Egal, ob als Buch, als Cinemascope-, TV- oder Streaming-Format – Krimiserien haben ihre eingeschworene Fangemeinde. Von den Klassikern bis hin zu den aktuell als Profis, Teilzeit-Ermittler/innen Tätigen oder dark heroes: die Beispiele sind so mannigfaltig wie die Hauptpersonen, um die sich die Plots ranken. Fotos (v.l.n.r.): Michael Connelly: Beowulf Sheehan; Martin Walker: Klaus Maria Einwanger/Diogenes Verlag; Don Winslow: Robert Gallagher; Val McDermid: Charlotte Graham.


Auch in der heimischen Szene der Krimiautor/innen widmet sich der eine und die andere immer wieder einer zentralen Figur als Handlungsträger – Alex Beer schickt in ihren historischen Plots gleich mehrere alte Bekannte aus: Kriminalinspektor August Emmerich, Isaak Rubinstein und Felix Blom, dessen 2. Fall im November erscheint (»Der Schatten von Berlin«). Stefan Slupetzky lässt den legendären Lemming mit Witz und Tiefe beeindrucken (aktuell: »Lemmings Blues«, siehe Seite 5) – und den kürzlich verstorbenen Erwin Riess, Schöpfer des einzigartigen Rollstuhlfahrers Groll, und seine klugen, vielschichtigen Stories werden viele schmerzlich vermissen (zuletzt: »Herr Groll und die Wölfe von Salzburg« 2021); dies nur sehr kursorisch zitierte Beispiele.

Das Vergnügen für Leser/innen besteht im Wiedererkennungeseffekt, in der Neugier darauf, wie der Kommissar, die Ermittlerin, die tragende Figur den Pfeil und Schleudern des wütenden Geschicks im neuen Fall begegnen wird, die Challenge der Autor/innen liegt in der kniffligen Aufgabe, zum einen abgeschlossene Episoden vorzulegen, gleichzeitig Bezüge zu Vorangegangenem herzustellen, ohne redundant zu werden, wenn der Plot sich über mehrere Bände erstreckt, und Cliffhanger so zu setzen, dass der Folgetitel unverzichtbar für die Fans wird.

Ein Großmeister in dieser Disziplin ist Don Winslow, der seit 1991 publiziert, u. a. mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet, mehrfach mit dem Maltese Falcon Award geehrt wurde und neben Einzelromanen und Drehbüchern für Thriller- und Krimireihen steht, die sich zwischen der Tradition des Noir und Hardboiled bewegen und stets auf exzellenter Recherche beruhen. Mit »City of Dreams« liegt nun der zweite Band der City-Reihe vor, der dort anknüpft, wo »City on Fire« (2021) endet – Band 3 wird das umwerfende Epos um verfeindete Mafia-Familien, das in den 1980ern auf Rhode Island beginnt, abschließen. Winslow, Autor von 21 preisgekrönten internationalen Bestsellern, ist ehemaliger Privatdetektiv, Anti-Terror-Ausbilder und Prozesssachverständiger. »City of Dreams« beginnt 1991 in der kalifornischen Wüste mit der wenig hoffnungsvollen Einschätzung, die Danny Ryan, irischstämmiger Mafioso, der aus dem Familiengeschäft raus will, zugeteilt wird: »Danny hätte sie alle töten sollen. Jetzt weiß er das.«

Mit dem soeben erschienenen Band »Zwei Wahrheiten« lässt der in Philadelphia geborene Michael Connelly seinen berühmten Harry Bosch (der eigentlich originellerweise Hieronymus getauft wurde) zum mehr als respektablen 20. Mal ermitteln. Harry, ehemals Mitglied des LAPD wurde zwangspensioniert, widmet sich im aktuellen Titel in der demütigenden Umgebung einer zum Büro umfunktionierten Ausnüchterungszelle als freier Mitarbeiter cold cases – und wird von einem eigenen Fall aus den späten 1980ern eingeholt, als es mit der Beweiskraft von DNA noch nicht weit her war. Hat er einen Fehler begangen? Was, wenn der Einspruch eines Mörders, den Harry hinter Gitter gebracht hat, durchgeht? Connelly, bereits für seinen Debüt-Roman »Schwarzes Echo« mit dem Edgar Allen Poe Award ausgezeichnet, glühender Raymond Chandler-Verehrer und als ehemaliger Polizeijournalist umfassend vertraut mit einschlägigen Settings, ist auch Schöpfer eines zweiten Serienhelden, Mickey Haller, genannt »The Lincoln Lawyer«, der anstehende Fälle von der Rückbank seines Wagens aus erledigt. Ab und zu treffen Harry und Mickey bei Ermittlungen aufeinander. Weltweit millionenfach verkauft, in mehr als 40 Sprachen übersetzt, zählt Connelly zu den erfolgreichsten gegenwärtigen Krimischriftstellern.

Ebenfalls gut zu tun hat Monsieur Bruno, Chef de police in Saint Denis, in der Nähe von Lascaux. Sein Erfinder, der in Schottland geborene Autor, Historiker und Journalist Martin Walker lebt in Washington und im Périgord. Bruno kommt in seinem 15. Fall – »Troubadour« – in eine politisch heikle Situation, die mit den Unabhängigkeitsbestrebungen der Katalanen im Nachbarland zu tun hat. Ausgerechnet ein Lied der von Bruno hochgeschätzten Folkband Les Troubadours sorgt für hochgradige Aufregung, da die Singer-Songwriter mit ihrem viral durch die Decke gehenden Hit »A Song for Catalonia« für Zündstoff sorgen – und das nicht nur in Spanien. Bedrohungsszenarien bauen sich auf, das alljährliche Sommerfest, bei dem Les Troubadours auftreten sollen, steht unter unguten Vorzeichen – und das ist längst nicht alles in der inhaltlich meisterhaft unterfütterten Story.

Schottland ist auch das Stichwort für eine Königin des Genres. Die in der Hafenstadt Kirkcaldy im schottischen Fife geborene Val McDermid hat neben Einzelbänden gleich mehrere packende Serien anzubieten: die Karen Pirie-, die Kate Brannigan und die Tony Hill/Carol Jordan-Reihe. Als eine der erfolgreichsten britischen Autorinnen von Thrillern und Kriminalromanen, in über 40 Sprachen übersetzt, weltweite Verkaufszahlen jenseits der 11 Millionen-Marke, wurde sie 2010 für ihr Lebenswerk mit dem Diamond Dagger der britischen Crime Writers’ Association, der höchsten Auszeichnung für britische Kriminalliteratur geehrt. Mit der Geschichte um die engagierte Journalistin Allie Burns eröffnet McDermid eine weitere Reihe, beginnend mit dem Band »1979 – Jägerin und Gejagte«, soeben fortgesetzt mit »1989 – Wahrheit oder Tod«. 1989 – eines der prägendsten Jahre in der europäischen Geschichte, bildet die Matrix für eine brisante Geschichte, soghaft erzählt von einer Autorin, die stets gesellschaftspolitisch relevante Themen abhandelt – im vorliegenden neuen Titel u. a. im Berlin des Umbruchs.

Die genannten Autoren sowie eine Vielzahl weiterer brillanter Krimi- und Thriller-Schriftstellerinnen steuern dem Genre großartige serial heroes bei und bieten mehr als spannende Unterhaltung.


Don Winslow
City of Dreams
Ü: Conny Lösch
HarperCollins, 368 S.

Michael Connelly
Zwei Wahrheiten
Ü: Sepp Leeb
Kampa, 432 S.

Martin Walker
Troubadour. Der fünfzehnte Fall für Bruno, Chef de police
Ü: Michael Windgassen
Diogenes, 400 S.

Val McDermid
1989. Wahrheit oder Tod
Ü: Kirsten Reimers
Knaur, 464 S.