Uli Aechtners Roman über einen perfiden Schwindel im 19. Jahrhundert: Kolonialsiedler brechen in ein Land auf, das es nie gab. Foto: emons Verlag
Gutgläubig hatten sich knapp dreitausend Menschen aus Irland und England, die in ihrer Heimat mangels Arbeit und Verdienst zukunftsskeptisch waren, dem »Kaziken« (Taíno für »Fürst«) von Poyais Gregor MacGregor anvertraut. Er galt als militärisch erfolgreicher Befreier von Sklaverei und spanischen Besatzern in Zentralamerika. Den hoffnungsfrohen Emigranten hatte er Grundstücke und Staatsfunktionen im von ihm angeblich erworbenen und gegründeten Land Poyais versprochen und eine Überfahrt mit Segelschiffen organisiert. Dafür kassierte er stattliche Geldsummen und konnte darüber hinaus durch fleißigen Bond-Verkauf an der Börse in London erheblichen Profit machen. Bis sich herausstellte: Diese Aktionen waren von hochproduktiver krimineller Energie geleitet und Poyais ein »Land, das es nie gab«. Viele stürzten in den Ruin.
Aus der Perspektive der Emigranten erzählt die Journalistin und Prosaistin Uli Aechtner eindringlich von prekären Situationen, dem Elend, Krankheiten und Enttäuschungen am Strand von Poyais sowie der Rückkehr einiger Überlebender, nachdem etliche gestorben waren. Eine allzu romantische Liebesgeschichte hellt die bedrückende Handlung auf: Julie, aus gutbürgerlichem Haus und Verlobte des Pferdeknechts Carl, entlarvt Gregor McGregors Machenschaften als Skandal und bringt ihn als Hochstapler vor Gericht. Im Finale dieser semi-fiktionalen Ereignisse wird, wie eine historische Parabel für die Gegenwart, McGregor freigesprochen und die Betrogenen werden nicht entschädigt. Auch kaum überraschend: Die Privilegien der Reichen bleiben unangetastet.
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Uli Aechtner
Poyais. Ein Land, das es nie gab
emons, 432 S.

