Zwei Wiederveröffentlichungen von Prosawerken Jeannie Ebners zeigen sie als Autorin von Rang. Foto von Jeannie Ebner, Anfang der 1960er Jahre: Margot Pilz

Aus: Buchkultur Sonderheft Österreich, Sept. 2026


Lexikalisch könnte ihr biografischer Anfang so klingen: Jeannie Ebner, 1918 im australischen Sydney geboren, da ihr Vater dorthin ausgewandert war; ab 1920, nach der Rückkehr, in Wiener Neustadt und in Weißenbach an der Triesting in Niederösterreich aufgewachsen. Mit acht Jahren Halbwaise, mit Anfang 20, nach dem Verlust des Familienvermögens, selbstständige Speditionsunternehmerin – daneben immer leidenschaftliche Leserin. Ab 1940 Bildhauereistudentin, nach Kriegsende Sekretärin, ab 1949 freie Schriftstellerin … Und wir spulen vor: Viele Jahre später, Mitte März 2004, starb Jeannie Ebner in Wien. 1993 erhielt sie den Österreichischen Würdigungspreis für Literatur – sie, die Autorin von zwei Dutzend Einzelpublikationen, die jahrelang nur von Übersetzungsarbeiten leben konnte (unter anderem deutschte sie Richard Bachs »Die Möwe Jonathan« ein). Ein Jahr später wurde ihr das Große Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Bundesland Niederösterreich verliehen. 2016 dann, fast pünktlich zum 98. Geburtstag, wurde in Wien-Floridsdorf ein Weg nach ihr benannt. Zehn Jahre lang, ab 1968, amtete sie als Mit-Herausgeberin und Redakteurin der Salzburger Zeitschrift LITERATUR UND KRITIK. Schon in den frühen 1950er-Jahren hatte sie zusammen mit Hans Weigel die »Stimmen der Gegenwart« ediert und dabei die Hauptarbeit geschultert. Dies sowie Jurytätigkeiten trugen dazu bei, dass sie vielmehr als Mentorin und Förderin denn als Autorin gewürdigt wurde. Nun kann man sie dank zweier engagierter Neu-Editionen wiederentdecken: als bemerkenswerte Erzählerin.

Das Lesebuch »Die neue Penelope«, ihre letzte Publikation zu Lebzeiten, brachte sie im Jahr 1998 im Grazer Verlagshaus Styria heraus. Darin verwob sie 25 Geschichten miteinander; fast alle davon – mit einer Ausnahme, nämlich »Der Auftrag« aus dem Jahr 1952 – entstanden zwischen 1973 und 1979. »Magischer Realismus aus Wien« greift als Begrifflichkeit dafür zu kurz; Ebner bringt weltsinnliche Prosa zu Papier; Visuelles, Akustisches und weitere Konkreta spielen unüberlesbar eine große Rolle, noch mehr alterslos Mythologisches. »Ich war, ich bin, ich werde sein immerdar«, heißt es im poetologischen, zauberischen Finale, in dem sie über sich als Schreibende, über das »Gewirke« (Gewebe) und das »Geflimmer« namens Wirklichkeit schreibt. Ausgreifender ist »Figuren in Schwarz und Weiß«: Ein hochambitionierter Gesellschaftsroman, der vielleicht letzte österreichische Großversuch eines Zeiten-Breitwand-Gemäldes und allein deshalb literarisch gar nicht hoch genug einzuschätzen. Er ist Ebners siebtes veröffentlichtes Buch und deckt die Zeit zwischen 1925 und 1955 ab. Der vielfigurige und abwechslungsreiche Roman erschien erstmals 1964 in einem Verlag in Gütersloh, der drei Jahre später die Arbeit einstellen sollte. Drei unterschiedliche Frauen stehen im Zentrum, deren Leben und Schicksale unterschiedlich verlaufen – zwischen Wirtschafts- und politischen Krisen, zwischen Autoritarismus, Diktatur und individueller Freiheit, zwischen Not, Glück und Selbstfindung. Der Wiener Germanist und Herausgeber Wolfgang Straub hat viele Informationen aus Ebners Nachlass in der Wienbibliothek gezogen. In seinem kundigen Nachwort erhellt er die Entstehungsumstände und Ebners Vita und bettet die Epopöe klug ins literarische Jahr 1963/64 in Österreich ein. Ausgewählte Fotos des für einen Roman überaus sorgfältig produzierten Bandes zeigen sie mit Friederike Mayröcker, Peter Rosei und Gottfried von Einem.

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Jeannie Ebner
Die neue Penelope
Manesse, 336 S.

Jeannie Ebner
Figuren in Schwarz und Weiß

Edition Atelier, 600 S.