Anna Felnhofers Roman »Prosopon«, der schwierige zweite Titel, wird zu Recht als Meisterwerk rezipiert. Foto: Mafalda Rakoš
Aus: Buchkultur Österreich Spezial, Sept. 2026
Manche Menschen brüsten sich damit, »niemals ein Gesicht zu vergessen«, andere sind meisterhaft im Merken von Namen oder Telefonnummern – den meisten ist es aber peinlich vertraut, jemanden, dem man mehrfach begegnet ist, nicht wiederzuerkennen. Das hat aber nichts mit der fatalen Wahrnehmungsstörung Prosopagnosie, landläufig als »Gesichtsblindheit« bekannt, zu tun. Bei völlig normaler Sehkraft ist es Betroffenen schwer bis unmöglich, andere anhand des Gesichts zu erkennen – Familienmitglieder, vertraute oder weniger Bekannte – sogar das eigene Spiegelbild bleibt undecodierbar. Was das im Alltag bedeutet, ist im Wortsinn unvorstellbar.
Ausgehend von dieser Störung, legt die vielfach für ihr Schreiben ausgezeichnete Autorin Anna Felnhofer ihren beeindruckenden Roman an – der sowohl im Juni als auch im
Juli 2026 die ORF-Bestenliste auf Platz 1 anführte.
Anna Felnhofer wurde für ihr Debüt »Schnittbild« (Luftschacht, 2021) mit der Buchprämie der Stadt Wien und dem Franz-Tumler-Literaturpreis 2021 gewürdigt. Sie ist Wissenschaftlerin, Klinische Psychologin sowie Gründerin und Leiterin des Pediatric Virtual Reality Laboratory an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde der MedUni Wien. Mit ihrem zweiten Roman geht sie allerdings sehr viel weiter, als sich auf ein »Krankheitsbild« zu konzentrieren. In glasklarer Sprache, die teilweise eine an die Schmerzgrenze gehende, schlichte Schönheit präsentiert, spielt die Störung zwar eine wesentliche Rolle, aber die Metaebene ist nicht weniger verstörend.
Johanna, die Ich-Erzählerin, ist mit ihrem Mann Jakob, der eigentlich Johan heißt und der Vater des gemeinsamen siebenjährigen Finn ist, im letzten Höllenkreis angelangt. Finn liegt nach einem schweren Unfall im Koma und jede Nacht wird erwartet, dass dieses junge Leben zu Ende geht. So beginnt der erschütternde Roman. Und die knirschenden Zahnräder, die sich um die Frage der Schuld, der Verantwortung für Finns Unfall drehen, beginnen ihr Werk. Ist es an Jakob/Johan gelegen, der an Gesichtsblindheit leidet, hat er den Buben beim Abholen von der Schule nicht beschützt, nicht erkannt? Das Kind legt einen aggressiven, nicht zu bändigenden Charakter an den Tag, während Jakob/Johan selbst eine traumatische Geschichte durchlebt hat. Er treibt auch Johanna an den Rand ihrer Möglichkeiten und kann keine tragfähige Beziehung aufbauen, weil er selbst eine verlorene Seele ist – gefangen in Einsamkeit und Haltlosigkeit. Johanna versucht zu verstehen und distanziert sich: Nicht aus Kälte räumt sie das Zimmer ihres sterbenden Kindes leer, sondern aus Schmerz. Und sie muss sich in ihrem selbstmitleidlosen Nachdenken eingestehen, dass vieles schiefgegangen ist – was nicht nur mit Jakobs/Johans Beeinträchtigung zu tun hat. Man hat so schön angefangen: der richtige Wiener Bezirk, die geschmackvoll eingerichtete Wohnung – »wir hatten dabei trotz alledem am Ende das Versprechen eines derart geordneten Daseins nicht einlösen können. Jetzt sind wir hier. In der vielbeschworenen Mitte. In Sichtweite der vierzig noch. Und haben doch kaum mehr als diesen einen Wunsch hin-überretten können, der eigentlich, bei eingehender Betrachtung, kein Wunsch ist, sondern die aus einer Bedrängnis geborene Notwendigkeit – noch ein einziges Mal in diesem Leben von null zu starten.«
Anna Felnhofer hat ein sehr kluges, ein weises und auch gnadenlos ehrliches Buch geschrieben – keine therapeutischen Wohlfühlsätze, die desaströse Familienzusammenhänge weichzeichnen, sondern über die Wahrheit des (möglichen) Scheiterns.
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Anna Felnhofer
Prosopon
Luftschacht, 259 S.
