Erst stellte Anna Baar in »Nil« die Idee einer traditionellen Erzählinstanz infrage. Jetzt hat sie mit »Amseln« einen Roman geschrieben, der uns an der Idee intimer Beziehungen zweifeln lässt. Foto: Johannes Puch
Aus: Buchkultur Österreich Spezial, Sept. 2026
Was wirft man weg, was behält man? Was soll von uns übrigbleiben? Welche Erinnerungen kommen auf, wenn uns gleich der Proust’schen Madeleine eine Fotografie aus der eigenen Jugend in die Hände fällt? In Anna Baars neuem Roman löst eben solch eine Urlaubsfotografie einen Erinnerungsstrom aus, der zu einem Rückblick auf die gesamte eigene Lebensgeschichte der fragwürdigen Protagonistin Elda Vera gerät. Im Fokus steht dabei jene Emotion, die das Leben beinahe aller Menschen zumindest zu einem gewissen Zeitpunkt so umfassend prägt, dass beinahe alles erlaubt scheint. »Haben die Liebenden wirklich immer recht oder machen wir uns gerade im Namen der Liebe auf grausame Weise schuldig?«, heißt es anspielungsreich auf der ersten Seite.
In »Amseln« tritt zu Beginn eine ungewöhnliche Erzählinstanz auf, ein namenloser Herausgeber meldet sich zu Wort: Ihm sei der Nachlass aus Notizen und Briefen von Dr. Elda Vera, einer der geschlechtlichen Nötigung eines Patienten beschuldigten, ehemaligen Nervenärztin, zugespielt worden. Dieses persönliche Vermächtnis bringt den Leser/innen nun zwar die Person Elda Vera näher, nimmt aber nicht den Schrecken ihrer Geschichte. Auch der Name Anna Baar wird im Vorwort ins Spiel gebracht: Sie sei lediglich als Namensgeberin zu betrachten, die infolge der Einlösung eines Wettversprechens »ihren Kopf und Namen« hinhalte. Die folgenden Notate und Briefe (insbesondere an den ehemaligen Geliebten Lev) der Täterin, die zugleich auch Opfer ist, lassen sich zwischen Groteske, Protokollen der Angst, Fantasien und Erinnerungen einordnen.
Identitäten umkreisen
Mit ihrem Buch »Nil« (2021) hat sich Anna Baar von dem autobiografischen Schreiben wegbewegt, das etwa ihr Romandebüt »Die Farbe des Granatapfels« (2015) auszeichnete. In diesem setzte sich die Autorin, Tochter einer dalmatischen Mutter und eines österreichischen Vaters, mit dem Aufwachsen in zwei Kulturen auseinander. Der Roman »Nil« spielte nicht mehr in südlichen Landschaften, sondern erschuf eine poetische Selbstbefragung. Dem Ausgedachten wurde besondere Aufmerksamkeit zuteil, Identität infrage gestellt und schlussendlich aufgelöst. Auf den ersten Blick fungiert »Amseln« als Gegenstück. Was könnte mehr über eine Person preisgeben als Briefe und vor allem persönliche Notizen?! Doch wie lässt sich dies beurteilen, wenn Angst, Selbstbetrug und -inszenierung ins Spiel kommen?
Elda Vera ist zum Zeitpunkt eines Großteiles der Briefe eine ältere Frau, die allein in der ehemaligen Wohnung der verhassten Eltern lebt. Die Lebensumstände sind beklemmend, ihre Vertrauenspersonen sind die Astrologin Frau Helga, die per wöchentlicher Pauschale für 300 Euro online in die Sterne schaut, und ein Ehrenamtlicher der »Christlichen Einsamkeitshilfe«. In der Öffentlichkeit kann sich die Protagonistin nicht zeigen, da sie bereits von anderen als angeklagte Sexualstraftäterin erkannt wurde. Folglich sind ihre Briefe von Schmerz, Wahnvorstellungen und beklemmenden Erinnerungen geprägt, in die sie viele Monologe einbaut. Somit lesen sich die Briefe als lebendiges Geflecht an Stimmen, wenngleich sie alle von der unzuverlässigen Erzählerin zusammengetragen wurden.
Rasch werden die Briefe und Notizen zur Lebensbeichte: Die Protagonistin scheiterte in jeglicher Form von Beziehungen, seien sie familiärer, freundschaftlicher, intimer oder sexueller Art. Die Kraft des Romans liegt darin, dass die Autorin es schafft, dieses Unvermögen der Protagonistin mit den fatalen familiären Zuständen in ihrer Kindheit und Jugend in Verbindung zu bringen. Wie sehr die Repressalien von ihren Eltern sie selbst und ihre Schwester Marta prägten bzw. zerstörten, gehört zu den eindringlichsten Passagen des Buchs. »Warum liest der Vater Marta die Leviten nie in unsrem Beisein, frage ich die Mutter. Sie schlägt mir mit einem Tusch ihrer verkehrten Hand die Oberlippe blutig, dreht den Fernseher lauter und beginnt zu flennen. Warum fühle ich mich schon wieder schuldig?«
Vertrauen ins Misstrauen
Mit »Amseln« deckt Anna Baar eine Vielzahl an Themen und Motiven ab; die Besonderheit besteht darin, weder ins Seichte oder Populäre abzudriften noch die zentralen Protagonist/innen und Handlungsstränge aus dem Blick zu verlieren. Anna Baar zeigt durch ihren poetologischen Ansatz auf, dass Komplexität im Alltäglichen nicht schwer zu finden ist. Sie muss jedoch erst erspäht und als relevant befunden werden. Ein kleiner Abriss der erwähnten Themenstränge ließe sich in etwa so zusammenstellen: prägende Klischees, die mit Herkunft in Hinblick auf die Klasse (aus gutem Hause stammend oder eben nicht) einhergehen, die Macht der Eltern, Gefahren astrologischer Schwurbelei, Absurdität von Internetforen, quälende Einsamkeit, geschlechterspezifische Unterschiede in Hinblick auf Lebensentwürfe, Perversion der Religion, sexuelle Gewalt etc.
»Amseln« legt die Notwendigkeit des Vertrauens ins Misstrauen auf eindringliche Weise nahe. Baars neuer Roman lässt seine Leser/innen nicht daran zweifeln, dass wohl allem mit umfassender Skepsis begegnet werden muss, ganz gleich, ob es sich dabei um die vermeintliche Fürsorge der Eltern, prägende Diskurse in Hinblick auf Geschlecht und Beziehungsformen oder personifizierte Instanzen wie Ärzt/innen handelt.
Elda Vera ist vereinsamt. Als sie nur mehr den Kontakt mit Dienstleister/innen oder Ehrenamtlichen sowie als Internet-Troll hat, bleibt ihr die Amsel von gegenüber (wobei Amseln im Roman auch für eine Person steht), der die Protagonistin auch ein Gedicht widmet:
»Ich habe einen Vogel.
Der ist mir zugeflogen.
Schwarz glänzt sein Gefieder.
Droht er auszubüxen,
stutz ich ihm die Flügel,
tausch ihm Herz und Zunge,
leih ihm deinen Namen.«
Dieses Buch zeichnet eine Unbedingtheit aus, der man sich nicht entziehen kann.
Anna Baar, geboren 1973 in Zagreb. Aufgewachsen zwischen einem Wiener Studentenwohnheim, den Sommern bei der Großmutter auf der Insel Brač und Klagenfurt. Heute lebt sie wieder in Wien. 2015 Debüt mit »Die Farbe des Granatapfels«, das drei Monate auf der ORF-Bestenliste stand. Es folgten die Romane »Als ob sie träumend gingen« und »Nil«, 2021 auf der Shortlist des Österreichischen Buchpreises. Ihre Bücher erscheinen im Wallstein Verlag. Ausgezeichnet u. a. mit dem Theodor Körner Preis 2017, dem Großen Österreichischen Staatspreis 2022 und dem Brüder-Grimm-Preis 2023.
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Anna Baar
Amseln
Wallstein, 256 S.
