Paulus Hochgatterer hat sich Zeit gelassen für sein neues Buch »Mio und die Unsterblichkeit«. Es hat sich ausgezahlt, darauf zu warten. Foto: Wolfgang Paterno
Aus: Buchkultur Sonderheft Österreich, Sept. 26
Der Roman »Mio und die Unsterblichkeit« beschäftigt seine Leser/innen weit über seine 144 Seiten hinaus, erzählt doch darin der 16-jährige Ingemar, den es nicht stört, als »Krüppelkind« angesprochen zu werden, von seiner Welt.
Doch davor noch Einleitendes über das Phänomen Hochgatterer. Er ist Autor, war bis vor einem Jahr Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Tulln und hat in seinen Zürcher Poetikvorlesungen (»Katzen, Körper, Krieg der Knöpfe. Eine Poetik der Kindheit«, Deuticke, 2012) vieles von dem, was ihn antreibt, niedergeschrieben – z. B., dass er ein Katzenliebhaber ist. Sein Kater Pumuckl meinte – so schreibt er in seiner ersten Zürcher Poetikvorlesung –, dass die Frage »Kinderpsychiatrie oder Literatur« unsinnig sei und er lehrte ihn, »dass man sich nicht immer entscheiden muss, sondern im Leben ganz bequem zwei sein kann.« Hochgatterer spricht mit seinen Katzen, und sie sprechen zu ihm in seinen Worten. Und damit sind wir beim Roman »Mio und die Unsterblichkeit«. Um eines gleich vorwegzunehmen: Ja, der Autor lehnt sich mit dem Titel bewusst an das Kinderbuch »Mio, mein Mio« von Astrid Lindgren an. Mio ist in Hochgatterers Buch aber eine Katze mit neun Leben, die zuerst Maid Marian heißt, dann aber von Ingemar, dem Ich-Erzähler des Romans, umgetauft wird und sich daran auch gewöhnt. Ingemar ist ein 16-jähriger hochintelligenter Bub, der nur atmen, denken und reden kann. Ingemar hat SMA Typ 2, also spinale Muskelatrophie. Somit hat er nicht nur eine Familie mit Vater, einer 11-jährigen Schwester und einer Mutter, sondern auch noch andere Menschen um sich: den persönlichen Assistenten und »Kammerdiener« Jack, den Physiotherapeuten Fred, der im Nebenberuf Gewichtheber ist, und Al-Wahidi, einen Neurologen aus dem Jemen. Ingemar denkt gerne philosophisch, das hat er schon als Kind gemacht. Jetzt schreibt er alles auf. Seit das mit dem Bleistift nicht mehr funktioniert, kann er es dem Computer diktieren. Er mag Gottesbeweise und unter den wenigen Menschen, mit denen er reden kann, ist ein 96-jähriger Mann, der ihm Geschichten aus seiner Kindheit und Jugend erzählt, die, beruft man sich auf Hochgatterers Nachwort, von dessen Vater stammen. Ingemars Zustand verschlechtert sich in kleinen Schritten, mit dramatischen Anfällen dazwischen. Es gibt ein Medikament, das helfen könnte, es ist aber eines der teuersten weltweit, ein Grund für Ingemar, es vorerst abzulehnen. Er fühlt auch erste erotische Spannungen, u. a. bei der dicken Judith, die ihn mit Cremeschnitten füttert: »Es gibt nicht viel, was sich besser anfühlt, als von einem dicken Menschen gefüttert zu werden.« Das ist nur ein Satz aus der Unzahl derer, die Ingemar aufschreibt und die einem im Gedächtnis bleiben. Hochgatterer drückt nie aufs Gefühl, da ist sein Held sehr streng mit sich, wenn es um »Kitschdinge« geht. Zur Katze Mio nur so viel, dass ihr der letzte Satz gehört: »Es ist völlig egal, ob sie gerade ein Leben verbraucht hat oder nicht.« Ja, und dann ist das Buch zu Ende, aber noch lange nicht die Beschäftigung damit; Hochgatterer legt Spuren, die man für sich weiterverfolgen kann: Wie kann denn das weitergehen mit Ingemar, jetzt, wo er sich doch entschlossen hat, das Medikament zu nehmen? Und was ist mit der Frau, »Anfang dreißig, groß, mit feinen Äderchen auf den Wangen«? Sehr oft denkt man sich auch, welch Glück Ingemar mit seinen Betreuern hat!
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Paulus Hochgatterer
Mio und die Unsterblichkeit
Zsolnay, 144 S.
