Vom Werbestudium über den Kinderschauspieler zum vielgelesenen Buch-Content-Creator im deutschsprachigen Netz: Samuel Benke über seinen Zugang zum Lesen und warum es ihm ein Anliegen ist, den Online-Diskurs über Bücher zu bespielen. Foto: Lee Thieler.
Gerade schreibt er an einer Literatursendung für ARTE, ein Debütroman für das Frühjahr 2027 ist in Arbeit – als Autor, Content Creator (@samuel.benke) und Redakteur ist Samuel Benke mittlerweile über die Welt von Bookstagram hinaus gefragt. Im Interview verrät er die Kausalität seines Seins als Content Creator und Autor und zeigt sich hoffnungsvoll, was die Zukunft des Lesens angeht.
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BUCHKULTUR: Wenn man sich auf deiner Webseite umschaut, findet man ein umfangreiches Portfolio. Du bist in vielen Online/Text/Bild-Sphären unterwegs. Wie viel Absicht steckt in diesem Werdegang?
Samuel Benke: Irgendwann hat sich der Traum geformt, dass ich es schaffen könnte, vom Schreiben zu leben. Und auf dem Weg dahin habe ich überlegt, was es denn noch für Formen gibt, Geschichten zu erzählen, was gibt es noch für Wege, andere Leute zu berühren, zum Nachdenken und zum Fühlen zu bringen. Dadurch sind Interviews mit anderen Künstler/innen, Podcasts, Filme entstanden und Begegnungen mit anderen Geschichtenerzähler/innen passiert, die diese Art von Blick auf die Welt möglich machen und Fenster für mich in ganz unterschiedliche Welten geöffnet haben. Das hat auch mein eigenes Schreiben beeinflusst und meine Art, in die Welt zu gehen. Das finde ich schön, dass an unterschiedlichen Stellen unterschiedliche Geschichten aufgeblüht sind, auch in unterschiedlichen Formen – mal sehr kollaborativ, mal gemeinsam, mal einsamer – und dass ich diese Welten mitbeschauen und miterleben konnte. Ich habe aber ein bisschen gebraucht, bis ich mich getraut habe, das so zuzulassen. Ich dachte anfangs, ich bin in der Welt so Werbekommunikation zuhause. Ich habe an der UdK in Berlin, Universität der Künste, Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation studiert und was ich da wirklich mitgenommen habe, war, mich zu trauen, zu meinen Texten zu stehen. Aber Werbung, das war nicht für mich. Ich habe es auch ausprobiert in der Werbeagentur, es war ganz banal und es hat mir keinen Spaß gemacht. Dann bin ich ans Literaturinstitut Hildesheim gewechselt und habe dort meinen Master gemacht. Ab dann habe ich einfach versucht, den Fokus, egal was die Arbeit ist, aufs Geschichten erzählen zu legen.
Wie gehst du für dich mit dem Label »Content Creator« um, wenn du dich, vordergründig als Autor, als schriftstellerisch tätig, siehst? Wie funktionieren für dich diese Gleichzeitigkeiten und wie beeinflussen sie sich auch?
Ich hoffe, ich werde jetzt nicht falsch verstanden, wenn ich das sage: Aber es ist so schwer, einen Buchvertrag zu bekommen, es ist so schwer, Sichtbarkeit zu bekommen als junger Nachwuchsautor, und wenn es sein muss, dann werde ich dafür auch Influencer. Wenn ich dann frei schreiben kann, dann werde ich einfach Influencer – egal. Das heißt nicht, dass es mir nicht auch wahnsinnig viel Spaß macht, Social-Media-Arbeit zu machen und auch mit anderen Leuten über Bücher in Austausch zu treten, aber mein Hauptaugenmerk gilt den Geschichten, die ich erzählen kann. Die kann ich manchmal auch auf Social Media erzählen, aber es ist nun mal die harte Realität, dass so viele Menschen um Sichtbarkeit kämpfen in diesem Betrieb. Auch ich habe jahrelang so viele Texte an so viele Stellen geschickt, hatte mehrere Agenturen, wurde von den Agenturen wieder gedroppt, hatte ganz vielen Gesprächen mit Verlagen, habe immer wieder gehört, ja, aber vielleicht nicht. Oder, ja, aber als queere Stimme ist es sehr schwer. Ja, aber wir haben schon einen schwulen Autor im Programm. Und ich dachte, was ist meine Fähigkeit, was kann ich noch machen, um für mich das Spielfeld zu verändern? Dann habe ich gesagt, gut, ich rede gerne vor der Kamera, habe ich immer schon getan – ich war Kinderschauspieler. Da konnte ich mich wieder mit dieser Art von Kommunikation verbinden. So erzähle ich auch kleine Geschichten jeden Tag. (lacht) Deswegen ist das so passiert und was Leute manchmal draufschreiben, das kann ich natürlich nicht kontrollieren. Ich kann immer nur wieder sagen, so im Großen und Ganzen bin ich Geschichtenerzähler.
Also, ich habe da so eine These aufgestellt, warum das für dich auch funktioniert. Wenn ich mir deine Kommentarspalten angucke, ist da ganz viel Begeisterung und ganz viel Freude über den Zugang, den du legst, mit deiner Form des Storytellings. Deinen Zugang lese ich als einen Zugang zum Schreiben und Lesen als inhärent menschliche Tätigkeit und auch als kulturelle Praxis, die dann gewissermaßen eine Art Expansion of the Self sein kann. Eine Möglichkeit, Horizonte, Wissen zu erweitern und auch eine andere Form von Wissensgenerierung.
Das ist eine schöne Beobachtung, vielen Dank. Ich gehe oft durch die Welt und frage mich, was können mir Bücher erzählen, was ich sonst vielleicht nicht erfahren kann. Besonders momentan versuche ich viele Bücher über den Iran, von iranischen Autor/innen zu lesen oder auch aus unterschiedlichen Perspektiven, denn diese persönlichen Geschichten helfen mir viel besser zu verstehen, welche Facetten dort politisch gerade am Wirken sind. Verbinde ich persönliche Geschichten damit, kann ich ganz anders über das Thema nachdenken. Das ersetzt natürlich nicht die Nachrichten, aber es ist für mich ein Weg, anders in diese Welt reinzutreten. Meine eigene Queerness habe ich auch immer in der Literatur erkundet und gesucht. Das ordnet einen selbst in einen gewissen Kontext ein. Man war ja nicht die erste Person, die diese Gedanken hatte und man ist auch und wird auch nicht die Letzte sein. Es tut mir gut, dass auch jemand wie James Baldwin schon so weit vor mir so viele tolle Worte für Queerness und seine schwule Erfahrung gefunden hat. Das macht mich vielleicht auch demütig und gleichzeitig ist Lesen etwas, das mich schon immer begeistert hat. Es hat mir so viel geschenkt. Die Welt der Bücher, da konnte ich immer hin. Sie stand mir immer offen, auch wenn es in meinem Alltag schwer wurde, dann durfte ich in dorthin fliehen. Diese Begeisterung weiterzugeben, das fühlt sich einfach nur richtig an und fair. Andere Leute mitzuziehen für diese großartige Kunst, die auch das Schreiben ist. Und meine Dankbarkeit, dass ich das jetzt machen darf, das ist eine ganz ehrliche Begeisterung.
Wir als Printmagazin, das sich vordergründig mit Büchern beschäftigt, halten auch durch unsere mediale Form stark am gedruckten Wort fest. Einerseits gilt Print als sterbende Branche, andererseits beobachte ich auch, es gibt eigentlich ein richtiges Revival von Print- und Kunst- oder Kulturmagazinen. Das kommt auch mit einer gewollten Begrenztheit des Mediums zurück. Auch du wirst nächstes Jahr dein eigenes Buch gedruckt in Händen halten können. Was hast du für ein Verhältnis zum gedruckten Wort, vielleicht auch im Abgleich von Online-Texten oder Online-Medien?
Auf der einen Seite ist da natürlich die Haptik – was in der Hand zu halten, was im echten Leben zu haben. Das ist für mich ein Symbol dafür, dass Schreiben ein Handwerk ist und das ein Buch das Resultat dieses Handwerks ist. Was man anfassen kann, was man blättern kann, was man lesen kann und das dafür steht, wie viele Leute daran beteiligt sind. Also der Druck, das Setzen, das Übersetzen, das Lektorat, das Design außen, alle, die mitspielen, um dieses Buch oder dieses Magazin möglich zu machen. Das finde ich eine schöne Erinnerung daran, was dieser Prozess bedeutet. Online ist es weniger greifbar, es ist schneller, es ist oft auch mit weniger Zeit verbunden, die man dafür aufwendet, weil immer was Neues wartet und immer was Neues möglich ist. Diese Welt der Möglichkeiten, die ist großartig und zuckersüß und manchmal verschlingt sie einen auch. Und man weiß am Ende von vier, fünf Lektüren gar nicht mehr wirklich, was man gelesen hat. Ich persönlich liebe es, mir Sachen anzustreichen mit einem Textmarker, ich liebe es, mir am Rand kleine Notizen zu machen. Und die Welt des Online-Lesens, die hat ihre eigenen Vorzüge und die hat auch ihre eigenen Mechanismen, aber ich glaube, sie kann das geschriebene und gedruckte Wort nicht ersetzen, sondern sie kann nur wie ein zweites Standbein sein für Leute, die sich halt viel im Netz bewegen. Ich möchte das auch gar nicht schlecht machen, aber so ein Buch in der Hand zu halten, das ist ein unvergleichliches Gefühl für mich.
Hast du das Gefühl, dass sich dann dein Leseverhalten verändert durch die digitale Welt oder diesen ständigen Austausch und diese ständige, auch Informationsquelle und die Art wie Bücher dann in den Diskurs auch kommen?
Für mich ist der Online-Diskurs über Bücher etwas, das große Teile der klassischen Literaturkritik ersetzt durch ein Empfehlsystem, das sich freundschaftlich und wertschätzend anfühlt. Weniger Fokus auf Verrisse, sondern mehr auf die Frage, warum hat mich ein Buch begeistert. Von dieser Begeisterung anderer Menschen lasse ich mich auch gerne anstecken und ich finde es total schön zu sehen, dass es so unterschiedliche junge Leute gibt, die so viel von ihren Interessen im Internet teilen. Ich gehe aber auch oft in meine lokale Buchhandlung und bin im Austausch mit den Buchhändler/innen, die ich ganz wichtig auch für die Literaturlandschaft finde: ihre Einblicke und auch ihr Wissen über den Kiez und über die Geschichten innerhalb des Kiezes und dass sie die Kieze dann auch immer wieder mit Geschichten bereichern. Natürlich kann ich durch meine Arbeit auch zu den Messen gehen, mit den Verlagen sprechen.
Hast du Momente, wo du dann für dich auch mal ein Buch weglegst oder überlegst, soll ich das jetzt verreißen oder lieber unter den Tisch fallen lassen?
Eine schwierige Gratwanderung, weil ich ja natürlich auch weiß, wie viel Liebe und Arbeit in so einem Werk steckt. Und gleichzeitig finde ich, ein Verriss ist nicht unbedingt der Untergang eines Buches, sondern kann auch mehr Aufmerksamkeit auf das Buch ziehen, kann besonders auch im Netz, wo ja Stimmen immer aus sehr unterschiedlichen Richtungen kommen, auch viel Gegenwind bedeuten. Und es kann auch bedeuten, dass Menschen das dann noch vehementer verteidigen. Was den Verriss gut macht für mich, ist eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Buch und mit dem Text und mit der Welt des Textes und keine persönliche Beleidigung der Person, die es geschrieben hat. Das finde ich wichtig hervorzuheben, dass wir beim Text bleiben sollten. In einem Zeitalter, in dem so viele Autor/innen auch sehr sichtbar sind, ist da die Versuchung natürlich groß. Aber ich finde, die Kunst liegt wirklich darin, beim Text zu bleiben und die Emotionen, die bei dem Lesen entstehen, auch weiterzugeben. Mein Fokus liegt auf Büchern, die ich spannend finde aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Ich bin aber, wenn ich ein Buch lese und es mir nicht gefällt, ehrlich. Ich finde, das gehört dazu. Auch wenn es mir manchmal das Herz bricht, wenn bei Autor/innen, die ich toll finde, dann mal ein schlechtes Buch dabei ist. Ich finde, das darf man auch mal sagen, weil ansonsten bekommt alles sowas Affirmatives. Das wird dann auch redundant irgendwann.
Man kennt sich ja dann auch in der Buchbranche schnell mal – in Österreich haben wir den netten Begriff der Freunderlwirtschaft, der lässt sich auch auf Literaturkritik auslegen, also Buchbesprechungen von Menschen, die man kennt, von Freund/innen. Wie gehst du damit um im Hinblick einer unabhängigen Kritik?
Eine gute Frage, wie beantworte ich das … Also, ich bin ja keine Zeitung oder keine immer objektive Plattform, sondern es ist meine persönliche Welt, mein persönliches Erleben der Bücher. Und ich bin mit dieser Kritik ehrlich, aber es ist natürlich auch so, dass es Menschen gibt, die ich liebe, die ich seit Jahren unterstütze und deren Themen mir wahnsinnig wichtig sind. Das sind oft Themen, die gesellschaftlich nicht genug Gehör finden oder übersehen werden. Etwa marginalisierte Stimmen oder feministische Themen – da ist es mir dann ein großes Anliegen, diese in den Vordergrund zu stellen, weil ich das Gefühl habe, an anderen Stellen finden so viele andere Sachen Gehör. Da berücksichtige ich dann auch nicht, ob es fair ist oder nicht, sondern ob ich wichtig finde, dass diese Stimmen gehört werden. (lacht) Das ist dann nicht objektiv, sondern sehr subjektiv und sehr persönlich und vielleicht auch der Grund, weshalb es bei mir funktioniert. Daraus mache ich aber auch kein Geheimnis. Da sage ich auch, das ist irgendwie jemand, den ich sehr, sehr mag, auch persönlich. Aber klar, im Sinne der klassischen Literaturkritik eigentlich ein No-Go.
Wie sieht das in deiner Zusammenarbeit mit Verlagen aus?
Wenn ich mit einem Verlag eine Kooperation eingehe, dann ist der Maßstab der Kooperation, dass ich das Buch ehrlich bewerte. Der Verlag bezahlt mich also dafür, dass ich das Buch bewerte, weil auf meinem Schreibtisch sich mittlerweile so viele Bücher stapeln, dass es schwierig ist, Prioritäten zu setzen. Ich versuche das anhand von bestimmten Kriterien. Wie gesagt, oft versuche ich marginalisierte Stimmen zuerst und vermehrt zu lesen. Wenn ein Verlag mir Geld dafür bezahlt, dass ich das Buch rezensiere, dann mache ich das sehr gerne und das hilft mir natürlich bei meinem eigenen Schreiben, aber es ist immer mit der Notiz, dass ich dieses Buch ehrlich beschreiben werde und nicht besser bewerbe, weil ich dafür Geld bekomme.
Hast du denn auch im Laufe deiner Journey Dinge erfahren, die überhaupt nicht funktionieren?
Ich würde immer gerne längere Sachen machen, ich würde gerne inhaltlich tiefer gehen, ich würde gerne weniger auf das schnelle Gefühl, sondern auf das tiefe Gefühl setzen, was sich bei mir sicherlich langfristig überträgt, über mehrere Videos hinweg. Aber es ist anders als ein Gespräch mit Freunden oder in einem Buchclub oder mit der Buchhändlerin, wenn man wirklich mal mehr als eine Minute Zeit hat und sich richtig tiefgründig mit den Büchern auseinandersetzen kann. Ich habe aus diesem Grunde auch schon überlegt, mit einer Plattform wie YouTube anzufangen. Dadurch, dass ich aber wirklich gerade viele Hüte aufhabe, ist einfach auch nicht die Zeit dafür da und deswegen versuche ich auf Social Media diese Impulse zum Lesen zu setzen, aber das Lesen selbst und auch das lange Gespräch über das Lesen, das ersetzt das leider nicht.
Wie würdest du deine Zielgruppe beschreiben?
Meine Zielgruppe auf meinen Social-Media-Kanälen ist vornehmlich jung und vornehmlich weiblich. Das heißt, das sind Menschen zwischen 20 und 50, und ich glaube, zu 70 Prozent sind das Frauen. Es sind einfach auch sehr viele queere Menschen und es sind oft Menschen, die sich ans Lesen herantrauen und dann tiefer eintauchen wollen und immer mehr nach Buchempfehlungen suchen. Das heißt, ich versuche auch in meiner Ansprechhaltung niedrigschwellig zu sein. Und ich finde, es ist schön, wenn es gelingt, Leute abzuholen, bevor sie vom Literaturbetrieb abgeschreckt werden, von diesem Gefühl eines Elitären, was es nicht sein muss und sollte. Ich glaube, Lesen ist für alle da und es gibt für alle das Richtige. Das ist, was ich auch weitergeben möchte. Und das finde ich einen schönen Impuls.
Hättest du gerne eine Zielgruppe, die für dich jetzt gerade nicht so erreichbar ist, die du eigentlich noch gerne mit ins Boot holen würdest?
Ich bin oft die jüngste Person bei Lesungen und da denke ich, das ist schade. Ich bin zwar im Austausch mit den Leuten, die dort sind, aber da würde ich mir wünschen, dass mehr junge Leute auf Lesungen gehen – das etwa wie ein Konzert betrachten. Da ist jedoch die Herausforderung, die Formate anzupassen. Dieses klassische Wasserglas-Lesungsformat hat seine Daseinsberechtigung, aber auch die Festivals und die Live-Auftritte von Podcasts und anderen Leuten und poppigeren Formate, auch die brauchen ihren Ort. Und auch dort lade ich ältere Leute dazu ein und sage, schaut euch das an und vielleicht ist auch das ein Zugang. Aber besonders an die jungen Leute möchte ich appellieren und sagen, lasst uns gemeinsam unsere Liebe für die Literatur entdecken. Die möchte ich mitnehmen. Wenn das auch andere Zielgruppen anspricht, freue ich mich riesig darüber. Aber mein Hauptaugenmerk gilt dem Lesenachwuchs.
Kannst du auch schon mehr über dein Buchprojekt verraten? Und hast du dann für dich auch andere Lesungsformate geplant?
Ich weiß gar nicht, ob mein Verlag mich jetzt rügt, aber ich sage schon mal, dass es ein Coming-of-Age-Roman wird und deswegen auch sicherlich eine jüngere Zielgruppe begeistern wird. Es geht viel um die Themen des Andersseins und sich anders fühlen und was denn Normalsein heutzutage bedeutet und wie viel Raum ist in unserer Gesellschaft für ein Anderssein. Es spielt 2015, eine Zeit, in der in Deutschland ein sehr aufgeladener und aufgeheizter Diskurs stattfand, von dem ich sehr viele Parallelen auch heute wieder erlebe. Und diese will ich malen – und mehr sage ich nicht! Und was ich zum Beispiel auch toll finde, sind Live-Auftritte, die dann in Podcast-Form abrufbar sind und auf Social Media in Ausschnitten geteilt werden.
Abschließend noch die Frage nach deinen aktuellen Lesehighlights?
Da muss ich Madeline Cashs »Verlorene Schäfchen« sagen. Es ist großartig, es ist hervorragend, es ist witzig, es ist gesellschaftskritisch, es ist auch an vielen Stellen sehr ernst, aber in einer Sprache, die so wahnsinnig leicht von so schrägen Personen erzählt, der Welt der Charaktere, die nicht klischiert, sondern neu und aufregend ist. Der große Mut zu einer absurden Geschichte, all das hat mich sehr abgeholt. Dann lese ich gerade Tara Menons »Unter Wasser« und das ist für mich ein Überraschungs-Highlight! Ich habe nicht mit viel gerechnet, ich habe es einfach in die Hand genommen und es hat mich mit seiner Blickweise auf die Natur und aufs Zwischenmenschliche so mitgenommen, dass ich sagen würde, ich weiß nicht, wer das nicht lesen sollte, ehrlich gesagt.
Etwas, das du gerne noch hervorheben möchtest?
Ich verstehe, die große Sorge ist, dass Menschen weniger lesen. Aber ich habe so viel Hoffnung in die Welt der Online-Literaturgespräche, weil sie andere Stimmen sichtbar machen, weil sie offener, emotionaler und ehrlicher über Bücher reden und diese große Schwelle abbauen, die lange existiert hat und die jungen Menschen vielleicht auch den Zugang verwehrt hat. Ich bin dankbar, ein Teil dieser Bewegung sein zu dürfen, die diese Schwelle nach und nach abbaut und Lesen zugänglicher macht und ich muss sagen, da überwiegt bei mir die Hoffnung, dass es doch alles gut werden wird mit der Literatur.
Danke für das Gespräch, Samuel!
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