Niemand schreibt so lebendig und aktuell über vergangene Zeiten wie die irisch-britische Autorin Maggie O’Farrell. Im Interview spricht die Autorin über die Bedeutung von Geschichte für unser heutiges Leben, irische Folklore, die Folgen des Klimawandels und weshalb Familie so wichtig ist. Foto: Dasha Tenditna/Piper Verlag.
In ihrem Epos »Land«, das tief in die Geschichte Irlands und in die ihrer eigenen Familie zurückreicht, stellt sie abermals ihre erzählerische Brillanz unter Beweis. Der irische Kartograf Tomás und sein Sohn Liam sollen da im Auftrag der verhassten britischen Soldaten nach der Großen Hungersnot (1845 – 1852) eine der Halbinseln neu vermessen. Die Entdeckung eines verwunschenen, bisher nie kartografierten Hains verändert Tomás’ Leben – und das seiner Familie – für immer. Der Roman, kündigte Maggie O’Farrell im Vorfeld an, vereine einige ihrer lebenslangen Interessen: Kartografie, heilige Quellen, Archäologie und die miteinander verflochtenen Wurzeln von Kolonialismus und Migration.
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Buchkultur: Ihr Roman behandelt so viele Themen: Familie, Land, Geschichte, Resilienz. Ich las, dass einer Ihrer Verwandten im 19. Jahrhundert als Kartograf im Auftrag des Ordnance Survey arbeitete. Was war Ihre Hauptinspirationsquelle?
Maggie O’Farrell: Es gab so viele verschiedene Inspirationsquellen. Manchmal behandelt ein Roman ein Thema, das einen anspornt. Und manchmal sind es viele Stränge, die am Ende zusammenfinden. Ich habe mich immer sehr für meinen Ururgroßvater interessiert, der für den britischen Ordnance Survey gearbeitet hat und sich um die sehr frühen Karten Irlands gekümmert hat. Es ist recht schwierig, viel über ihn zu finden. Auch über seinen Sohn, meinen Urgroßvater, der ein Jesuit war. Jesuit zu werden geschieht nicht zufällig, es braucht viel Hingabe und Training. Dann ist er ausgetreten und Kartograf geworden wie sein Vater. Diese Vater-Sohn-Beziehung hat mich also immer sehr fasziniert. Natürlich ist der Roman größtenteils Fiktion, aber er ist auf jeden Fall von dem, was wir über ihr Leben wissen, inspiriert. Aber es waren so viele Dinge. Ich fand heraus, dass mein Ururgroßvater, der im Roman Tomás heißt, 1848 beim Ordnance Survey zu arbeiten begann – ich weiß nicht, ob Sie es wissen, aber die Große Hungersnot begann um 1846. Und es ist offensichtlich, weshalb sie die Karten neu zeichnen mussten: weil das ganze Land dieser Katastrophe unterzogen worden war und sich beides, die menschengemachte und die naturgegebene Geografie, so stark verändert hatte. Dieses Datum hat mich also stark beeindruckt und ich habe mich gefragt, wie das für ihn gewesen sein muss, daran zu arbeiten.
Was bedeutet es für Tomás? Zuerst arbeitet er für die Briten, was natürlich zerstörerisch für ihn ist. Auf der anderen Seite garantiert sein Job das Überleben seiner Familie. Aber nachdem er diese Erfahrung im Hain gemacht hat, will er die Karten neu zeichnen und mit den gälischen Namen versehen und so die Geschichte Irlands vor dem Vergessen retten. Darf das auch als Akt des Widerstands verstanden werden?
Ja, ich glaube schon. Es hat mich wirklich zu interessieren begonnen, was Kartografieren bedeutet und warum wir es machen müssen. Und ich entdeckte, dass die Menschen Karten zeichneten, noch ehe sie schreiben konnten. Die älteste Karte wurde in einen Felsen in den italienischen Alpen geätzt, die Bedolina-Karte. Haben Sie sie einmal gesehen? Es ist die erstaunlichste Sache der Welt. Kartografieren ist eine Kunstform: Der Mensch, der sagt: Hier bin ich, hier war ich und dorthin gehe ich. Aber natürlich wurde es in späteren Jahrhunderten, wahrscheinlich beginnend mit den Römern, vielleicht davor, ein Werkzeug der Kolonisation und der Macht: Wenn man eine Karte zeichnet, sie mit einem Stempel versieht und die Namen darauf schreibt, beansprucht man diese Orte für sich. Es ist also sehr belastet. Ich stellte mir vor, dass es für Tomás eine schwere Entscheidung gewesen sein muss. Denn ja, ich bin sicher, dass es sehr schambesetzt war, im 19. Jahrhundert, besonders in dieser Zeit kurz nach der Großen Hungersnot, für die Briten in Irland zu arbeiten. Aber hätten Leute wie mein Ururgroßvater nicht an diesen Karten gearbeitet, dann wäre so vieles an irischer Sprache, Geschichte und Kultur verlorengegangen. Wir hätten das dann nicht auf diesen Karten. Als die Briten in den 1820er-Jahren begannen, Irland zu kartografieren, hatten sie eine Regel: Keinem Iren war es erlaubt, an den Karten arbeiten. Aber das funktionierte nicht sehr gut. Nach etwa zehn Jahren erkannten sie, dass sie die Iren doch brauchten. Denn die Briten konnten nicht kommunizieren, sie konnten nicht übersetzen, was ein Ortsname bedeutete, und so mussten sie beginnen, Iren anzustellen. Aber als Iren war es einem nicht erlaubt, seine eigene Arbeit zu signieren. Deshalb kann ich die Arbeit meines Ururgroßvaters nicht eindeutig identifizieren, zuordnen. Ich kann seinen Namen auf Registern und Zahlungen sehen und ähnlichen Dokumenten aus dem administrativen Bereich, aber die Arbeit selbst ist schwer zu identifizieren, weil sie von einem britischen Offizier signiert wurde.
Wie Sie es ja auch im Roman beschreiben. Ihre Familie kommt aus Irland. Nun haben Sie einen Roman über die Geschichte Irlands geschrieben. Wie wichtig ist es für uns heute, unsere Geschichte zu kennen?
Ich finde das so wichtig. Ich glaube nicht, dass Geschichte unbedingt in der Vergangenheit liegt. Sie ist immer noch präsent, sie begleitet uns nach wie vor. Und Geschichte ist so eine komplizierte Sache, denn sie ist das, was wir hinter uns haben, aber sie prägt auch in vielerlei Hinsicht, wo wir heute stehen. Und es gibt so viele unterschiedliche Darstellungen, je nachdem, wer die Geschichte schreibt. Man muss die Geschichte mit seinen eigenen Augen betrachten. Was mich wirklich interessiert, da ich größtenteils in Großbritannien aufgewachsen bin: An britischen Schulen wird nicht gelehrt, was die Große Hungersnot war. Überhaupt nicht. Mein Mann, der aus London stammt, las das Buch und kam zu mir und sagte: »Ich hatte keine Ahnung, ich hatte keine Ahnung, dass es so war.«
Wirklich? Denn wir lernten es.
Das ist interessant. Ich glaube, der Pilz (der Auslöser der Kartoffelfäule, die für die Hungersnot mitverantwortlich war, Anm. d. Red.) war auch in Deutschland und Belgien präsent. Ich glaube, Belgien war das zweitmeist betroffene Land. Dort starben etwa 550.000 Menschen, was deutlich weniger ist als in Irland. Ich glaube, was die Menschen in Großbritannien nicht verstehen oder worüber sie nicht unterrichtet werden, ist, dass es so viele Ursachen für die Situation gab. Es war nicht nur ein nationales Desaster. Es gab eine ganze Menge politischer, gesellschaftlicher Gründe.
Die Briten haben die Iren buchstäblich im Stich gelassen.
Ja. Was mich am meisten interessierte, war: Wenn man die Geschichte Großbritanniens erzählen will, ist es möglich, Irland gar nicht zu erwähnen. Aber wenn man die Geschichte Irlands erzählt, kommt man nicht umhin, über Großbritannien zu sprechen.
Bestehen die Spannungen zwischen Großbritannien und Irland heute immer noch?
So viel, so viel, so viel weniger. Als ich in Großbritannien aufwuchs, in den 70er- und 80er-Jahren, war es sehr angespannt wegen der Situation in Nordirland. Heute nein, heute bemühen sich viele Brit/innen verzweifelt um einen irischen Pass.
Wegen des Brexits?
Ja. Wenn man eine Großmutter oder einen Großvater hat, der in Irland geboren wurde, kann man das – aufgrund des Brexits hat sich eine seltsame Umkehrung der Verhältnisse ergeben. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass die Menschen weniger rassistisch sind, aber ich glaube nicht, dass das stimmt. Ich glaube, dass es andere Immigrant/innen, vielleicht neue Immigrant/innen gibt, die die Hauptlast dieser Feindseligkeit zu spüren bekommen.
Das ist auch ein zentrales Thema Ihres Romans: Emigration und Immigration, Kolonialismus und Migration. Sie gehen ganz weit in die Geschichte zurück: Schon vor vielen Jahrtausenden sahen die ersten Einwander/innen, die nach Irland kamen und hier sesshaft wurden, auf das Mädchen Brith und ihren Vater herab, der ein Nachfahre der Störzer war, die schon vorher in Irland lebten. Tomás’ Tochter Enda wandert nach Kanada aus, das ja vorher auch von Europäer/innen kolonialisiert wurde usw. Geschichte ist immer eine Mischung aus Kolonialismus und Migration.
Genau, es gibt so viele Bewegungen, das trifft auf ganz Europa zu: Es gibt so viele Migrationsbewegungen, Menschen, die in andere Länder ziehen. Die Vorstellung, dass wir alle ein und dieselbe kulturelle Zugehörigkeit hätten, ist ein großer Irrtum. Jedes Land ist geprägt von den unterschiedlichsten Migrationsbewegungen, Gruppen und Völkern.
Weshalb schließen wir andere aus? Weshalb sehen wir immer auf andere Menschen herab? Die Brit/innen auf die Ir/innen usw.
Es ist sehr mysteriös, ich wünschte, ich könnte das verstehen. Vielleicht aus Angst. Ich weiß es nicht. Und das ist bis heute so. Eines unserer größten politischen Themen und eine der größten Ängste unserer Zeit sind Migration und Einwanderung. Überall, aber vor allem in Europa ist es ein heikles Thema. Es dringt in unsere Wahlen, Regierungen, Zeitungen, Medien ein, und die Angst davor wird von einigen Politiker/innen als Waffe benutzt.
Das wollte ich Sie ohnehin fragen: Die Begriffe »Herkunft«, »Wurzeln«, »Geschichte« werden besonders in Österreich oder Deutschland von den rechten Parteien missbraucht. Aber, wie auch Ihr Roman zeigt, ist es wichtig, seine Wurzeln zu kennen und zu wissen, woher wir kommen, und seine Geschichte zu kennen. Denn wenn wir es nicht tun, wiederholt sich die Geschichte.
Ja. Vielleicht können wir Menschen in dieselben Fallen tappen und dieselben Fehler machen. Es ist sehr wichtig, dass Geschichte in den Schulen unterrichtet wird, vor allem aus einer breiteren Perspektive und nicht nur einer Sichtweise.
Das hat mir auch so gut im Buch gefallen: Enda emigriert nach Kanada. Und natürlich hofften die irischen Immigrant/innen, die wegen der Großen Hungersnot emigrierten, dass sie dort ein besseres Leben vorfänden (was sehr oft nicht der Fall war). Und die Immigrant/innen waren ursprünglich eigentlich selber Kolonialist/innen.
Ja, genau, es ist eine sehr komplizierte Angelegenheit. Deshalb wollte ich auch das Buch schreiben, um zu sagen, dass es nicht eine einzige, simple Geschichte ist, sondern eine komplizierte, vielschichtige.
Was sagen Sie zu der harschen Migrationspolitik in Europa und den USA? Europa hat die tödlichste Grenze der Welt.
Die Vorstellung, dass Leute an der Macht sind, die die Leiter hinter sich hochziehen … Die USA sind doch ein Migrationsland, Großbritannien auch und Deutschland sicher auch. Die Vorstellung, die Leiter hinter sich hochzuziehen und die Tür hinter sich zuzumachen und zu sagen, »Ok, das war’s«, ist eine sehr begrenzte Art, auf das Thema zu blicken. Der Klimawandel wird die Welt auf so viele verschiedene Arten beeinflussen und viele Leute werden migrieren müssen. Ich denke, das ist eine Sache, die nur häufiger werden wird. Die Welt wird damit zurechtkommen müssen. Wir werden alle darüber nachdenken müssen.
Neben allen anderen Themen haben das Land, die Landschaft und die Natur und ihre Veränderung durch die Menschen einen so großen Stellenwert im Buch. Kann Ihr Roman auch als Art Parabel auf unsere Welt heute mit dem Klimawandel gelesen werden? Wir respektieren die Natur nicht mehr und haben keine Verbindung mehr zu ihr.
Ja, ich wollte, dass die Leser/innen genau das mitnehmen: Eine Hungersnot ist nichts, das in der Vergangenheit liegt. Wir wissen, dass mehr Hungersnöte auf uns zukommen werden wegen des Klimawandels und der Art, wie wir die Natur und unseren Planeten behandeln. Ich las vor Kurzem, dass der Atlantikstrom in Gefahr ist, in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren zu kollabieren. Und das könnte einen frappierenden Effekt auf das Klima, das Wetter, die Regenfälle und die Ernährungssicherheit haben. Ja, das ist etwas, was definitiv heute relevant ist.
Ihre Familie kommt aus Irland, Sie wuchsen aber großteils in Großbritannien auf?
Ja, in Wales und Schottland.
Wo fühlen Sie sich heute zuhause? Was bedeutet »Zuhause« für Sie?
Ich weiß es nicht. Das ist wirklich eine schwierige Frage. Mein irischer Hintergrund ist mir sehr wichtig und ich bin so oft wie möglich in Irland und habe meinen irischen Pass, den hatte ich schon immer, besonders seit dem Brexit ist es sehr wichtig für mich. Aber andererseits lebte ich den größten Teil meines Lebens in Großbritannien, ich bin mit jemandem aus London verheiratet, meine Kinder sind hier geboren. Es ist kompliziert. Wenn ich in Großbritannien bin, fühle ich mich irisch, wenn ich in Irland bin, fühle ich mich britisch wegen der Art, wie ich rede. Ich weiß nicht, ob Sie es hören können, aber ich habe überhaupt keinen irischen Akzent. Ich glaube, wenn man nicht dort lebt, wo man geboren wurde, oder wenn der Akzent wie in meinem Fall nicht zum Nachnamen passt, dann hat man immer diese Vorstellung eines Phantomdaseins, einer Doppelgängerin – man fragt sich immer, wer man wäre, wenn man fortgegangen oder wenn man geblieben wäre.
Das fragt sich auch Liam im Roman.
Ja. Wenn man in Irland geboren wurde, dann wird man die Vorstellung nicht los, dass man anders hätte werden oder klingen können.
Was ist das Besondere an Irland?
Waren Sie je dort? Sie sollten hinfahren, es ist wundervoll. Die Leute glauben, es ist Großbritannien sehr ähnlich, aber so ist es nicht. Es ist ganz anders. Obwohl die Länder geographisch sehr nahe beieinander liegen und ihre Geschichten eng miteinander verknüpft sind, ist Irland eine ganz andere Erfahrung.
Was ist Ihr irisches »Erbe«?
Es ist der Ort, an dem ich geboren wurde, wo meine Familie her ist. Ich glaube, es ist für die Leute offensichtlich. Großbritannien ist ein sehr kompliziertes Land, es gibt viele verschiedene Kulturen, man nennt es multikulturell. Es ist schwer zu sagen.
Ja, ich könnte auch nicht genau sagen, was typisch für Österreich ist. Jedenfalls nicht das, was Tourist/innen glauben.
Ja, das ist wahr. Ich glaube, was für mich an Irland besonders bedeutsam ist, das ist vor allem Irlands Geschichte und seine Folklore – sie gehört zu den am besten erhaltenen keltischen Folkloretraditionen der Welt. Ich denke, das liegt daran, dass das Land nie von den Römern unterworfen wurde. So konnten diese sehr, sehr ursprüngliche Sprache, die ursprünglichen Geschichten, Götter und das ursprüngliche Glaubenssystem länger überleben als in Großbritannien und Europa – in Deutschland, Österreich und Frankreich. Ich weiß nicht, ob es noch andere europäische Länder gab, die nicht von den Römern unterworfen wurden, das sollte ich wahrscheinlich nachschlagen. Aber aus irgendwelchen Gründen entschieden sich die Römer, Irland nicht einzunehmen.
Die irische Mythologie, Märchen, Geistergeschichten spielen auch eine Rolle im Buch. Wie hat Sie das als Kind beeinflusst? Wuchsen Sie mit all diesen Geschichten auf?
Ja, das taten wir. Mein Vater ist einer dieser Emigranten, die nie darüber hinwegkamen, dass sie weggingen. Er steht Irland nach wie vor sehr, sehr nahe. Und wenn Irland, sagen wir, eine Medaille bei den Olympischen Spielen gewinnt, ist das ein persönlicher Triumph für ihn. Als wir jünger waren, waren irische Mythen das Einzige, das er uns jemals vorgelesen hat. Damals fand ich es ein bisschen nervig – ich wollte, dass er etwas anderes vorliest, aber er wollte nur irische Mythen vorlesen. Doch in gewisser Weise glaube ich, dass das einen großen Einfluss auf mich hatte. Das hat gewissermaßen die Grundlage dafür geschaffen, wie ich über Geschichten und Erzählen denke. Ich war schon immer sehr fasziniert davon, wie viel Wahrheit in Volksmärchen steckt – jede Art von Mythos enthält immer einen gewissen Anteil an Wahrheit oder Geschichte. Man kann die Wurzeln der Wahrheit in der Fiktion erkennen, die sie umgibt. Und ich glaube, das trifft auf irische Mythen ganz sicher zu. In der irischen Mythologie ist das Land tatsächlich lebendig. Bäume sprechen zu einem, Felsen öffnen sich, das Land ist tatsächlich lebendig, es hat Meinungen, es hat Charakter und oft auch eine Stimme. Das hat mich wirklich interessiert und ich wollte, dass das im Roman deutlich spürbar wird. Ich denke, am meisten wird es das durch die Figur des Eugene.
Ich empfand es auch so, dass die Hauptfigur des Romans das Land ist.
Ja, und ich wollte die Geschichte eines ganzen Landes anhand eines einzigen Fleckchens Erde erzählen – das war die Aufgabe, die ich mir gestellt hatte.
Wie sehr formen Geschichte und Politik das Land?
Ich glaube, das tun sie nicht. Ich glaube, es gibt ein Element des Landes, das unter der Oberfläche dasselbe bleibt, auch wenn Geschichte, Politik und Zeit natürlich das Erscheinungsbild des Landes verändern können – aber tief im Inneren tun sie das nicht, das Land bleibt dasselbe.
Was bedeutet das, was ist die Folge davon?
Ich finde es faszinierend, mich in der Natur und auch in der von Menschenhand geschaffenen Welt umzuschauen – man kann überall Spuren der Geschichte entdecken. Man kann sich Orts- und Straßennamen ansehen und oft lässt sich darin die Geschichte des Ortes erkennen. Es gibt zum Beispiel eine Straße in London, Vinegar Alley, die heute in der City liegt und von schicken Büros gesäumt ist, aber der Name bedeutet, dass dort einst während der Pestepidemie Leichen entsorgt wurden und dass Essig verwendet wurde, um die Straße zu reinigen. Ich liebe solche Dinge – man spaziert vorbei, man denkt, das ist ein Büro, aber früher war es einmal ein Ort, an dem wegen einer Pestepidemie Leichen begraben wurden. Ich liebe diese winzigen Schilder und Hinweise.
Wenn ich mich in der Welt umsehe, habe ich das Gefühl, dass wir nichts aus der Geschichte, der Historie gelernt haben und lernen. Aber es wäre so wichtig. Es ist so wichtig für Tomás, am Ende seines Lebens den Ort seiner Kindheit wiederzufinden. Er kann sich nicht daran erinnern, weil der Verlust seiner Familie zu traumatisch für ihn war. Deshalb, abschließend, nochmals: Wie wichtig ist Familie und, globaler gesprochen, wie wichtig ist die Geschichte, die Historie für ein Land?
Es ist so wichtig. Um uns selbst zu verstehen, müssen wir meiner Meinung nach über diese Dinge nachdenken und sie untersuchen. Die Menschen sind erstaunlich, weil sie alle möglichen Dinge erfinden – das menschliche Gehirn ist genial. Das ist auch eine Frage, die wir uns als Menschheit stellen sollten: Sollten wir wirklich alles erfinden, ist das tatsächlich eine gute Idee? Wird es uns langfristig nützen? Ja, es mag interessant sein, zu sehen, ob wir es erfinden können, aber wird es Gutes bewirken?
Im Buch droht die Familie nach dem Tod der Mutter auseinanderzubrechen und sich in alle Winde zu zerstreuen. Liam tritt in den Jesuitenorden ein, Enda emigriert nach Kanada.
Mich hat der Gedanke beschäftigt, dass eine gewaltige politische und historische Katastrophe Menschen auseinanderreißen kann. Es ist so leicht – besonders damals war es sehr leicht, den Kontakt zu verlieren. Und wenn man auswanderte, war’s das meistens. Man kam nie wieder zurück. Allein der Gedanke, wie es wohl gewesen sein muss, sich an einem Hafen von jemandem zu verabschieden – meist von einem Kind – und zu wissen, dass man es nie mehr wiedersehen wird. Wenn man des Lesens und Schreibens mächtig war, konnte man schreiben, aber wenn nicht, war es vorbei. Man würde wahrscheinlich nie wieder etwas von ihm hören oder sehen. Das ist ein außergewöhnliches Ereignis im Leben.
In Ihrem berührenden Memoir »Ich bin, ich bin, ich bin« schreiben Sie, wie Sie als Kind an Enzephalitis erkrankten und es nicht sicher war, ob Sie je wieder würden gehen können. In dieser Zeit lasen Sie sehr viel. Welchen Einfluss hatte die Erkrankung auf Ihr späteres Leben und auch auf Ihren Werdegang als Autorin?
Das ist eine große Frage. In gewisser Weise ist es schwer zu sagen, wie sehr ich mich danach verändert habe, weil ich damals noch so jung war. Aber ich glaube, dass alle Erfahrungen einen verändern, und diese Erfahrung war so einschneidend, dass sie das sicher hat. Ich habe Bücher schon immer geliebt und Geschichten schon immer geliebt, aber diese Erfahrung hat mich ganz bestimmt zu einer echten Leserin gemacht. Es bedeutet auch, dass ich bis heute sehr schnell lese. Weil ich so lange im Bett gelegen und nichts anderes getan habe, als zu lesen. Deshalb kann ich sehr schnell viele Informationen aufnehmen. Mein Mann sagt immer: »Ich kann nicht glauben, dass du so schnell lesen kannst.« Das war ein großer Vorteil für mich. Es gab zwar viele Nachteile für mich, aber das war positiv. Und es macht dich auch zu einer Beobachterin, was für eine Schriftstellerin sehr nützlich ist. Du betrachtest das Leben von außen. Eine lange Genesungsphase ist wirklich eine sehr seltsame Erfahrung, besonders für ein Kind – dass man so lange Zeit für sich allein verbringt und eigentlich auch außerhalb des Lebens steht. Man hört den Leuten im Haus zu, wie sie Dinge tun, zur Schule gehen, von der Schule zurückkommen und das Abendessen zubereiten, und man ist zwar da, aber nicht wirklich Teil des Geschehens. Es ist also ein bisschen wie die Position eines Autors/einer Autorin mit einer Geschichte.
Wie wichtig ist Familie für Sie ganz persönlich?
So wichtig. Sehr wichtig. Eine meiner Freundinnen, mit der ich zusammen gekocht habe, hat Pasta zubereitet – sie ist Italienerin. Und sie sagte, dass alle Pastagerichte viel besser schmecken würden, wenn man ein bisschen von dem Kochwasser dazugibt. Und ich dachte mir, das gilt doch auch für Menschen. Auch wir brauchen ein bisschen von dem Wasser, in dem wir gekocht wurden.
Maggie O’Farrell wurde 1972 in Nordirland geboren und wuchs in Wales und Schottland auf. Sie debütierte 2000 mit dem Roman »Seit du fort bist«. Es folgten u. a. »Bevor wir uns trafen« und das Memoir »Ich bin, ich bin, ich bin«. Ihr historischer Roman »Judith und Hamnet« gewann den Women’s Prize for Fiction, den National Book Critics Circle Award sowie den British Book Award. Das Buch wurde unter dem Titel »Hamnet« mit Jessie Buckley verfilmt, die für ihre Darstellung einen Oscar erhielt (Regie: Chloé Zhao). »Porträt einer Ehe« interpretiert das Leben Lucrezia di Cosimo de’ Medicis neu.
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Maggie O’Farrell
Land
Ü: Nikolaus Hansen, Kathrin Razum
Piper, 570 S.
