Ein kluges, aber sehr forderndes Romandebüt über verfestigte Machtstrukturen im Theater. Foto: Milovan Milenkovic
Da die junge Dramaturgin Dina nicht nur die erste Frau an der Spitze der Schauspiel-Sparte am serbischen Nationaltheater in Belgrad ist, sondern in ihre erste Spielzeit auch das 150-jährige Bestehen dieses traditionsreichen Hauses fällt, wird ihre Arbeit von allen Seiten besonders kritisch beäugt. Dina ruft die »Spielzeit der Vergewaltigungen« aus und setzt ausschließlich Inszenierungen von Stücken an, in denen Frauen auf offener Bühne Gewalt angetan wird – eine Entscheidung, die zu heftiger Kritik von allen Seiten führt. Zusätzlich leidet die Protagonistin unter einem Verhältnis mit einem Narzissten, das sie eigentlich längst beenden möchte, weil sie sich inzwischen zu einer Frau hingezogen fühlt.
Tanja Šljivar zeichnet in ihrem sehr interessanten Erstling ein düsteres Bild von der Institution Theater, die eigentlich – so möchte man meinen – dazu beitragen sollte, dass die Gesellschaft offen, tolerant und kritisch bleibt, die aber hier mit aller Kraft an traditionellen Mustern, Rollen und Zuschreibungen festhalten möchte. Erschwert wird die grundsätzlich sehr bereichernde Lektüre ein wenig durch den unpräzisen Gebrauch von Begriffen, die die Welt des Theaters betreffen: Die Autorin – oder ihre Übersetzerin? – verwechseln ständig Termini wie »Aufführung« und »Inszenierung« oder »Spielplan« und »Produktionsplan«. Sieht man über diese handwerklichen Schnitzer hinweg, liefert dieser Roman durchaus einige neue und interessante Perspektiven auf die vermeintliche Freiheit der Kunst.
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Tanja Šljivar
Nationaltheater
Ü: Maša Dabić
Suhrkamp, 236 S.

