Der österreichische Biologe und Schriftsteller widmet sich der versteckten Wildnis: Ein Brachenatlas. Foto: privat


Der Begriff »Wildnis« hat im Lauf der Geschichte eine bemerkenswerte Umdeutung erfahren. Ursprünglich als etwas Negatives angesehen, vor dem man – weil man es nicht beherrschen konnte – Angst hatte, mutierten wilde Landschaften ab der Romantik und vollends in der zeitgenössischen Ökologiebewegung zu etwas Positivem: Wildnisgebiete sind Bereiche, in denen die Natur schalten und walten darf, wie sie will – wir sehen in ihnen eine Art »Urzustand«, den der Mensch noch nicht verdorben hat.

Solche Wildnisgebiete im strengen ökologischen Sinne gibt es heute allerdings kaum mehr; fast die ganze Welt ist auf die eine oder andere Weise vom Menschen beeinflusst. Dennoch finden sich sogar in unserer unmittelbaren Umgebung Räume, die die Natur »jenseits der menschlichen Regeln nach eigenen Gesetzen gestaltet«, wie es der österreichische Biologe und Schriftsteller David Bröderbauer beschreibt. Er meint damit brachliegende Flächen, auf denen sich – nach Aufgabe einer Nutzung – binnen kürzester Zeit wieder wilde Nischen bilden. In seinem faszinierenden neuen Buch findet der Autor Wildnis in brachliegenden Äckern genauso wie auf Deponien, in aufgelassenen Industriegebieten genauso wie bei Bahnhöfen, entlang von Grenzen genauso wie zwischen Pflastersteinen. Mit großem Fachwissen und feinem Einfühlungsvermögen beschreibt Bröderbauer zwölf solche Bereiche (samt einem Exkurs zu unserem Nachbarplaneten) und porträtiert charakteristische Pflanzen, die sich in diesen kleinen »Wildnissen« ausbreiten. »Es gibt sie überall. Man muss nur den Blick dafür schärfen«, meint er.

 

David Bröderbauer
Acker, Baulücke, Deponie. Ein Brachenatlas
Naturkunden bei Matthes & Seitz, 224 S.