Erst vergessen, nun in Neuübersetzung: Mutig, modern, mehrstimmig. Foto: Mondadori | Insel Verlag


Als 1938 das Romandebüt »Was vor uns liegt« (»Nessuno torna indietro«) der italienisch-kubanischen Schriftstellerin Alba de Céspedes (1911–1997) erschien, war die erste Auflage nach fünf Tagen vergriffen, es folgten 24 weitere. Zum Missfallen des faschistischen Regimes: Man versuchte, das Buch zu zensieren und lud die Autorin siebzehnmal vor eine Kommission – vergeblich. Der Viareggio-Preis, den sie für den Roman erhalten hatte, wurde auf Anordnung des Regimes annulliert. Das von Céspedes entworfene Frauenbild widersprach allzu sehr dem Ideal der sittsamen, kinderreichen Mutter. Nun liegt der Roman in Neuübersetzung von Esther Hansen vor.

Im Fokus stehen acht, meist junge Frauen, die in einem römischen Konvikt wohnen und humanistische Fächer studieren. Da ist Emanuela, die ihre uneheliche Tochter selbst vor ihrem Verlobten verheimlicht. Xenia bricht aus, geht nach Mailand und lebt von Gönnern, mit denen sie schläft. Vinca aus Córdoba verfolgt den Spanischen Bürgerkrieg aus der Ferne und bangt um ihren Freund Luis, dessen politische Seite unklar bleibt; eine Schwäche des Romans, der keine klare Position bezieht. Doch gerade das Schweigen über Faschisten könnte als subtiles Statement der späteren Resistenza-Kämpferin de Céspedes gelten. Mutig klingt Augusta, die Heirat als patriarchales Instrument geißelt. Trotz mancher Länge und gelegentlicher Plapperhaftigkeit wirken die Protagonistinnen verblüffend modern – auch im heutigen Italien, das mit traditionellen Rollenbildern ringt.

Erstveröffentlichung: Buchkultur 223, 5. Dezember 2025

Alba de Céspedes
Was vor uns liegt
Ü: Esther Hansen
Insel, 380 S.