Ein milchiges Grau, das soll vom blauen Planeten übrigbleiben, ist die neue Geoengineering-Strategie erstmal in Kraft. Ein Roman über Farbverlust als familiäre und existenzielle Erfahrung. Foto: Stefanie Kulisch
Ich-Erzählerin Hannah lebt in einem Szenario, wo endlich eine Universallösung für die Klimakrise gefunden scheint: Mittels Geoengineering wird die Erde heruntergekühlt. Der Nachteil? Das Blau des Himmels ist somit futsch. Der sonst so blaue Planet bleibt danach stets unter einem grauen Schleier. Die »Maßnahme«, so nennen die Menschen diese technologische Umwälzung, wirft große Diskussionen auf: Wem gehört das Blau des Himmels eigentlich? Wer darf darüber entscheiden? Und wie viel Verlust kann den Menschen zugetraut werden?
Im Zentrum steht aber Hannah: Sie recherchiert für eine Ausstellung, die das Blau des Himmels einfangen, festhalten, verewigen, verwalten und auch archivieren soll. Dazu führt sie zahlreiche Interviews mit Kunstschaffenden und Forscher/innen. Eine davon ist ihre Schwester Vera, Biologin. Die Gespräche zwischen den beiden Schwestern eröffnen aber weit mehr als Fragen über Blau: Leerstellen in der eigenen Familiengeschichte, ein Vater, der auf Distanz gehalten wird, eine Mutter, die nicht präsent ist. Kindheitserinnerungen unter blauem Himmel, blue feelings, Sehnsucht und Melancholie treten hervor.
Mit Hannah und Vera entwirft Schrefel eine Schablone für den Verlust von Dingen, die sich so einfach nicht messen oder festhalten lassen. Magdalena Schrefel zeigt mit ihrem Romandebüt »Das Blaue vom Himmel« auch, wie kunstvoll sie ungewöhnliche Zukunftsvisionen literarisch durchdenken kann: ein feinfühliger Roman über die menschliche Beziehung zum Himmel, wissenschaftlich wie emotional, aber vor allem über Erinnerung und das was bleibt, wenn das Selbstverständliche verschwindet.
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Magdalena Schrefel
Das Blaue vom Himmel
Suhrkamp, 268 S.

