Sandra Weihs sieht die Menschen – und damit das Dilemma – hinter Sozialhilfeempfänger/innen und Amtspersonen. Foto: Heike Bogenberger
Manfred Gruber hat seine früheren Lebensabschnitte nach Krisen unterteilt: Führerschein gemacht während der Ölkrise, Familiengründung in der Jugoslawienkrise, selbständig geworden mit der Bankenkrise. Jetzt ist er selbst die Krise – er lebt von der staatlichen Unterstützung. »Niemand hat dir vorzuschreiben, was du wann und wie machen sollst, das entscheidest immer noch du selbst.« Mit so einer Einstellung hat man es naturgemäß schwer, wenn man in einem (österreichischen) Amt auf seinem Recht auf Unterstützung beharrt, den Amtspersonen Fehler vorwirft und eigentlich überhaupt keine Menschen mag. Immerhin ist Gruber bisher der »Bemühungspflicht« – zehn Bewerbungen im Monat! – nachgekommen. Die wird nun plötzlich in Frage gestellt, ein Bescheid teilt die »grundbücherliche Sicherstellung des Grundstücks« mit. Er soll das geliebte (wiewohl herabgekommene) Haus der verstorbenen Mutter, die er jahrelang auf eigene Kosten gepflegt hat, verlieren? Die Erschöpfung, die Bitterkeit wächst …
In Grubers Argwohn und zunehmender Paranoia – er hat kein Smartphone, um nicht damit kontrolliert zu werden – klingen manche Töne wie Thomas Bernhard, die eine oder andere Situation scheint wie von Kafka entworfen. Sandra Weihs hat zudem einen Weg gefunden, das Spiel mit Perspektiven besonders eindringlich zu gestalten. Sie klaubt gewissermaßen Grubers Gedanken aus seinem Kopf und gibt sie mit der Stimme der Sozialpsychologin, im Nachhinein erzählt, wieder: »Die Beamten verfolgen und jagen dich, anstatt ihrer Pflicht nachzukommen, dem Dienst am Volk. Du bist schließlich Teil dieses Volkes … auch wenn du kein Leistungsträger bist, kein Hackler.« Auf diese Weise stellt sie ebenso die Probleme der exekutierenden Sozialarbeiterin – alleinerziehende Mutter, die an der Stechuhr durch hinausgezögertes Verlassen des Amtes Minuten für den Pflegeurlaub sammelt – dar, Tratsch und Klatsch der Nachbarschaft, die nach dem »Vorfall« interviewt wird, bereiten genüsslich auf die Katastrophe vor. Man schwankt ununterbrochen zwischen Verständnis, Mitleid und schlechtem Gewissen – die Autorin verweigert ihren Leser/innen jegliche Hilfestellung zur Festlegung eines Standpunkts. Allerdings: Wenn Gruber seine Beschwerdebriefe an die Behörden »mit wenig freundlichen Grüßen« unterschreibt, möchte man sich das eigentlich auch einmal trauen.
Sandra Weihs, geboren 1983 in Klagenfurt, hat mit Jugendlichen und Familien in prekären Verhältnissen gearbeitet, war für Fälle der »bedarfsorientierten Mindestsicherung« zuständig und leitete daneben eine Schreibwerkstatt für Jugendliche mit psychischen Erkrankungen. Ihre vielfältigen sozialen Erfahrungen sind bereits in »Das grenzenlose Und« (eine 18-jährige Borderlinerin) und »Delilah« (die Geschichte einer jungen Außenseiterin) eingeflossen. Hat auch das neue Buch einen realen Hintergrund? Sandra Weihs antwortete BUCHKULTUR: »Ja. Der Text beruht auf eigener Arbeit mit der Klientel und langjähriger Recherche. Manfred Gruber hingegen ist eine fiktive Figur, in der eben viele Themen, wie Armut und Arbeitslosigkeit, zusammenkommen, inspiriert durch persönliche Erfahrung im Kontakt mit Sozialhilfeempfängern und aus Gesprächen mit Psychotherapeuten und Fachkräften.«
In seiner unverblümten Offenheit erinnert »Bemühungspflicht« an die provokante Feststellung des Philosophen Pangloss in Voltaires »Candide oder Der Optimismus«: »Das Unglück des Einzelnen begründet das Wohl der Gesamtheit, so dass es ums allgemeine Wohl desto besser steht, je mehr privates Unglück es gibt.«
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Sandra Weihs
Bemühungspflicht
FVA, 256 S.
