Am liebsten würde er über die Liebe schreiben. Aber Artem Tschech ist Ukrainer, er kämpft sogar als Soldat für die Freiheit seines Landes. Es bleibt ihm also nicht viel anderes übrig, als über den Krieg zu schreiben. Foto: Danylo Pavlov


Mit »Nullpunkt« und Frontberichten in deutschen Zeitungen erlangte der 1985 geborene Tschech auch in unseren Breiten Bekanntheit. Sein neues Buch »Musik für einen Soldaten«, vom Verlag Klett-Cotta als Roman gelabelt, ordnet er selbst als Sonderfall ein.

Buchkultur: Herr Tschech, der englische Titel ihres neuen Buches »Musik für einen Soldaten« lautet »Dress Up Game«, eine wörtliche Übersetzung aus dem Ukrainischen. Das bedeutet so etwas wie »Anziehspiel«. Was hat es damit auf sich?

Artem Tschech: Den gleichen Titel habe ich auch einer Kolumne für eine ukrainische Publikation im Sommer 2021 gegeben. Darin beschrieb ich, wie ich einige Jahre nach meinem Militäreinsatz 2015/16 die Uniform aus meinem Seesack wieder anprobiert und mich gefragt habe, ob ich sie je wieder regelmäßig tragen würde. Bald darauf stellte sich heraus: ja. Dass ich diese Soldatenuniform im Laufe meines Lebens immer wieder an- und ausziehen würde, kommt mir wie ein Spiel vor. Ein trauriges, furchterregendes Spiel, das unmöglich zu gewinnen ist. Das Buch ist in zwei Abschnitte unterteilt, einer davon trägt den Titel »Musik für einen Soldaten«, und ich hatte diesen Titel auch für die ukrainische Ausgabe in Erwägung gezogen. Warum genau der deutschsprachige Verlag das ganze Buch dann so genannt hat, können die dort sicher besser erklären.

Auf Deutsch wird das Buch als Roman vermarktet, also als fiktionales Werk, dabei liest es sich wie eine sehr persönliche Schilderung. Was davon trifft zu, und ist es Ihre Absicht, die Leser/innen in dieser Hinsicht ein bisschen im Dunkeln tappen zu lassen?

Es ist Autofiktion, also meiner Meinung nach zu künstlerisch, um zu 100 % als dokumentarische Prosa durchzugehen. Ich selbst würde das Buch aber auch nie als Sachbuch bezeichnen. In meinen Augen ist es ein hochliterarischer Text, so geschrieben und komponiert, dass die Leser/innen an seine fiktionale Struktur glauben. In der Ukraine erscheint derzeit sehr viel dokumentarische Prosa: Tagebücher, Reportagen und Essays. Ich wollte ein bisschen weg von der herkömmlichen Lesart (und »Schreibart«) dieses Krieges. Ist in diesem Buch irgendetwas erfunden? Nein. Ist es dokumentarisch? Keineswegs.

In den letzten 20 Jahren haben Sie fast jedes Jahr ein Buch veröffentlicht, einige davon während ihres Militärdienstes. Wie schaffen Sie dieses beeindruckende Pensum – nicht zuletzt, da ihr neues Buch unter anderem davon handelt, wie Sie an der Front eben nicht zum Schreiben kommen?

Wenn ich in einer Kampfeinheit bein – derzeit bin ich in Kyjiw stationiert –, schreibe ich nichts als höchstens Kolumnen für diverse Medien. Der gesamte kreative Prozess findet ausschließlich während meiner Freigänge statt. Wenn Sie die Zahl der Bücher und die Zeit, die ich zum Schreiben gebraucht habe, analysieren, kommt gar nicht so viel heraus. Seit 2015 habe ich vier belletristische (und zwei autofiktionale) Werke geschrieben. Ist das viel für einen Autor, der eine große Schreibenergie in sich spürt? Während des Krieges habe ich bisher nur einen einzigen Roman vollendet – er erscheint dieses Jahr im September. Alles andere ist hauptsächlich altes Material, dem ich einen Feinschliff verpasst habe. Ich würde wirklich gerne mehr schreiben. Es gibt so viel, worüber es sich zu schreiben lohnt. Aber keine Zeit.

Wie geht es Ihnen mit ukrainischen Schriftsteller/innen oder anderen Kulturschaffenden, die entschieden haben, lieber auszuwandern als zu kämpfen?

Ich sehe das gar nicht so negativ, eher mitleidig-herablassend. Sagen wir so, sie hatten die Wahl, aber ich werde nicht vergessen, wie sie entschieden haben, und bei Gelegenheit werde ich sie daran erinnern – wenn sich diese Kolleg/innen nämlich anschicken, auf demselben Niveau über den Krieg zu sprechen wie diejenigen, die ihr Land hier verteidigt, für Freiheit gekämpft haben oder in Zeiten der Gefahr zumindest in der Nähe geblieben sind. Das ist kein Krieg, den man aussitzen kann, um dann mit ernstem Gesicht bei einer Podiumsdiskussion über seine bizarre Beschaffenheit zu sprechen oder historische Ereignisse zu bewerten. In diesem Krieg geht es um das Überleben einer ganzen Nation. Und wer geflohen ist, ist vor den eigenen Leuten und dem eigenen Land geflohen.

Diese Kolleg/innen führen irgendwo das Exilleben, über das Sie im Buch sinnieren, unterstützt von Kulturinstitutionen. Sind Sie manchmal versucht, doch diesen Weg einzuschlagen?

Wahrscheinlich könnte ich endlich mal schlafen. Aber ich würde es mir nie verzeihen. Ich hatte schon etliche Gelegenheiten, irgendwo in einer Residency zu sitzen, europäische oder amerikanische Fördergelder zu beziehen und über die Ungerechtigkeit der Welt zu schreiben. Wie gesagt, alle treffen ihre eigenen Entscheidungen.

Zu einem Gutteil geht es in ihrem Buch darum, dass Sie lieber über die Liebe und das Reisen schreiben würden, Ihnen aber offenbar kein anderes Thema vergönnt ist als der Krieg. Warum ist das so? Denken Sie, die Leute würden Anstoß daran nehmen, schrieben Sie im Krieg über etwas anderes? Oder bietet das Leben einfach keinen anderen Stoff?

In der ukrainischen Gegenwartsliteratur ist es nun einmal so, dass selbst, wenn jemand nicht über den Krieg schreibt, er oder sie trotzdem über den Krieg schreibt, und sei es auch nur als abgedunkelte Kulisse im Bühnenintergrund. Meine Aussagen, ich würde lieber über das Reisen und die Liebe schreiben, beziehen sich auf meinen damals noch unvollendeten Roman, in dem für beides Platz war. Auf der Gesamtebene handelt freilich auch dieser Roman vom Krieg, allerdings nicht von unserem, sondern vom Amerikanischen Bürgerkrieg. Mittlerweile komme ich dem Thema Liebe in meiner Belletristik immer näher, aber den Krieg werde ich trotzdem nicht los. Dafür ist er in unserem Leben einfach viel zu präsent.

Das Cover der deutschen Ausgabe von »Musik für einen Soldaten« zeigt Sie mit Zigarette. Im Text wird immer wieder erwähnt, dass geraucht wird oder Sie den Kameraden Zigaretten mitbringen. Rauchen alle Soldaten?

Viele Soldaten rauchen. Nicht alle, aber viele. Es rauchen sogar die, die eigentlich nicht rauchen. Vor Beginn der großangelegten Invasion hatte ich eigentlich vor, aufzugeben, aber als ich den Krieg herannahen spürte, verwarf ich den Plan – ich hätte sowieso wieder mit dem Rauchen angefangen. Aber oh, welch Genuss ist es im Krieg!

Als Österreicher, der das Glück hat, weit weg vom Krieg zu sehen, habe ich durch Ihr Buch wertvolle Einblicke in eine Nation, die angegriffen wurde. Über Ihren Einsatz haben Sie auch schon in Artikeln für deutsche Zeitungen berichtet. Ist es Ihre Absicht – mit diesem Buch und darüber hinaus –, die Welt darüber aufzuklären, wie die ukrainische Armee in diesen Zeiten funktioniert?

Wenn ich das wollte, würde ich bestimmt einen völlig anderen Text schreiben. Meine Kolumnen und Essays für europäische und amerikanische Leser/innen unterscheiden sich deutlich von denen, die ich für Ukrainer/innen schreibe. Hier muss ich vieles nicht erklären, was Außenstehenden rätselhaft erscheint. In der Ukraine spreche ich andere, komplexere Themen an und werde dabei viel nuancierter. In einem Buch für ausländische Leser/innen hätte ich daher einen ganz anderen Fokus gelegt. Dieses Buch hingegen handelt von der Innenwelt eines Soldaten, der nicht für den Krieg geschaffen ist, aber zur Waffe gegriffen hat, weil er keine andere Wahl hatte. Für die Medien schreibe ich kaum noch. Im Westen interessieren sich die Leute nicht besonders für die Ereignisse in der Ukraine. Und dem ukrainischen Zeitungspublikum habe ich nichts mehr zu sagen.

Wie kam »Musik für einen Soldaten« in der Ukraine an?

Wahrscheinlich sollte ich lieber nicht selbst versuchen, die Reaktionen auszuwerten. Es gibt ein paar Bewertungen und Kommentare auf Goodreads. Es gibt ein paar vergriffene Auflagen. Kann man über ein gefühlsschweres Buch sagen, dass es positiv aufgenommen wurde? Es wird gelesen, besprochen; es ist in den Charts, in Buchclubs, bei Festivals. Es ist wichtig, das ist mir selbst bewusst. Aber ich bleibe dennoch hauptsächlich ein Verfasser von Belletristik, daher nehme ich dieses Buch innerhalb meines Werks ein bisschen als Sonderfall wahr.

Welchen Status haben Sie in Ihrem Land als schreibender Soldat?

Ich bin ein Schriftsteller, der Soldat geworden ist. Hauptsächlich aber bin ich Schriftsteller. Obwohl völlig unklar ist, wann mein Dienst enden wird, betrachte ich das Soldatendasein als vorübergehendes Phänomen. Aber natürlich besteht eine gewisse gesellschaftliche Anforderung, eine Erwartung an eine schreibende Person. Es wird erwartet, dass man dokumentiert. Dass man versteht. Und reflektiert. Wo nehme ich für das alles die Kraft her?

Sie erwähnen im Buch zahlreiche Songs und Musiker/innen. Welche fünf empfehlen Sie als Playlist während der Lektüre? Sprich: Was ist die Musik für einen Soldaten?

Auf Spotify gibt es ein paar von Leser/innen zusammengestellte Playlists. Ich habe meine eigenen Top Five:

  • Nick Cave, »Carnage«
  • Lana Del Rey, »Shades of Cool«
  • David Knopfler, »God’s Mockingbird«
  • Nick Drake, »Place to Be«
  • Lola Marsh, »She’s a Rainbow«

Sie haben zu Beginn Ihrer Karriere auf Russisch geschrieben, nie aber publiziert. Was gab den Ausschlag für den Wechsel ins Ukrainische?

Ich bin in einem russischsprachigen Umfeld aufgewachsen. Die ersten Bücher, die ich las, waren russische Klassiker. Meine Mutter ist ausgebildete Lehrerin für russische Literatur. Daher war das nicht nur die Sprache, in der ich kommuniziert habe, sondern auch die, in der ich meine ersten kreativen Schritte unternommen habe. Aber die Zeit hat alles zurechtgerückt: Erst begann ich, ukrainisch zu lesen, dann, ukrainisch zu schreiben und mich für Kultur und Geschichte meines Volks zu interessieren. Mir wurde bewusst, dass Ukrainisch nicht nur die Sprache der klassischen Literatur ist; es handelt sich um eine moderne, lebende Sprache und vor allem: um meine Sprache. Noch heftiger erwischte mich die Erkenntnis, dass Sprache bestimmt, zu welcher Kultur man gehört. Dass ich zu 100 % Ukrainer bin, verstand ich während der Orangen Revolution 2004, als gegen Wahlbetrug protestiert wurde. Ich traf Gegenwartsautor/innen und wollte dazugehören. Heute kann ich es mir anders gar nicht vorstellen. Heute ist alles anders.

Ich traue mich fast nicht fragen, aber wie sehen Sie die Chancen der Ukraine, den Krieg zu gewinnen?

Kriege enden nicht immer in Siegen oder Niederlagen. Und was wäre das überhaupt, ein Sieg für die Ukraine? Das wäre für jede/n was anderes. Für manche das Überleben als Staat. Für andere die Befreiung aller Gebiete von der russischen Besatzung. Wieder andere sehen einen Sieg ausschließlich in der Bezwingung Russlands. Ich versuche, mich vom gesunden Menschenverstand leiten zu lassen, daher wäre für mich ein Kriegsende wichtig, das keine Anzeichen einer offensichtlichen Niederlage mit sich bringt. Wünsche ich mir eine gewisse Befriedigung durch eine Bestrafung des Bösen? Tue ich. Aber ist das möglich? Die Welt kennt außer Schwarz und Weiß noch ein paar andere Farben.


Artem Tschech, geboren am 13. Juni 1985 in Tscherkassy (Ukraine) als Artem Oleksandrowytsch Tscherednyk, gehört zu den wichtigsten Autor/innen der ukrainischen Gegenwartsliteratur; u. a. ausgezeichnet mit dem Gogol-Literaturpreis und dem Joseph-Conrad-Korzeniowski-Literaturpreis; international bekannt wurde er mit »Nullpunkt« (dt. 2022 im Arco Verlag).

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Artem Tschech
Musik für einen Soldaten
Ü: Alexander Kratochvil, Maria Weissenböck
Klett-Cotta, 192 S.