Beim Wiederlesen eines Interviews der Wiener Schriftstellerin Elfriede Gerstl 1990 in Buchkultur werden wichtige Aspekte sichtbar, die Gerstls Biografie und Schreiben bis zu ihrem Tod 2009 bestimmt haben. Martin Wedl ist Mitarbeiter des Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek und betreut dort unter anderem den Nachlass der Autorin. Zudem hat er Teile ihrer Werkausgabe zusammen mit Christa Gürtler im Literaturverlag Droschl herausgegeben. Foto: Berlin, ca. 1960, privat.


»vielleicht hätts mich vor zwanzig jahren
                 noch gefreut
etwas beachtung – interviews – der
ganze blödsinn
der schmonzes kostet kraft
bringt kein vergnügen
zustimmung will ich jetzt
von denen die ich schätze«

(Elfriede Gerstl: vom wünschen, in alle tage gedichte. schaustücke. hörstücke 1999)

Die Wiener Schriftstellerin Elfriede Gerstl wurde öfter als Randfigur des Literaturbetriebs bezeichnet und hat diese nicht ganz freiwillig gewählte Position dafür genützt, einen kritischen Blick von »Außen« auf die Verhältnisse zu werfen. Im Interview mit Barbara Wiener spricht sie unter anderem über ihre Wohn- und Lebensverhältnisse, die jahrzehntelang prekär waren. Zum Zeitpunkt des Gesprächs war sie selbst nach 35 Jahren des Schreibens nicht »aus dem Schneider«, hatte mit ökonomischen Zwängen zu kämpfen und führte ein sehr unsicheres Leben als Autorin.

Ein zentrales Thema in ihren Essays war die soziale und ökonomische Stellung der Frau in einer trotz Fortschritten weiterhin patriarchal strukturierten Gesellschaft, wie auch im Interview deutlich wird. 2001 sagte sie in diesem Zusammenhang in einem Gespräch mit den Literaturwissenschafterinnen Christa Gürtler und Konstanze Fliedl: »Ich hab Frauenthemen erörtert, also die Befindlichkeit von Frauen zum Beispiel in den Spielräumen zu einer Zeit, in der ich das Wort Feminismus noch gar nicht gekannt habe.« Für sich selbst hat sie größtmögliche künstlerische und finanzielle Unabhängigkeit reklamiert und dafür kompromisslos auf Erfolg und Beachtung verzichtet. Erst 1999 sollte »ihr Jahr« sein, als Gerstl mit dem Erich-Fried-Preis und dem Georg-Trakl-Preis zwei renommierte und gutdotierte österreichische Literaturpreise bekam und sich zumindest kurzfristig über größeres öffentliches Interesse freuen konnte. Die Tatsache, dass sie dadurch für ein Jahr auf die Zusatzpension der Literarischen Verwertungsgesellschaft verzichten musste, nahm sie resigniert zur Kenntnis.

Das Wohnen in gesicherten Verhältnissen, das »Zimmer für sich allein«, wie es Virginia Woolf in ihrem Essay »A Room of One’s Own« 1929 zur Metapher für ein freies, selbstbestimmtes Leben und Schreiben von Frauen machte, war auch für Elfriede Gerstl eine wichtige Voraussetzung dafür, sich dem Wesentlichen widmen zu können. Wenn sie im Interview davon spricht, dass sie sich zwischen Bergen von Büchern und Vintage-Kleidern einen Platz für ihre Schreibarbeit erkämpfen muss, gewährt sie bewusst oder unbewusst Einblick in ihre frühe Biografie. Gemeinsam mit der Mutter hatte das jüdische Mädchen den Holocaust nur überlebt, weil sie sich fast drei Jahre in verschiedenen Wohnungen in Wien versteckt gehalten hatten. Es ging bei Elfriede Gerstl nicht nur im Wohnen und Schreiben, es ging auch im Leben immer schon »um Zentimeter«.


Foto: Thomas Prix

Freie Autorin, lebt in Wien

Über die Schwierigkeit, vom Schreiben zu leben. Barbara Wiener im Gespräch mit Elfriede Gerstl. Aus: Buchkultur 8, 1990.


Buchkultur: Seit wann leben Sie als freie Schriftstellerin?

Elfriede Gerstl: Zunächst habe ich einige Semester Psychologie und Medizin studiert, auch vier Jahre in Berlin verbracht. Ich war verheiratet, in Berlin haben wir uns scheiden lassen. Was das Schreiben betrifft, habe ich am Anfang überhaupt keine Möglichkeit gehabt, von meiner Arbeit zu leben.

Wovon haben Sie hauptsächlich gelebt bzw. woraus setzen sich Ihre Einkünfte zusammen?

Lange Zeit habe ich, finanziell unter dem Existenzminimum, bei meiner Mutter gelebt. Mittlerweile kann ich seit einigen Jahren von meiner Arbeit leben. Hauptsächlich von Lesungen, hin und wieder Radiosendungen und der Organisation und Gestaltung von Vorträgen und Symposien, auch in der Provinz und in Deutschland. Nicht leben könnte ich von den Einnahmen aus Buchveröffentlichungen: der Ertrag ist zu gering. Als freie Schriftstellerin bin ich immer wieder auf Stipendien und Literaturpreise angewiesen, 1985 war es der Würdigungspreis, 1990 der Literaturpreis der Stadt Wien.

Wie schätzen Sie die heutige Situation für junge Literatinnen ein? Haben Sie Kontakte? Können Sie etwas für sie tun?

Den jungen Autorinnen macht besonders der Markt Schwierigkeiten. Sie werden zwar immer wieder zu irgendwelchen Runden geladen, Club 2 oder Symposien, dienen jedoch nur als gesellschaftlicher Aufputz, als Alibifrauen. Was die Frauen sagen, hat weniger Gewicht. Ich selbst habe viele Kontakte zu jungen Frauen, es sind angenehme, freundschaftliche Beziehungen. Ich habe jedoch wenige Möglichkeiten, junge Autorinnen zu unterstützen. Ich kann höchstens Vorschläge für die Grazer Autorenversammlung machen, oder wenn ich In einer Jury sitze, die Stipendien vergibt. Ich bin davon überzeugt, dass die Frauenbewegung einiges bewirkt hat. Frauen können heute nicht mehr öffentlich ungeniert benachteiligt werden. Doch die Probleme sind nicht beseitigt. Ich meine hier besonders die Konflikte im privaten Bereich, was auch für Frauen im Kulturbetrieb gilt. Sie verausgaben sich immer noch damit, ihre Familie mit ihrer Arbeitskraft zu tragen.

Wie sehen Ihre Arbeitsbedingungen aus?

Schlimm, aber früher war es noch wesentlich schlimmer. Heute habe ich zumindest eine eigene Wohnung mit zwei Zimmern, in der ich zeitweise allein, zeitweise mit einem Freund zusammenlebe. Diese Wohnung ist sehr klein und sehr vollgeräumt, da es mir sehr viel ausmacht, etwas wegzuschmeißen. Das kommt von den Zeiten tiefster Armut her; da sitze ich nun zwischen Bergen von Büchern und Kleidern vom Trödler. Ich kann mich eben von nichts trennen. Für meine Arbeit steht mir gerade ein Viertel eines großen Esstisches zur Verfügung, meine Schreibmaschine muss ich immer hin und her räumen. Es geht in meiner Wohnung um Zentimeter, jeder Quadratzentimeter ist ausgenützt.

Gesellschaftlich wird weibliche Kreativität immer noch auf die Mutterrolle reduziert. Wie geht es Ihnen damit? Haben Sie sieb durch Ihre Mutterrolle behindert gefühlt? 

Ich empfinde diese Gleichsetzung von Kreativität mit der Mutterrolle nicht. Seit meinem 20. Lebensjahr habe ich mich als Autorin gefühlt. Mein Muttersein hat mich nie behindert, wohl aber meine Wohnsituation und die unglaubliche Armut. Jedes Fehlen von Sicherheit, von Ressourcen, von Bequemlichkeit im Wohnen, hat mich eingeschränkt, eingeengt, aufgehalten. Frau, Jüdin, ohne Geld: etwas Schlimmeres kann man sich nicht vorstellen. Vielleicht noch kranksein, was ich auch oft war und unter besagten Umständen kein Wunder ist. Durch die Verhältnisse gezwungen musste ich bei meiner Mutter leben, was mir – wie auch die ökonomischen Einengungen – mein Muttersein erschwerte.

Wie sind Ihre Erfahrungen als Frau mit Verlagen, Institutionen und öffentlichen Subventionsgebern?

Jahrzehntelang katastrophal, auch für männliche Kollegen. Für mich war es aussichtslos. Da gab es die Reihe „Die Literaturproduzenten“ vom Verlag Jugend & Volk. Ich war damals in einer Gruppe von kritischen und jungen Autoren, die die Auswahl der Texte bestimmt haben. Später habe ich Hörspiele veröffentlicht, zwei Bücher sind erschienen in der Edition „Neue Texte“.

Inzwischen hat sich die Situation geändert Es gibt eine Menge Zeitschriften, die jedoch wenig Beachtung finden. Das ist vielleicht inflationär. Die Flut des Vorhandenen schmälert die Aufmerksamkeit. Die Situation hat sich jedoch nur an der Oberfläche verändert.

Haben Sie so etwas wie eine Frauensolidarität unter den Schriftstellerinnen erlebt?

Diese Frage lässt ich für mich so nicht beantworten. Es gibt Freundschaften wie unter Männern auch, Freundschaften und einige wenige Feindschaften. Die Solidarität unter Frauen ist eine Illusion, die die Frauenbewegung hegen muss. Doch die Frauenbewegung ist bitter notwendig, bis heute, da die Probleme noch lange nicht beseitigt sind. Der ärgerlichste Anblick sind mir jedoch die militanten Antifeministinnen. Im Übrigen bin ich davon überzeugt, dass Frauen sowieso im Kommen sind.

Wie ist Ihr Verhältnis zu männlichen Kollegen?

Das ändert sich mit dem Alter, dem zunehmenden Status und dem Grad der Bekanntheit Von den jüngeren Kollegen werde ich höflich behandelt und zumindest nicht öffentlich kritisiert. Da ich nicht zurückgezogen lebe, sondern sehr öffentlich, habe ich ziemlich guten Kontakt mit vielen Kollegen. Ich gebe selbst oft zu Lesungen und Veranstaltungen, auch von Jüngeren. Das ist sehr unüblich.

Ein Zitat von lrmtraud Morgner in „Amanda“ lautet: „Jedes meiner erschienenen Bücher war beruflich ein Erfolg und privat eine Niederlage … Meine gelungenen Bücher haben meinen Gefährten nur Kummer gemacht … Eine Frau, die dichtet oder dergleichen, muss mit gnadenloser Einsamkeit rechnen.“ Was sagen Sie dazu?

Das entspricht überhaupt nicht meiner Erfahrung. Ich war immer mit Männern befreundet, die mir meinen Erfolg gewünscht haben. Wenn die Unterstützung nicht in der nächsten Nähe wäre, wäre das sehr schlimm. Man ist so einsam, wie man einsam sein will. Von den Kollegen/Kolleginnen muss jedoch Neid befürchtet werden. Manche legen einen auf die Rolle der Unglücklichen und der Versagerin fest.

Was wünschen Sie für schreibende Frauen und für sich in Zukunft?

Das ist nicht so leicht zu sagen. In erster Linie wünsche ich ihnen, von ihrer Arbeit leben zu können, soviel Erfolg zu haben, wie sie brauchen, soviel Geld, wie sie brauchen. Wichtig ist Selbständigkeit und Selbstbewusstsein. Für mich habe ich, so hoffe ich, einiges erreicht.

Foto: Herbert Wimmer, ca. 1990