Tara Meister gewann bei den 49. Tagen der deutschsprachigen Literatur mit ihrem Text »Wakashu oder« die Auszeichnung zur ersten Carinthischer Sommer-Festivalschreiberin. Für Buchkultur nimmt sie uns mit auf ein Stimmungsbild ihrer Woche beim Bachmannpreis in Klagenfurt. Foto: Katharina Wenty
Erstveröffentlichung: Buchkultur Bücherbrief, Juli 2025.
Eine Woche nach dem berüchtigten Bachmannwettbewerb hier eine Rückschau:
Nach Klagenfurt bin ich am Dienstag mit dem Zug aus Wien angereist, im Gepäck Badeanzug und Kuscheltier, fünf Paar Schuhe und das Buch »Einige Herren sagten etwas dazu«.*
Erstmal ist dann dort alles kleiner, als man es erwartet oder vielleicht bei der Live-Übertragung vermutet: das ORF-Studio, der Garten, das Hotelzimmer. Irgendwie beruhigend. Auch die anderen Teilnehmenden, die ich am ersten Abend kennenlernen darf – alles Menschen wie ich, ein bisschen aufgeregt, ein bisschen müde. Die Stimmung unter uns offen und zugewandt, beim gemeinsamen Abendessen viele Fragen quer über den Tisch.
Am nächsten Tag alle noch ein bisschen für sich, See, spazieren, Ruhe vor dem Sturm. Abends dann die große Eröffnung mit Auslosung der Lesereihenfolge. In Kamera- aber auch Hitze-tauglichem Outfit geht’s in den Garten vor dem ORF Studio. Nach fünf Minuten sind meine Fersen von den neuen Schuhen blutig und ich denke an Aschenputtels Stiefschwester. Der Schuh ist zu klein! Wenn, dann wäre der Schuh hier ja eher zu groß. Aber eigentlich füge ich mich ganz gut ein. Quatschen, lächeln, fragen, nicken, nippen.
Die Eröffnung beginnt mit vielen, vielen Reden, dann durften wir endlich unseren Zeitslot aus einer kleinen verspiegelten Kiste unter Aufsicht eines Justiziars ziehen. Ich habe mir ganz fest gewünscht, nicht Letzte zu sein und werde dann: Vorletzte. Nach dem ersten Schreck beschließe ich, mich davon nicht aus der Ruhe bringen zu lassen und trotzdem alles mitzumachen, und das tue ich dann auch: An den beiden folgenden Tagen höre ich mir alle Lesungen an, mache jedes Interview und jeden Social-Media-Termin mit, treffe mich mit Literaturmenschen auf Kaffee und Plausch, und so rauschen die Tage dahin. Höre tolle Texte, schüttle teilweise den Kopf über die Besprechungen, schüttle viele Hände.
Alle sprechen über die Hitze.
Dann ist Samstag und ich habe gut geschlafen. Die beiden Lesungen vor mir verpasse ich, weil ich da schon in der Maske sein muss, ganz natürlich bitte ich. Eigentlich fühle ich mich ruhig. Denke: ist jetzt so. Jetzt bist du da, jetzt musst du diesen Text vorlesen. Punkt.
Meinen Text trage ich schon eine ganze Weile mit mir herum, lange ohne Vorstellung, was mit ihm mal passieren wird und mittlerweile kenne ich ihn sehr gut. Ich weiß, was er tut, weiß, dass man ihn auf verschiedene Arten lesen und verstehen kann, weiß, was man für und gegen ihn ins Feld führen kann, könnte bei jedem Satz begründen, warum ich mich dafür entschieden habe. Mittlerweile hat er sich mehr und mehr von mir abgelöst, und auch wenn ich mich natürlich noch als Autorin des Textes fühle, habe ich trotzdem das Gefühl, an diesem besagten Samstag vordergründig in der Rolle der Vermittlerin des Textes da zu sein. Meine Aufgabe ist es, ihn vorzulesen, und darauf richtet sich meine ganze Konzentration.
Schon befinde ich mich in dem Studio, die Jury vor mir im Halbkreis sitzend, links und rechts fahren Kameras, das Publikum sitzt mir mehr oder weniger im Rücken. Nicht unbedingt die gewohnte Lesungssituation. Ich versuche bei mir und dem Text zu bleiben und eigentlich fühlt sich alles ganz feierlich an, dazwischen sehe ich alles von außen, als wäre ich selbst Kamera.
Schon ist es wieder vorbei. Höre mir noch Boris (Schumatsky, Anm. der Redaktion) an, dann war’s das mit Lesungen. Langer warmer Nachmittag.
Am nächsten Tag die Preisverleihung, denke: Das sitzt du jetzt noch in Ruhe aus und dann geht es bald nachhause, Ruhe, Frieden, schön. Als ich dann überraschend einen der Preise verliehen bekomme, freue ich mich natürlich sehr, und vor allem freue ich mich für Natascha (Bachmannpreisträgerin Natascha Gangl, Anm. der Redaktion) und den fulminanten Zuspruch, den dieser Text/diese Art Text durch die beiden Preise erhält. Dass alle Anderen im Garten sitzen bleiben müssen und sich danach alles ganz schnell auflöst, finde ich schade und dem Anlass unangemessen. Wenigstens ein Gruppenfoto, ein paar Abschlussworte hätte es geben müssen. Immerhin haben wir alle, die dort waren, viel geleistet, viel Mut aufgebracht und sind für unsere jeweils eigenen, insgesamt sehr unterschiedlichen Texte eingestanden.
Jetzt zurück in meiner Wohnung denke ich rückblickend: Fiebertraum.
Und bin sehr dankbar, dass ich dabei sein durfte.
*Anm. der Redaktion: Aktuelles Buch von Nicole Seifert, das die Aktivitäten der Gruppe 47 vor allem aus weiblicher Perspektive betrachtet.
Tara Meister (*1997), in Kärnten aufgewachsen, ist Ärztin und Schriftstellerin. Ihre Texte wurden mehrfach ausgezeichnet und in diversen Anthologien und Literaturzeitschriften (LICHTUNGEN, KOLIK, PERSPEKTIVE etc.) publiziert. 2024 erschien ihr erster Roman »Proben« im Residenz Verlag. 2025 las sie auf Einladung von Mara Delius beim Bachmannwettbewerb in Klagenfurt, wo sie mit dem Stipendium Festivalschreiber:in ausgezeichnet wurde.
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Tara Meister
Proben
Residenz, 256 S.
