Spätestens seit letztem Jahr bin ich großer Fan des Booker Prize. Foto: Martin Figura

Der professionelle Auftritt in den Sozialen Medien, das Event, das alle – nicht nur eine beschränkte Blase – abholt, zugängliche, diverse Bücher: Der Preis, der übrigens seit 1969 von der Lebensmittelgroßhandelsfirma Booker plc verliehen wurde, bis 2019 hauptgesponsert von der Firma Man Group plc, übt auf mich eine große Faszination aus. Nicht minder spannend ist auch zu beobachten, welche der Bücher bereits ihren Weg ins Deutsche gefunden haben und welche noch etwas weiter von der Lizensierung entfernt sind. Könnte das schon ein Hinweis auf das Gewinnerbuch sein? Wenn dem so wäre, dann hätte man Preisträger David Szalay, bereits 2016 auf der Shortlist des damals noch Man Booker Prizes, schon vorab die besten Chancen einräumen müssen. Mit dem ausgezeichneten »Flesh« ist ihm jedenfalls ein handwerklich grandioser Roman gelungen – das sage ich, ohne den Großteil der anderen nominierten Bücher gelesen zu haben.
Szalay schreibt unglaublich handlungsgetrieben und temporeich über die Lebensgeschichte von István, seinen Lebensstationen und -tragödien, durch die uns eine unbeschreibliche Rohheit und Körperlichkeit trägt. Ein massiver Mann, der von seinem Heimatdorf in Ungarn aus als Soldat in den Irak geht, später Security in London wird. Leise Szenen, über denen immer der Schatten einer bevorstehenden Gewalt liegt, von älteren Frauen mit Vergnügen unterworfen, Sex ergibt sich selten aus Lust, eher aus Pragmatismus, denn »er genießt den Selbsthass, der ihn danach quält«. Am Ende muss er einsehen, dass er nicht der gute Mensch ist, für den er sich stets gehalten hat. In einer Rezension habe ich gelesen, das Buch sei dialogarm: Ist es, finde ich, nicht. Der Protagonist ist schlicht wortkarg.
Meinen Unmut über den deutschen Buchtitel musste ich direkt in meinem Bekanntenkreis kundtun. »Was nicht gesagt werden kann«, ein Titel, der es nicht mit der Konnotation des englischen »Flesh« aufnehmen kann. Und doch, worauf ich von meiner Psychotherapie-studierten Freundin hingewiesen wurde: Wenn man ihn in die Nähe der Psychoanalyse rückt, woher er wohl auch stammt, ist es ein Titel, der das Buch erklärt. Denn nach Lacan kann die Wahrheit zwar durch das Sprechen ans Licht kommen, doch das »Sagen« stößt per se immer an die Schranke des Urverdrängten (Freud), kreist gewissermaßen um die Wahrheit, die sich dann erst durch das Beschriebene zusammensetzt. Im Grunde kann man also die Wahrheit immer nur halb sagen. Psychoanalyse ist der Raum für das, was man nicht sagen kann. Und dieses Buch über einen Mann, der sich kaum selbst hinterfragt, der lebt, getrieben ist, ist ein solcher Raum. Was wiederum den Roman so großartig macht.
nach Verleihung bearbeitete Version, Originalveröffentlichung: Buchkultur Bücherbrief 7. Oktober 2025. Illustration: Jorghi Poll.
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David Szalay
Was nicht gesagt werden kann
Ü: Henning Ahrens
Claassen, 384 S.
ET: 16. Oktober
