Janosch jenseits der Kinderbücher: Ein Autor, der sich mit Kirche und Gesellschaft auseinandersetzt (»Polski Blues«, »Cholonek oder Der liebe Gott aus Lehm«) und fälschlicherweise ins Kinderbucheck gerückt wurde. Ein Interview aus dem Buchkultur-Archiv in Gedenken an den am 3. November 2026 verstorbenen Schriftsteller. Foto: Merlin Verlag, 1994
Aus: Buchkultur 32, 2/95
Buchkultur: Man hat Ihnen einmal ein erzkonservatives Weltbild vorgeworfen. Wissen Sie das noch?
Janosch: Ja. Das tat eine Frau, gell?
Ja, das war eine Frau.
Klar. Sie schrieb über das Kinderbuch »Das kleine Schweinchen«. Und jede Frau identifiziert das kleine Schweinchen als weibliches Objekt und fühlt sich diskriminiert.
Ihr Verhältnis zu Frauen ist also nicht das beste?
Doch. Inzwischen schon. Jetzt ist es fantastisch. Denn jetzt habe ich überhaupt nichts mehr mit Frauen zu tun. Besser geht’s doch gar nicht, oder?
Das kann man auch anders auffassen: Schlechter kann es nicht gehen.
Nun, eine Frau habe ich doch. Meine Lebensgefährtin Ines auf Teneriffa. Das ist doch genug.
Vor unserem Interview erzählten Sie mir, dass Sie zu keinem Menschen Vertrauen hätten. Auch nicht zu Ines, mit der Sie immerhin schon 15 Jahre zusammenleben?
Das Wort Vertrauen existiert überhaupt nicht für mich. Ob ja oder nein, das überlege ich überhaupt nicht mehr. Eines Tages war dieses Thema für mich aus der Welt. Früher habe ich niemandem vertraut, dann habe ich jemandem vertraut, das ging schief – seitdem existiert dieses Wort für mich nicht mehr.
Über welche Eigenschaften muss denn eine Frau verfügen, damit Sie sie akzeptieren können?
Intelligent muss sie sein. Das kommt an erster Stelle. Natürlich auch ein bisschen schön – das ist nicht ganz unwichtig. Und sie darf nicht zurückschlagen …
… wie bitte?
Nein, es ist ja umgekehrt. Ich schlage nicht zurück. Ich habe auch nichts dagegen, wenn Frauen ein bisschen schweinisch sind. Eine Frau sollte außerdem nicht schnarchen und keine Haare auf den Beinen haben.
Trotzdem: Wie kann man ohne Vertrauen mit anderen leben?
Indem man einfach nicht danach fragt. Geht’s schief, ist es immer noch früh genug, sich darüber zu grämen.
Wie gehen Sie mit Kindern um, z.B. dem Kind Ihrer Lebensgefährtin? Kinder wollen und fordern Vertrauen, schenken auch viel Vertrauen.
Die Kinder können zu mir ja Vertrauen haben. Für mich stellt sich diese Frage aber nicht.
Kindern können Sie also nicht vertrauen?
Was heißt denn schon vertrauen? Ob mich der andere betrügt oder nicht, tut er was Schlechtes oder nicht, und tut er mir damit was an. So verstehe ich das.
Wie gehen Sie also mit Kindern um, die nur Ihre Bücher und Ihr liebenswertes Gesicht kennen?
Streicheln tu’ ich die. Das gefällt ihnen. Nur Nörgler mag ich nicht.
Warum? Kindermund tut Wahrheit kund, sagt ein altes Sprichwort. Selbst wenn Kinder also nörgeln und kritisieren – sie sind dabei meist sehr ehrlich.
Ja, das habe ich auch gern. Aber es gibt auch andere Kinder. In einer Schule haben Kinder einem Jungen, der ein bisschen schwächer war, Benzin auf den Kopf gegossen und es angezündet. Dann haben sie ein Mädchen auf die Erde geworfen und auf sie eingetreten. Der Lehrer wagte es nicht, diese aggressiven Kinder zu schlagen, gab ihnen nur eine Kopfnuss. Der Lehrer bekam zwei Jahre Gefängnis auf Bewährung. Solche Kinder können mir gestohlen bleiben.
Hatten Sie nie Lust auf eigene Kinder?
Nein, nie. Weil ich mich hätte entscheiden müssen: Saufen oder Kinder. Ich habe mich fürs Saufen entschieden. Und man kann Kindern keinen Säufervater anbieten.
Und Kinderbücher? Wie kamen Sie dazu?
Es war ein Job. Ich brauchte Geld. Ganz einfach. Na ja, das Saufen konnte ich nicht aufgeben, mein Vater war Säufer, und als ich die Wahl hatte: Saufen oder Kinder, da entschied ich mich eindeutig fürs Saufen. Andere machen ja beides und das ist dann die eigentliche Sauerei: Saufen und Kinder.
Mir hat das gar nicht gepasst, dass der Verlag das Buch aus mir rausgekitzelt hat. Sie haben mich so genervt …
Schreiben Sie gerne Kinderbücher?
Ab und zu schon mal. Aber nicht so gerne. Denn da gibt es einen ganz starken Zwist in mir selbst: Wenn ich schreiben würde, wie ich könnte, sollten meine Kinderbücher die Welt so darstellen, wie sie ist. Nämlich: Der Mensch ist eine Sau. Sobald aber ein Problem in den Büchern dargestellt wird, kaufen es die Leute nicht mehr. So wie mein Lieblingsbuch, der »Schimanski«. Ich glaube auch, dass die Kinder eine heile Welt vorgeführt bekommen wollen. Meine „konservativen“ Bücher – z.B. »Panama« – waren dabei fast eine Trotzreaktion.
In Ihrem neuen Roman »Von dem Glück, Hrdlak gekannt zu haben« erzählen Sie zum dritten Mal Teile Ihrer unglücklichen Kindheit.
Da bin ich nicht dran schuld. Das hat der Verlag unbedingt haben wollen. Ich hätte das Thema nicht wieder ausgegraben.
Ähnelt Hrdlak deshalb so sehr Ihrer ersten Romanfigur Cholonek?
Es ist derselbe. Nur von einer anderen Seite gesehen. Mir hat das gar nicht gepasst, dass der Verlag das Buch aus mir rausgekitzelt hat. Sie haben mich so genervt, dass ich es dann gemacht habe.
Dieser gute Mensch Hrdlak – hätten Sie in Ihrer Jugend gerne so jemanden gehabt?
Viel schlimmer. Ich möchte gerne so sein.
Was ist Glück für Sie?
Erreichen des Nirvana. Mein Hrdlak lebt im Buch im Zustand des Nirvana. Der Lektor meinte aber, das verstehen die Leute nicht. Und hat es abgeflacht.
Ihr Buch »Polski Blues« war eine fulminante Attacke gegen Kirche und Zivilisationskrankheiten wie Dekadenz. Sind Sie immer noch voll Hass gegenüber der katholischen Kirche?
Das ist vorbei. Das habe ich schon geschafft. Auch alle anderen Aggressionen, die ich je hatte, sind weg. Nur nicht die gegen die Nazis und die Richter, die die Nazis wieder sausen lassen. Ich halte die Justiz für so verschweint, wie man sich das sicher nicht vorstellen kann. Der Republikaner Schönhuber darf Ignatz Bubis beleidigen – und wird auch noch freigesprochen. Dann die ganze Ausländerfeindlichkeit. Jetzt wäre der Zeitpunkt mal wieder gekommen, um aus Deutschland zu emigrieren. Ich bin wie ein Tier – ich fliehe lieber. Es sei denn, ich wüsste vorher, dass ich stärker bin. Dann hätte ich schon oft Neonazis verprügelt. Das ist das einzige, was ich bereue – nie Karate gelernt zu haben.
Wie würden Sie als Richter urteilen?
Keine Ahnung. Ich bin beim Thema Neonazis befangen. Ich traue mir nicht zu, gerecht zu sein – weil ich eine solche Wut in mir habe. Und was die Kirche betrifft: Ich finde es immer noch ziemlich unglaublich, wie dumm die Leute sind, die diesem Papst blind vertrauen.
Was sollte Gott – wenn es denn einen gibt – mit dieser Kirche tun?
Er müsste sie auslöschen. Und das Wort Gott kann man auch nicht mehr verwenden. Sie haben es entwertet. Seitdem sie ihn als einen alten Mann mit Bart zeichnen, kann man das Wort nicht mehr verwenden.
Wenn man Sie am Ende Ihres Lebens fragt: Was hat Ihnen am besten gefallen? Was würden Sie antworten?
Das Essen, die Musik und dann, na ja, vielleicht zwei, drei Frauen.
Macht es Ihnen heute noch Spaß, Kinderbücher zu schreiben? Oder werden Sie dazu auch gedrängt?
Dazu werde ich ebenfalls gedrängt. Ich würde am liebsten überhaupt nicht mehr arbeiten. Sobald ich dem Verlag sage, ich will nicht mehr, ich mach’s nicht mehr, schicken die eine Kiste Wein, machen mich besoffen – und schon ist’s wieder gelaufen, und ich sag’ wieder ja. Leider. Wenn der Wein erstklassig ist, dann fall’ ich bei allem um.
Haben Sie es denn überhaupt notwendig, noch zu arbeiten, zu schreiben?
Nein. Ich habe in meinem Leben bisher weit über 200 Bücher veröffentlicht, davon verkaufen sich nur drei oder vier sehr gut. Zumindest den Abrechnungen nach. Aber es reicht, um nicht mehr arbeiten zu müssen.
Nur drei oder vier? So bekannt, wie Sie sind, klingt das wenig glaubhaft. Ihre Bücher tauchen auch regelmäßig in den Bestseller-Listen auf.
Ich weiß. Ich werde von den Verlegern betrogen. Mein letzter – den Namen will ich jetzt nicht sagen – hat 4.000 verkaufte Bücher abgerechnet, 700.000 hat er unterschlagen. Und wenn mir das keiner glauben sollte – ich kann alles belegen.
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Lesetipps:

Janosch
Mutter, sag‘, wer macht die Kinder?
Mosaik 1992
derzeit erhältlich bei: Little Tiger Books, 48 S.
Janosch
Von dem Glück, Hrdlak gekannt zu haben
Goldmann, 1994
