Ein Wolf, ein Dorf und ein Tag, der alles verändert: Fünf Jugendliche sind in »Problemwölfe« unterwegs, um die Welt ein klein wenig besser zu machen. Illustration: Agi Ofner
Die Anwesenheit eines einzigen Wolfes erschüttert ein Dorf in den Bergen und spaltet nicht nur seine Bevölkerung, sondern auch eine Gruppe von Jugendlichen. Die wütend-trotzige Marlene tritt vehement für das Bleiben des Wolfes ein. Unerbittlich begegnet sie allen, die gegen den Wolf sind, auch Rudi, ihrem Freund, mit dem sie erstes Liebesglück erlebt. Rudi aber ist wegen seines Vaters und der Schafe, die die Familie hält, gegen das Bleiben des Wolfs. Jonas, neu im Dorf, entwickelt Gefühle für die starke Marlene und weiß überhaupt nichts vom Wolf, weil er sich, schüchtern und verschreckt, mit seiner weißen Hündin daheim verkriecht. Amal, Marlenes beste Freundin, traut sich nicht, eine Meinung zu vertreten und möchte es allen recht machen. Zu dieser Gruppe Gleichaltriger kommt die ortsfremde Saskia-Mattea hinzu, das Mädchen ganz in schwarz, das sich vor einer Schul-Schiwoche drücken möchte.
Es ist Winter. Marlene möchte unbedingt einen Sitzstreik am Berg veranstalten, dort, wo der Wolf ist und eine weitläufige Hotelanlage gebaut werden soll. Bei der wöchentlich stattfindenden Demo im Dorf verletzt sie sich den Knöchel und gelangt nur mit Hilfe einer Täuschung und der Unterstützung von Jonas und Saskia-Mattea mit ihrem schweren Rucksack und dem schmerzenden Knöchel auf den Berg. Oben, allein in einer Hütte, zieht ein Schneesturm auf. Jonas und Saskia-Mattea, aber auch Amal und Rudi machen sich Sorgen um die Wolfsschützerin und schließlich auf den Weg.
Es beginnt ein Wettlauf mit Schnee, Wind, Kälte und dem Wolf. Innerhalb von 24 Stunden verändern sich die fünf Jugendlichen und ein kleines Stück ihrer Welt. Als Leserin nimmt man durch rasante Perspektivwechsel Anteil an den Gedanken und dem Tun jeder und jedes einzelnen der fünf Jugendlichen. So entsteht ein dicht gesponnenes Netz an individuellen Blickwinkeln und Innenleben. Außerdem wird deutlich, dass alle ihre eigenen Wahrheiten zu einem Sachverhalt haben, dass Empfindungen und Befindlichkeiten in eine Meinungsbildung hineinspielen und es Mut braucht, für die eigene Meinung einzustehen.
Die junge österreichische Autorin und Illustratorin Agi Ofner hat viel Herzblut und Recherche in ihr neues Buch gelegt und es gelingt ihr auf fast spielerische Weise durch ihre anschauliche, eindringliche Geschichte mit ihren lebensechten Figuren vorzuführen, wie rasch Überzeugungen in Fanatismus münden können. Sie macht zudem deutlich, dass jede Überzeugung ihre Berechtigung, ihre Wichtigkeit und ihre Bedeutung hat. Ohne den Finger mahnend zu erheben, schreibt sie wie nebenbei über Demokratie und darüber, wie leicht etwas aus dem Ruder kaufen kann. Ihr Buch, das sich wie ein rasantes Road-Movie liest, ist eine Geschichte über Freundschaft, über das Erwachsenwerden und über Gemeinschaften. Ein Entwicklungsroman sowie ein Roman über das Zusammenleben. Eine wichtige Nebenrolle spielen dabei Stimmen aus Medien und Wissenschaft sowie die Wildheit und Schönheit der Natur, welche die Jugendliche in einem beinah magischen Augenblick entdecken und die sich wie ein Zauber über die gesamte Geschichte legen.
Als charmante Zugabe zu diesem dichten, spannungsgeladenen und vielperspektivischen Roman, bei dem man in jedem Moment mitfiebert, hat Agi Ofner Wolfsillustrationen geschaffen, die aus zufälligen Linien, Klecksen und Flecken von schwarzer Tusche entstanden sind und die dieses Buch nicht nur inhaltlich, sondern auch optisch zu etwas ganz Besonderem machen.
Ein bedeutendes Buch und ein wichtiger Beitrag der österreichischen Jugendliteratur. Nicht nur für junge Menschen!
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Agi Ofner
Problemwölfe
Tyrolia, 192 S.
Ab 14
