder Fantasie und hochintelligenter Opulenz.
Wenn auch der formangebende »Roman«, mit dem das Buch angekündigt ist, die Prämissen verfälscht (denn die einzelnen, jeweils übertitelten Stories sind in sich abgeschlossen), die Prosa überzeugt und ist aktuell. Einzelne Geschichten, die anhand kleiner Details miteinander verwoben sind – so kommt zum Beispiel die Bäckerei Chlebavnia, die fragwürdigen Back-Trends folgt, aus zwei unterschiedlichen Perspektiven vor – werden kreativ und mit Wissensvorsprüngen kokettierend an allen Enden zum full circle moment. Wir befinden uns in einem Polen in der Endzeit des Kapitalismus, schwallartig wird die Welt, düster und extrem, vor ihren Leser/innen ausgekotzt. In »Handschrift, in einer Fantaflasche gefunden« hat sich für die Ich-Erzählerin in ihrem Leben so etwas wie Liebe ereignet – erst am Ende vollzieht die mitverführte Leserin nach: Diese »Liebe« war ein dreckiger, versiffter Seitensprung mit einem Mann, dessen Namen sie nicht kannte. In »Housewarming Party« wütet ein koksender Möchtegern-Regisseur auf der eigenen Einweihungsparty, das Ende (»Was haben nur alle in meiner Familie gegen ihn?«) bringt den Morast der Co-Abhängigkeit bitterböse auf den Punkt.
Dorota Masłowska betrachtet wortgewandt und mit atemberaubender psychologischer Gewieftheit Menschen im Brennglas. Immer gezeichnet von ihrer Umgebung – in die sie wohl oder übel geworfen sind. Vielleicht siegt schlussendlich ja doch die Hoffnungslosigkeit, aber Masłowskas Sprache tröstet uns ein wenig darüber hinweg.
Originalveröffentlichung: Buchkultur Bücherbrief 13. Februar 2026. Illustration: Jorghi Poll.
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Dorota Masłowska
Im Paradies
Ü: Olaf Kühl
Rowohlt Berlin, 160 S.
