Als Gang durch einen Zeittunnel schildert Hanya Yanagihara den Zerfall einer Familiendynastie in drei Etappen, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im Visier.


Basierend auf „einer gefühlsbetonten und bürgerlich gesinnten Auslegung des Christentums“ ist in den Freistaaten – einer im 19. Jahrhundert entstandenen historisch fiktiven Enklave in und um New York – das Freiheitspathos in der Verfassung maximal garantiert. Doch so wie Thomas Morus seinen Ideal-Staat „Utopia“ auf Sklavenarbeit baute, bezieht sich die hawaiianische Autorin Hanya Yanagihara in ihrer fiktiven Vision auf eine reiche privilegierte Elite, die, dominiert vom Bingham-Clan, Zugang „Zum Paradies“ als Ort der Erlösung von Sorgen anstrebt. Dessen pompöses Domizil am zunächst kosmopolitischen, dann verwaisten Washington Square ist Dreh- und Angelpunkt eines weitschweifigen Epos. Allerdings ist die Erzählperspektive nicht auf die Entwicklung der Freistaaten gerichtet, sondern auf die Überlieferung und Weitergabe von Familientraditionen und -pflichten über die Generationen, insbesondere den Erhalt des sozialen Status. Verfremdende Effekte hat dabei die Figurenkonstellation: In allen drei Zeitaltern sind jeweils homosexuelle männliche Ehepaare als gesellschaftlich bestens respektierte Akteure normativ, auf der Suche nach emotionaler Sicherheit. Dieses Sujet ist von Phänomenen geheimnisvoller Krankheiten und deren Wirkung auf die Degeneration einzelner Personen begleitet, insbesondere AIDS und in einer fernen Zukunft eine grässliche Pandemie während einer Diktatur. Jeweilige Befindlichkeiten (Liebes- und Streitszenen sowie Interessenkonflikte) werden ebenso subtil wie die Milieus beschrieben, in denen sie stattfinden. Daher ist nicht der Staat, sondern sind Partnerschaften und die Familie eigentliche Orte der Freude und des Glücks, wofür man arbeiten und sich verantwortlich fühlen sollte – sowohl in liberaler Lebensweise als auch unter autoritären Bedingungen und unabhängig von ethnischer Zugehörigkeit. Indem Hanya Yanagihara aber familiäre Außenseiter und Nonkonformisten als treibende und entscheidende Subjekte, ja, in der letzten Episode gar einen gefangenen Märtyrer eines gescheiterten Aufstands darstellt, werden die je zeitgebundenen Utopien oder Paradieswege zusehends vage und erscheinen unerreichbar. In einer düsteren Vision werden lebensbejahende Emotionen und bürgerliche Werte in gesellschaftlichen Niederlagen begraben.

Hanya Yanagihara
Zum Paradies (Claassen)
Ü: Stephan Kleiner, 895 S.