»Schleifen« ist ein kluges, aber umso anspruchsvolleres Buch, in dem das Konstrukt der Sprache selbst in einem ironischen Spiel zerlegt wird. Foto: Petra Weixelbraun
Sektenmitglieder stehen mit Buchdeckeln auf dem Kopf vor der Haustür. Namen werden tageweise ausgeborgt, Kalenderjahre geraten durcheinander und leere Stellen bekommen in diesem Roman eine völlig neue Bedeutung. Die Handlung verläuft vom Rand einer polynesischen Insel, über das Innere eines gigantischen Kreisverkehrs in Japan bis hin zu einer Flughafenattrappe, von der aus man fast überall hinreisen kann. Der Glaube an die Unendlichkeit ist groß, und zwar nicht nur was Zahlen oder Symbole betrifft.
In seinem neuen Roman »Schleifen« erzählt Elias Hirschl die Lebensgeschichte der fiktiven historischen Figur Franziska Denk, die als Kind von der Sprache krank wird und sich durch andere Sprachen wieder regeneriert. Sie wird Sprachwissenschaftlerin und schließlich zur Anführerin einer militanten nonverbalen Bewegung. Außerdem gibt es zahlreiche Nebenhandlungen, für die der Autor scheinbar die ganze Weltgeschichte durchforstet und sich dabei gierig sämtliche Konzepte und Konstrukte unter die Fingernägel gerissen hat. In seinem ausufernden Schreibstil ist er gar nicht mehr zu bremsen, wenn es darum geht, Lebenswirklichkeiten genau zu beobachten und sie in ihrer Absurdität zu entlarven. Die eigentliche Hauptfigur gerät dabei völlig in den Hintergrund. Im Fokus steht die Sprache selbst, die Hirschl immer auf ihre grotesken Eigenschaften prüft und zerlegt.
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Beliebige Geschichten werden ohne Vorwarnung penibel auserzählt, was dazu führt, dass ein erheblicher Teil des Romans aus theoretischen Beschreibungen besteht, die den Text manchmal schwer lesbar machen. Zudem sind Hirschls Charaktere zwar ausreichend vorhanden, werden aber selten greifbar – trotz der glänzenden Dialoge. Umso verblüffender ist, wie der Autor die meisten seiner Ausschweifungen und diese unglaubliche Fülle an Informationen und Ideen dann zu einem logisch durchdachten Romankonstrukt zusammenfügt.
»Schleifen« ist ein fröhlich-dystopischer Roman, in dem zum Ende hin alles – inklusive Ort, Zeit und auch der menschlichen Identität – völlig im Chaos versinkt. Hirschl schreibt über Szenarien, in denen ständig jeder und alles brennt und bei denen dennoch eine unglaubliche Positivität zum Leben mitschwingt.
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Elias Hirschl
Schleifen
Zsolnay, 416 S.
* Das Gewinnspiel findet auf der Website und unter der Verantwortung der Hanser Literaturverlage statt. Diese Besprechung auf buchkultur.net sowie im Magazin Buchkultur Ausgabe 224 sind redaktionell unabhängige Beiträge von Buchkultur.

