Fikri Anıl Altıntaş versucht patriarchale Strukturen im Familienwesen narratologisch zu durchbrechen und sich der eigenen Mutter als Person – eben auch unabhängig vom Muttersein – zu nähern. Foto: Ekko von Schwichow


Zwei Erzählebenen, der erwachsene Sohn und die Mutter als junge Frau, führen durch das zärtliche, ehrliche und kraftvolle Buch. Ein Gespräch mit dem Berliner Autor über seinen zweiten Roman »Zwischen uns liegt August«.

Buchkultur: Ihr neues Buch, »Zwischen uns liegt August« verbindet zwei Geschichten: Einerseits die eines erwachsenen Sohnes, der gerade seine Mutter verliert. Andererseits folgen wir einer jungen Frau, deren Lebensrichtung sich gerade erst entscheidet. Es ist dieselbe Person und dann auch wieder nicht. Wie nähert man sich so einer Figur, vor allem wenn sie die eigene Mutter ist?

Fikri Anıl Altıntaş: Die Annäherung an die eigene Mutter als literarische Figur ist ein Akt der Zärtlichkeit und der Zumutung zugleich. Ich musste lernen, sie nicht nur als Mutter, sondern als eigenständige Person mit eigenen Träumen, Brüchen und Sehnsüchten zu sehen. Es war ein vorsichtiges Entblättern, ein tastendes Suchen nach den Stimmen, Orten und Menschen, die sie geprägt haben – und nach jenen, die ihr vielleicht genommen wurden. Das Buch erzählt vom Leben und vom bevorstehenden Tod, und im Wissen um ihr Sterben verdichten sich emotionale und körperliche Überforderungen zu diffusen Gefühlen von Sehnsucht, Reue und Schuld. Die Annäherung bleibt ein unabgeschlossener Prozess – an sie, an mich, an das fragile Band zwischen Mutter und Sohn, das immer wieder neu befragt werden muss. Die größte Herausforderung war, ihr Raum zu geben, ohne sie zu vereinnahmen. Denn die Mutter ist immer auch Projektionsfläche. Ich wollte sie nicht erklären, sondern ihr zuhören – auch dort, wo das Schweigen lauter war als jedes Wort.

Im Laufe des Buches lernen wir Ihre Mutter Mürüvvet näher kennen. Sie ist eine selbstbewusste Schülerin, lebt im Jahr 1973 im Westen der Türkei. Dort geht sie auf Konzerte, verbringt Zeit mit ihrer besten Freundin und hat Träume. Obwohl sie sich erst wehrt, muss Mürüvvet aufgrund der politischen Umbrüche mit ihrer Familie nach Deutschland ziehen. Wie wird man der Geschichte eines so vielschichtigen Lebens gerecht? Und wonach haben Sie entschieden, was Sie über sich und Ihre Familie erzählen wollen?

Man wird ihr nie ganz gerecht. Schreiben ist immer ein Akt des Auswählens und Weglassens. Ich ließ mich leiten von den Rissen, den Widersprüchen, den Momenten, in denen das Leben meiner Mutter aufleuchtete – im Glück, im Verlust, im Widerstand. Wichtig war mir der reflexive Blick: Die Mutter-Sohn-Beziehung ist durchzogen von patriarchalen Mustern, die das Leben der Mutter oft ins Unsichtbare drängen. Was ich erzähle, sind die Fragmente, die zwischen uns geblieben sind: Gerichte, Blicke, unausgesprochene Wünsche. Ich habe erzählt, was erzählt werden musste, und geschwiegen, wo Schweigen würdevoller war als jedes Wort.

Wie bewusst war Ihnen schon vor dem Schreiben, dass sich die großen Konflikte und Versöhnungen in der Küche und am Esstisch abspielen werden?

Die Küche war immer ein Ort der Übersetzungen und Aushandlungen, aber selten einer der Aussprache. Dort wurde wenig gestritten, selten das Innerste geöffnet. Im Buch wollte ich diesen Raum literarisch umdeuten: als Bühne der Begegnung, als Archiv familiärer Erinnerungen. Beim Schreiben wurde mir klar: In der Küche verdichten sich Generationen, hier wird Zugehörigkeit verhandelt, Erinnerungen geteilt und Unausgesprochenes zurückgelassen.

Ein Motiv in Ihrem Buch ist das des Erzählens, der Geschichten, die wir in Familie spinnen. Welche Bedeutung haben die Leerstellen im Erzählen?

Die Leerstellen sind die Räume, in denen das Unsagbare wohnt. Sie sind notwendig, weil nicht alles erzählbar ist – aus Scham, aus Schmerz, aus Respekt. Leerstellen sind keine Schwächen, sondern Möglichkeiten: Sie schützen, was nicht verletzt werden darf, und bewahren das Geheimnis, das womöglich jede Familie umgibt.

Eine sehr eindrückliche Szene ist die, als Sie an Weihnachten zu spät zu Ihren Eltern kommen, nachdem die Polizei sie herausgepickt und gefilzt hat – natürlich alles »nur Routine«. Als es rauskommt, erleben wir Ihre Eltern in einer Mischung aus Wut, Sorge und Ohnmacht. Ihr Vater hält es nicht aus, er verlässt den Raum mit geröteten Augen. Wussten Sie sofort, dass dieser Moment, in dem sich vermutlich viel von dem kulminierte, was Sie und Ihre Familie erlebt haben und wie das Verhältnis der Generationen untereinander ist, ins Buch sollte?

Ich wusste es nicht sofort, aber ich habe gespürt, dass dieser Moment ein Brennglas ist: Für das, was Migration mit Körpern, mit Beziehungen, mit Vertrauen macht, und wie viel Überwindung es kostet, diese Themen in der Familie zu teilen, Verletzlichkeit zuzulassen. Die Ohnmacht meines Vaters, die Wut meiner Mutter, mein eigenes Erschrecken – all das kulminierte in dieser Szene. Sie erzählt von der Zerbrechlichkeit, aber auch von der Würde, die bleibt, wenn alles andere ins Wanken gerät. Es war ein schmerzhafter, aber notwendiger Moment im Buch.

Wo und wie hat Ihr Prozess begonnen, sich mit (Anti-)Feminismus, männlichen Rollenbildern und Vorurteilen gegenüber migrantischen Männern auseinanderzusetzen? Wer hat Sie beeinflusst?

Der Prozess begann dort, wo ich als Sohn, als Mann, als Kind von Migrant/innen zwischen Bildern und Erwartungen zerrieben wurde. Die Frage, zu wem ich durch mediale Bilder gemacht wurde, und wie ich zugleich in patriarchale Strukturen verstrickt war, stellte sich mir mit wachsender Dringlichkeit – auch durch gesellschaftliche Veränderungen. Gespräche mit meiner Mutter, Beobachtungen in der Familie, die Lektüre feministischer Autor/innen, die Care-Arbeit von Freund/innen – sie alle haben mich geprägt. Es war ein langsames, oft schmerzhaftes Lernen – und es dauert an.

Mely Kiyak greift in ihrem Buch »Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an« die Geschichte des sterbenskranken Vaters auf, dem in seiner Migrationsgeschichte viel verwehrt blieb. Seine Geschichte und das Tochter-Vater-Verhältnis entfalten sich zwischen einer manchmal unklaren Vergangenheit und einer existentiell zärtlichen Gegenwart. Kiyak selbst nennt ihr Werk ein Vaterbuch. Kann man äquivalent bei »Zwischen uns liegt August« von einem Mutterbuch sprechen?

Mehr als das. Es ist ein Buch über Herkunft, Verlust, Sehnsucht und das, was zwischen den Generationen bleibt. Es ist der Versuch, die Mutter nicht nur als Mutter, sondern als Mensch zu sehen – mit all ihren Widersprüchen, Hoffnungen und Niederlagen. Wenn Mely Kiyak von einem Vaterbuch spricht, dann ist »Zwischen uns liegt August« mein Mutterbuch: Annäherung, Aussprache und vielleicht auch späte Versöhnung.


Fikri Anıl Altıntaş, 1992 in Wetzlar geboren, lebt und arbeitet in Berlin. In seinen Texten, u.a. für die ZEIT, taz, Deutschlandfunk Kultur, ZDF und Berliner Ensemble, beschäftigt er sich mit Männlichkeiten, Antifeminismus und der (De)-Konstruktion von nicht-weißen, muslimisch gelesenen Männlichkeiten in Deutschland. Sein Debütroman »Im Morgen wächst ein Birnbaum« erschien 2023 (btb).

Fikri Anıl Altıntaş
Zwischen uns liegt August
C.H.Beck, 269 S.