Die Geschichte Österreichs – erzählt als Aneinanderreihung von Fehlleistungen. Foto: Nora Reichhalter
Die Geschichte, so heißt es, wird von den Siegern geschrieben. Roland Gratzer dreht den Spieß um und nimmt die Verlierer in den Blick – die sich bei genauerer Betrachtung oft als gar nicht so ungeschickt erweisen. Das passt hervorragend zu einem Land, das es seit jeher versteht, seinen Minderwertigkeitskomplex mit Größenwahn zu kaschieren. In der ORF-Radioserie »4000 Jahre Niederlagen« erzählt Gratzer launige Tollpatschigkeiten aus der österreichischen Geschichte. Was in den zweiminütigen Hörstücken jeweils nur angerissen wird, kann in Buchform ausführlich beleuchtet werden.
So erfahren wir etwa, wie knapp man die berühmte Eismumie Ötzi zum Italiener erklärte – sie wurde 92 Meter jenseits der Grenze entdeckt. Wir lesen die Legende vom »heiligen Koloman«, einem angeblich aus Irland stammenden Mönch auf der Durchreise, der im Weinviertel an einem Holunderstrauch gehängt wurde und nicht und nicht verwesen wollte. Das schlechte Gewissen sitzt heute noch tief. Auch das Schelmenstück um den Raub der Saliera aus dem Kunsthistorischen Museum wird nicht ausgespart. Päpste und Gegenpäpste treten ebenso auf wie inzestaffine Habsburger oder der Tiroler Bauernrebell Michael Gaismaier. Promis wie Alma Mahler, Hedy Lamarr oder Honzo, der rauchende Schimpanse, dürfen ebenfalls nicht fehlen. Manchmal formuliert Gratzer allzu flapsig, eine unnötige Anbiederung an junges Publikum, die in der heiteren Anekdotensammlung aber kaum stört. Er serviert uns Geschichte in bekömmlichen Happen und mit großem Unterhaltungswert.
—
Roland Gratzer
4000 Jahre Niederlagen. Österreichs beste Geschichten vom Scheitern
ecoWing, 192 S.

