Drei poetische Essays über die Bestandteile der Welt und die Beschaffenheit von Sprache. Foto: Jürgen Bauer
2025 hielt Judith Schalansky die Frankfurter Poetikvorlesungen, sie dienen als Grundlage für »Marmor, Quecksilber, Nebel«, in dem verhandelt werden soll, »woraus die Welt gemacht ist«. Impulsgeber für ihre Betrachtungen ist ein riesiger weißer Marmorblock, dem die Autorin in Griechenland begegnet. Zurück in ihrem »stillen Steinbruch« in Berlin mustert sie die Gesteinsflächen der Staatsbibliothek: »Die Unterschiede zwischen der Arbeit an einem Marmorblock und der an einem Marmortext sind augenfällig. Die Arbeit am Stein ist reduktiv.« Wir begegnen dem Bildhauer Pygmalion, der sich in die von ihm geschaffene Statue verliebt, tiefer ins Mythologische geht es mit Ovids Metamorphosen. In pointierten Einschüben beschreibt Schalansky ihre Arbeitsweise, erkennt »metamorphische Gewalten«, die auf den Text einwirken würden: »Ablagerungen von Wissenssedimenten, enormer Druck durch einen Zeitplan, der nur aufgehen kann, wenn herkulische Taten vollbracht werden und das magische Denken die physikalischen Gesetzmäßigkeiten bezwingt.« Der zweite Teil, »Quecksilber«, spielt in Guadalajara, Mexiko, wo Schalansky die Studierenden auf den Geschmack von »Bastard Books«, also Gattungskreuzungen, bringen will. In »Nebel« geht es schließlich dorthin, wo die Welt ihre Form verliert. Wir begegnen Alan Turing und seinen »denkenden Maschinen«, aus denen später unsere großen Sprachmodelle werden sollten. Was sich teilweise wie ein buchgewordener Wikipedia-Binge liest, wird von Schalansky elegant zusammengehalten.
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Judith Schalansky
Marmor, Quecksilber, Nebel. Woraus die Welt gemacht ist
Suhrkamp, 176 S.

