Hängen bleiben ausdrücklich erwünscht, genau hinhören lohnt sich. Foto: Barbara Sigg


Am Anfang steht eine Personenliste, fein säuberlich geordnet nach »steuerbarem Vermögen« der Figuren. Eine kluge Entscheidung, denn was folgt, ist eine Achterbahnfahrt. In ihrem Debüt »Daily Soap« erzählt Nora Osagiobare genau so, wie es der Titel vermuten lässt: schnell, überzeichnet und voll mit scharfen Dialogen. Was zunächst wie ein erzählerischer Taumel voller amüsanter Fußnoten wirkt, entpuppt sich als präzise gebaute Gesellschaftsanalyse, die den Leser/innen einen Spiegel vorhält und dabei Rassismus, Sexismus, soziale Ungleichheit und Homophobie verhandelt. Zu Beginn treffen sich zwei verlorene Seelen an einer Zürcher Tramhaltestelle – die Schweizerin Anneli und der Nigerianer Thor. Sogleich wird man vorgewarnt, zwanzig Jahre später werden sie wieder geschieden sein. Was dazwischen passiert: Anneli bekommt zwei Kinder, aber ja, von zwei verschiedenen Männern. Es gibt Affären, Verschwörungstheorien, Geheimnisse und Obsessionen. Zudem gibt es das fiktive Bundesamt für die Rationalisierung Andersfarbiger anhand von Cappuccino beziehungsweise Kaffee (kurz BARACK), einen ehemaligen Pornodarsteller, einen seriensüchtigen Teenager und einen handfesten Skandal im Modeunternehmen von Frau Bodeca. All das ist abgedreht und genau darin liegt die Stärke dieses satirischen Romans: Er ist intelligent, überspitzt und radikal unterhaltsam. Wie bei einer Daily Soap entwickelt das Ganze eine Sogwirkung, der man sich kaum entziehen kann – nur ohne den Hangover danach. Wer sich darauf einlässt, wird unterhalten und herausgefordert zugleich.

 

Nora Osagiobare
Daily Soap
Kein & Aber, 288 S.