Julian Barnes nimmt, schwerkrank, souverän Abschied vom Schreiben und Leben.
Kein Wunder, dass der englische Romancier Julian Barnes in der letzten Halbdekade nahezu jede Einladung zu Literaturfestivals ausschlug und ignorierte. Denn er bekennt in »Abschied(e)«, das zeitgleich in mehreren Ländern pünktlich zu seinem 80. Geburtstag am 19. Januar erschien, er sei todkrank und dieser Band definitiv sein letztes Buch.
Bei ihm wurde vor einigen Jahren Blutkrebs diagnostiziert. Unheilbar, aber, wie seine konsultierten Ärzte sagten, »beherrschbar«, wenn er Medikamente einnimmt. Diese geradeso ausbalancierte Krankheit, bei der jede Verschlechterung recht strikt zum Tod führen kann, ist seine, so Barnes, »ständige Begleiterin, die mit einer täglichen Dosis Chemo gefüttert werden muss, um sie bei Laune oder zumindest zahm zu halten.« Oder anders formuliert: »Ich habe sie, und sie hat mich, unwiderruflich.«
Wie über die letzten Dinge schreiben? Wie über verstorbene Freunde schreiben? Oder über den Hund, den er von diesen erbte und der inzwischen auch verstarb? Barnes macht es überraschend – mit großer Leichtigkeit. Denn man fühlt sich beim Lesen, als säße man neben ihm, und das Schlussbild führt er selber ganz am Ende ein, in einem Straßencafé, und während man gemeinsam das vorbeziehende Geschehen wahrnimmt, plaudert man, jener erzählt dies, der andere erzählt davon. Es ist ein kluger, abgeklärter und hochsympathischer Parlando-Ton, den der belesene Barnes anschlägt, kreisend, manchmal konzentriert, dann wieder leicht arabesk, um Vergessen und Leben und Erinnerung.
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Julian Barnes
Abschied(e)
Ü: Gertraude Krueger
Kiepenheuer & Witsch, 256 S.
