Elena Ferrante ist zurück: Im Essayband »An den Rändern« spricht sie über den Drang zu schreiben.
Aus: Buchkultur 225, April 2026
Mit der vierbändigen »Neapolitanischen Saga« erlangte sie Weltruhm. Die unter dem Pseudonym Elena Ferrante publizierende Autorin legt nun vier Essays vor, in denen sie erläutert, wie sie zum Lesen und Schreiben kam, welche Vorbilder sie hat(te) – Jane Austen, Emily Dickinson, Elsa Morante, Gertrude Stein, Ingeborg Bachmann – und wie man Wahrhaftigkeit durch Fiktion erreicht. Über Dantes Frauenbild und dass jedes Schreiben eingebettet ist in eine jahrhundertelange Tradition, was etwas Befreiendes an sich hat: Wir müssen nichts genuin Neues erschaffen, sondern dürfen »die Formen bewohnen und dann alles deformieren, was uns nicht vollständig fasst, uns auf keine Weise fassen kann«.
Die teils akademisch anmutenden Vorträge sind dann am spannendsten, wenn Elena Ferrante auf die Rolle der Frau in der Literatur zu sprechen kommt. Frauen wachsen auf mit einer von Männern (um)geschriebenen Geschichte und einem männlichen Kanon. Frauen hätten verinnerlicht, dass Literatur von Frauen für Frauen, also »per se zweitrangig« sei. Wenn die weibliche Literatur es schaffen soll, ein eigenes, wahres Schreiben zu haben, braucht es die Arbeit jeder Einzelnen. Auch Lenù und Lila aus der »Neapolitanischen Saga« versuchen, sich durch Kreativität aus den beengten sozialen Verhältnissen zu befreien. Wie Elena Ferrante über Selbstzweifel und Hindernisse hinweg ihre Stimme fand und damit ein Millionenpublikum erreichte – davon erzählen ihre klugen und ermutigenden Essays.
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Elena Ferrante
An den Rändern
Ü: Barbara Schaden
Suhrkamp, 94 S.
