»Splitterbilder. Dazwischen nichts. Rot, grün, blau.« So beginnt die literarische Autobiografie einer heute achtzigjährigen Dame, der Wienerin Ilse Helbich.

Foto: Libelle Verlag. Aus Buchkultur 89, Oktober/November 2003


Germanistin sei sie, Verlagskauffrau sei sie gewesen, und erst »jenseits ihrer Lebensmitte« hätte sie zu schreiben begonnen; das berichtet der Klappentext dieses durch und durch damenhaften Roman-Erstlings. Aber in diesem Fall bräuchte man gar nicht auf die Angaben des Verlages zurückgreifen, will man etwas über die bis jetzt weitgehend unbekannte Autorin erfahren. Denn während Autorinnen und Autoren sonst meistens ihre eigenen Lebensspuren in den Geschichten der Heldinnen und Helden ebenso kunstvoll wie andeutungsreich verwischen, und auf diesbezügliche Journalistenfragen mit abgeklärt ausweichenden Antworten über das Verhältnis von Kunst und Leben aufwarten, ist der Roman »Schwalbenschrift« der seltene Fall einer völlig unverstellten eigenen Lebensgeschichte, einer Dokumentation mit literarischen Mitteln. Die einzige Verbeugung vor dem fiktiven Genre ist der Verzicht auf die Ich-Form. Das Buch beginnt mit den ersten Lebensmonaten und ihren noch amorphen Wahrnehmungen: »Ein schmal Hochragendes, dunkeldrohend und scharf­weiß in einem. Im Jahr darauf erkennt es den Birkenstamm.« Das »Es« ist das weibliche Baby, die Autorin: »es« ist zu diesem Zeitpunkt noch kein »Ich«.

Auch der »langgezogene Hahnenschrei auf den geschlossenen Lidern« gehört noch zum Leben des Baby-Es, zur kurzen Zeit des synästhetischen Erlebens eines Säuglings. Doch dann, bereits auf der Mitte der ersten Seite, folgt der radikale Perspektiv-Wechsel: »Der Korbwagen, das Wickelkind. Man hat ihr gesagt, es sei ihr Bruder!« Nun ist das neue »Es« ein männlicher Konkurrent, der die Mitte der Welt prangend besetzt.

Aus der Protagonistin ist eine nebendran stehende, trauernde »Sie« geworden, die den ersten und einzigen Mordversuch am Rivalen erfolgreich verdrängt. Dazu kommt, schon auf der allerersten Seite, auch das bedrohliche »man« der Erwachsenenwelt, das vielstimmige Über-Ich des kaum dem schützenden Gitterbett entstiegenen Kindes. Es sind die Stimmen jener Personen, die glauben, dem kleinen Mädchen etwas sagen zu müssen, und die das auch noch bis weit in sein Erwachsenenalter hinein tun werden. Schon flüchtet die kleine »Sie« zurück, in die Krankheit und in das Gitterbett, in dem doch schon der Bruder liegen sollte. Aber es nützt ihr nichts. Ein tugendsames und fleißiges Mädchen unter Brüdern, eine unterbezahlte Sorgerin und Mit-Managerin des Familienunternehmens unter lauter männlichen Erben, eine aussichtlose Kandidatin im Rennen um die Gunst des Familienoberhaupts ist sie: das wird eines der Hauptmotive des ganzen Buches sein.

Auf den auffälligen Versuch zu Anfang des Romans, der schwierig darzustellenden wortlosen Kinderexistenz Worte zu geben, folgen auf rund 200 Seiten noch etliche szenische und handwerkliche Highlights, wie die beklemmend nahe Szene einer süßlich­verschwitzten religiösen Indoktrination des aufgeweckten und hübschen Kindes durch zwei Lehrer, die Beschreibung der ersten Liebe in einem Ferienort am Meer, oder die einer Vergewaltigung durch russische Soldaten bei Kriegsende. Auf langen Strecken beschränkt sich der Text dann aber auch wieder auf ein artiges Aufreiben aller Lebensereignisse entlang der Schnur eines sich linear abspulenden Zeitenlaufs. An diesem allzu langen Gängelband wirkt das gewählte Erzählpräsens dann plötzlich bieder, während es an anderen Stellen sehr viel zur Unmittelbarkeit der Erinnerungen beiträgt. Später, viel später, nach einem arbeitsreichen Leben voller Abschied und Wiederbegegnung, Entbehrung und Versöhnung, und nach fünf Kindern, wird die Heldin dann endlich zurücksinken dürfen in die Wunschlosigkeit ihrer ersten eigenen Lebenswochen. Aber dieser Zeitpunkt liege außerhalb des Buchs, in einer Zukunft jenseits der Beschreibbarkeit. Einer der letzten, für die gläubige Autorin höchst verheißungsvollen Sätze lautet: »Bald, bald wird sie von ihrem Tod entbunden!« Zum Zeitpunkt dieses Versprechens ist die Heldin des Buches auf der vorletzten Seite ihrer Vita angelangt, allein in ihrem Haus am Rand von Wien am Fenster stehend, und hinausblickend in die »nackte Edelstahlbläue« des leeren Himmels …


Ilse Helbich, geb. 1923, aufgewachsen in Wien, promovierte in Germanistik und arbeitete als Verlagskauffrau. Erst spät begann sie zu schreiben, arbeitete am Drehbuch für Wittgensteins Erben mit und konzipierte zahlreiche Radio­Collagen. Sie lebt in der Nähe von Wien, wo ihr erster Roman entstand.

Ilse Helbich
Schwalbenschrift
Libelle Verlag 2003, 240 S.