Gedichte wie eine konstante Frage, die sich selbst in Frage stellt: Nea Schmidt flicht Welt zu Lyrik, die Beobachtungen umkehrt. Foto: privat

Aus: Buchkultur 226, Juni 2026


Was ist Welt? Eine zugegebenermaßen große Frage, aber nicht weniger scheint sich Nea Schmidt vorgenommen zu haben. In ihrem Debütband »Sprechen in Flechten« scheut sie sich nicht davor, sie zu stellen: »ich weiß nicht was am Anfang war /das Wort oder das Chaos«. Und diese große Frage findet ihre Antworten in Details, vielen kleinen Beobachtungen, Sentenzen, Sedimente der Gegenwartssprache. So wird dieses Sprechen in Flechten zum Programm und Duktus von Schmidts Gedichten. Sie sind Suchbewegungen, die die Suche, den Prozess des Suchens als solchen, zum Gegenstand ihrer operativen Ästhetik machen. Dabei nutzt die Autorin den Körper, nutzt Tiere, nutzt Gewürze und wird gegenständlich. Abstrakt und konkret verschmelzen komplett, das klingt dann so: »wollte sprechen wie Hyazinthen, die nasse riechen & brutal /ihren Blütenstand ausrufen & in der Alltäglichkeit /des Jahres blau anlaufen & anämisch verbluten, wollte /unsäglich viel«. Das lyrische Ich stellt sich in konstant verschobene Verwandtschaften: Mit Göttern, mit Pflanzen, mit Natur und mit einer Gesellschaft, deren Ordnung an den Rändern der Verflechtungen durchscheint. Schmidts Sprache ist durchaus abstrakt und für ihren Ton braucht es ein paar Zeilen, bis man hineingefunden hat. Wenn man aber einmal versteht, welche Bewegung die Texte machen, dann entsteht ein Sog, der nicht loslässt – dann wird aus den Verflechtungen ein Gewebe: »Der Preis für das Leben /im Eros ist die Gärung der Trauer.«

Nea Schmidt
Sprechen in Flechten. Gedichte
kookbooks, 112 S.