Ihr eklektischer Verlag war von den 1970ern bis in die 1990er DER Blueprint für alle ambitionierten Independent-Verlage. Buchkultur-Herausgeber Michael Schnepf erinnert sich an Antje Kunstmann. Foto: Regina Schmeken / Verlag Antje Kunstmann
Antje Kunstmann, geboren am 15. Mai 1949 in Bad Kissingen, gründete 1976 gemeinsam mit Peter Weismann den Frauenbuchverlag, der 1990 in Verlag Antje Kunstmann umbenannt wurde. 2022 erhielt sie den Kurt-Wolff-Preis für ihr Lebenswerk als unabhängige Verlegerin. Sie starb am 16. September 2026 im Alter von 77 Jahren in München.
Die erste Rezension eines Buches aus dem Verlag Antje Kunstmann im Magazin Buchkultur galt 1992 Janet Flanners »Paris, Germany: Reportagen aus Europa 1931–1950« – ein eindringlicher Text über Europa im Schatten des Faschismus und des Zweiten Weltkriegs, geschrieben mit dem genauen Blick einer Journalistin. Wenn ich heute darauf schaue, passt dieser erste Titel gut zu dem Verlag, den wir in den folgenden Jahrzehnten kennenlernen sollten: politisch interessiert, literarisch anspruchsvoll und immer mit einem Blick auf die Welt, in der wir leben.
Danach folgten viele weitere Bücher. Mehr als 200 haben wir im Lauf der Jahre in Buchkultur besprochen: politische Sachbücher ebenso wie anspruchsvolle Literatur, Humor oder Kinderbücher. All die Jahre über gehörten die Kunstmann-Bücher zu unserem Redaktionsalltag. Dazu kamen persönliche Begegnungen, vor allem bei unseren jährlichen Treffen rund um die Frankfurter Buchmesse. Man sah sich, sprach über Bücher, über die Branche und über das, was uns gerade bewegte.
Angefangen hat alles in der Frauenbewegung der siebziger Jahre. Schon während ihres Studiums hatte Antje Kunstmann im Münchner Pädagogikverlag Raith eine Reihe mit Materialien zur Frauenemanzipation herausgegeben. Daraus entwickelte sich die Idee für den Frauenbuchverlag. Die Bücher sollten »für Mehrheiten, die wie Minderheiten behandelt werden«, sein.¹ Diese Haltung blieb spürbar, auch als der Verlag längst weit über das ursprüngliche Frauenbuchprogramm hinausgewachsen war.
Mit der Zeit haben wir nicht nur das Programm des Verlags kennengelernt, sondern auch Antje Kunstmann als Verlegerin. Wir haben ihre verlegerische Handschrift und ihr Engagement schätzen gelernt. Besonders in Erinnerung bleibt mir ihre Mischung aus Neugier, Eigenständigkeit und einem sicheren Gespür für Bücher, die etwas zu sagen hatten – ganz gleich, ob es sich um Literatur, Sachbuch, Humor oder Kinderbücher handelte.
Für Buchkultur verbindet sich ihr Name mit etwas sehr Persönlichem: mit 33 Jahren voller Bücher, Austausch, Begegnungen und Zusammenarbeit. Vieles davon war im Alltag selbstverständlich. Erst wenn ein solcher Weg plötzlich endet, merkt man, wie sehr er zum eigenen beruflichen Leben gehört hat.
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¹ Aus Edda Ziegler »BücherFrauen. Frauen in der Geschichte des deutschen Buchhandels«, Beitrag »Groß unter den Kleinen: Der Verlag Antje Kunstmann«, Wallstein 2014, S. 219.
