Aus: Buchkultur 204, Oktober 2022.
Buchkultur gratuliert dem Ungarn Péter Nádas zum 80. Geburtstag am 14. Oktober. Punktgenau erscheint Neues: der Roman »Schauergeschichten« und ein Band mit Essays über Musik, Fotografie und Literatur. Foto: Gáspár Stekovics
Wir fliegen durch die Luft. Das erste, das oft wiederkehrende Erinnerungsbild meines Lebens nannte Péter Nádas 2018 in seinem Erinnerungsbuch »Aufleuchtende Details« dies.
Flug. Leichtigkeit. Absturz. 1944, Budapest, ein Mietshaus in der Damjanich utca, von Bomben getroffen. »Das Nacheinander der Bilder verklebt sich, die Reihenfolge ist nicht mehr zu ändern. Dann ist da kein kaltes Flammen mehr, kein Fallen, kein Oben, kein Unten. Da ist nur Einsturz.« So die Erinnerung des damals zweijährigen Nádas. Dem man glaubt. Oder nicht glaubt. Denn wie zuverlässig tatsächlich ist Erinnern, wie solide die Realität, wie belastbar eigenes Erleben?
Zerstörte Brückenstümpfe in der Donau, das wählte Nádas als Sinnbild seines Lebens. Sein Elternhaus war jüdisch-kommunistisch. Doch mit 16 war Nádas Vollwaise, die Mutter war an Krebs gestorben, der Vater, in politischen Intrigenscharmützeln versunken, hatte sich erschossen.

Damjani utca, Budapest
64 Jahre später ist Nádas, in einem idyllischen Dorf ansässig, einer der größten Autoren der Moderne in Ungarn. Seine Bücher sind ausgreifend assoziative Groß- und Langkunstwerke. »Aufleuchtende Details« zählt 1280 Seiten, das »Buch der Erinnerung« 1312 Seiten, »Parallelgeschichten« 1728 Seiten. »Seit ich in der Nähe des gigantischen Wildbirnenbaums lebe, brauche ich mich nicht mehr fortzubewegen, um in die Ferne zu sehen oder in die Zeit zurückzublicken.« Der erste Satz von Nádas‘ Essaysammlung »Leni weint« gab 2018 den Grundtenor vor für ein geduldiges, ausdauerndes Betrachten der Welt. Die Idylle täuschte. Denn es ging um Krieg und Frieden, um Václav Havel und Alexander Solschenizyn, über den Wert von Geld und Arbeit, um Frieden und Moral.
Die drei Aufsätze, nun im für Nádas-Verhältnisse schmalen Band »Schreiben als Beruf« erstmals in Buchform vereint, entstanden in den vergangenen drei Jahren, für drei Auftraggeber, der titelgebende Essay für den Kunstverein Wien, »Haydn im Plattenbau« für die Joseph Haydn Stiftung in Basel im Zuge des Projekts »Haydn2032«. »In den Farben der Dunkelheit« schrieb Nádas für das Magazin der Berliner Akademie der Künste.
»Haydn im Plattenbau« kreist um den Komponisten. Überaus feinsinnige Beschreibungen, Formulierungen, Wendungen findet Nádas für die Musik und den Stylus Haydns. Und geht fast unmerklich, dabei hochbewusst über zur Komposition von Absätzen, Sprachrhythmen, Satzperioden. Aus der Meditation über Haydn entwickelt sich das kunstvolle Porträt des Freundes und kunstvoll verspielten Romanciers Péter Esterházy. Noch skrupulöser: das essayistische Umkreisen des Schreibvorgangs, was wird zu Papier gebracht, was bleibt stehen, was wird gestrichen, wie bleibt diese Leere weiterhin greifbar. Und wieso ist dies entscheidend und so wichtig.
Seine komplexen, facettenreichen Reflexionen über Schreiben, das Bauen von Romanen zählen zum Intelligentesten, was über diesen kreativen Vorgang je geschrieben worden ist. Pflichtlektüre nicht nur für Nádas‘ Publikum, für alle vielmehr, die zu schreiben gedenken oder sich anschicken, ob professionell oder semi-professionell, oder nur für sich.
»Die Überwindung der Angst ist schaurig anziehend.«
— Péter Nádas
»In den Farben der Dunkelheit«: Gedanken des Autors als leidenschaftlicher Fotograf. Subtil und scharfsinnig räsoniert er über digitale und analoge Fotografie, über Abbildungstradition und Pixel-Verflachung, über Licht und Buntheit. »Die Bündel der Sehnerven fühlen sich vom Licht angezogen, und es graut ihnen vor dem Licht, in jedem Moment erfassen sie die Natur und das Ausmaß der Anziehung und des Grauens, die Gehirnzellen speichern es. In die Dunkelheit treten sie immer gerne ein, selbst dann, wenn sie Angst haben. Die Überwindung der Angst ist schaurig anziehend.«
Ein schauriges Dorf. Irgendwo in Ungarn. In einer Zeit, in der es bereits Kolchosen gibt. Ein Dorf voller Angst, Dunkel, Neid, Infamie, Armut, Aussichtslosigkeit. Was man aus irischer Literatur kennt, von Flann O’Brien (»Das harte Leben«) oder Máirtin Ó Cadhain und dessen gälischem Die-Toten-wispern-auf-einem-Friedhof-Roman »Grabgeflüster«, hebt Nádas mit immenser Kunstfertigkeit auf eine noch höhere Stufe.
Bei ihm sprechen die einzelnen abgelösten Stimmen miteinander, aneinander vorbei, rutschen in innere Monologe, die alle anderen mithören. Das dörfliche Leben ist bitter, hart, anstrengend, die Vergnügungen überschaubar, oft bestehen sie aus rabiat sadistischen Scherzen, die mit der geistig eingeschränkten Rosa getrieben werden. Es wird gehetzt, verspottet, kopuliert. Menschen sind Geisterwesen, Gespenster, die kurz harten Boden bearbeiten, um dann in ebendiesem verscharrt zu werden.
Péter Nádas, der in den letzten zehn Jahren merkwürdig wenige Literaturpreise erhalten hat, rollt einen linguistisch überwältigenden feingewobenen Sprachteppich aus, der in seiner Derbheit und in seiner alexandrinischen Argot-Polyphonie an Tonlagenskalen zwischen Rabelais und Gadda oder Céline gemahnt.
Liest man zuerst seine poetologischen Überlegungen und dann diesen Roman, in dem dramaturgisch alles stupend genau gesetzt und gefugt ist, in dem die kaum merklichen Übergänge von Innen nach Außen nach Innen, von mürrisch abweisender Natur zu mürrisch abweisender Nichtmitmenschlichkeit präzis ineinander verschwimmen, realisiert man, dass dem auch im persönlichen Gespräch auf jedes gesetzte Wort bedachte Autor hier ein hochavancierter Roman von eminenter Artistik gelungen ist, eine luftig profunde Spiegelung des Weltgroßen im Dorfkosmos.
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Péter Nádas
Schauergeschichten
Ü: Heinrich Eisterer
Rowohlt, 576 S.
Péter Nádas
Schreiben als Beruf
Ü: Christina Viragh, Heinrich Eisterer
Rowohlt, 96 S.
