Platz 1 der zehn besten Krimis für den Sommer 2026: Der neue Stand-Alone-Krimi von Garry Disher ist ein perfides Spiel mit Identitäten. Seine Protagonistin, deren Name nicht gewiss ist, kennen Disher-Fans noch aus einem früheren Roman. Foto: Darren James.


Eine altmodische Brille, ein schäbiges Kleid: eine unscheinbare Assistentin in einer Ausstellung zwischen Sammlern und Schätzen. Ein Tennisschläger, ein weißer Rock: eine unsichtbare Nachbarin im feinen Vorort. Und dann schlägt man zu!

Betrug ist ein fantastisches Verbrechen, eine fast performative Kunstform. Vom Schelmenroman bis zur glamourösen Serienbetrügerin ist der Betrug ein beliebter Topos, willkommener Handlungstreiber und ein Ausstattungsparadies für Bühne und Leinwand. Auch der 1949 in Burra in Australien geborene Schriftsteller Garry Disher bedient sich in seinen Büchern gern des Betrugs. Aber Garry Disher macht eben auch gern alles anders: Garry Disher dreht tradierte Motive um, lässt die Grenzen zwischen Jagenden und Gejagten verschwimmen und wechselt im Schreiben bewusst und flott zwischen Reihen und Genres (»Ich würde völlig erstarren, wenn ich immer dieselbe Art von Buch schreiben würde«, sagte er einmal dem GUARDIAN). Verfolgen Krimiautor/innen normalerweise ihre Hauptfigur bis in die unvermeidliche Rente hinein, widmet sich Disher abwechselnd mal der Wyatt-Reihe, in der das Publikum den Berufsverbrecher Wyatt bei der Arbeit begleitet, oder dem »Hirsch«, Paul Hirschhausen, einem strafversetzter Außenseiter, der in dieser Reihe oft mehr als Vermittler oder Sozialarbeiter agiert. Manchmal wirft Disher auch ein Kinderbuch ein (preisgekrönt: »The Bamboo Flute«), oder einen historischen Roman (»The Divine Wind«, auf Deutsch: »Hinter den Inseln«).

Alles anders macht Garry Disher besonders auch in seinem jüngsten Stand-Alone-Roman »Zuflucht«, »Sanctuary«, der von Peter Torberg übersetzt nun auf Deutsch erschienen ist. Ein genialer Kriminalroman, der eigentlich keiner ist. Snobismus und Vorurteile gegenüber dem Genre (»Junk Fiction«!, gleichwohl er die Regeln immer schon konsequent gesprengt hat), haben Dishers Karriere lang blockiert. In Kombination mit dem »Cultural Cringe«-Symptom, wie Disher die Haltung des australischen Publikums benennt, das australische Literatur internationalen Werken gegenüber grundsätzlich als unterlegen empfindet, blieb die Resonanz auf dem eigenen Kontinent lange aus. Daran konnte auch die renommierte Booker-Prize-Nominierung für »The Sunken Road« 1996 zunächst nichts ändern. Der unermüdliche literarische Handwerker erreichte den Status eines Bestsellerautors erst in seinen Siebzigern.

In »Zuflucht« scheint Garry Disher nun zur Höchstform aufzulaufen, trainiert von einem jahrzehntelangen Wechsel von Perspektiven und Stoffen. Mit großer erzählerischer Leichtigkeit reißt er zur betrügerischen Absicht seiner Figuren einen Plot nach dem anderen an, öffnet Lebenslauf über Lebenslauf und baut raffiniert Welten auf, die dann wieder zusammenfallen oder einfach nicht mehr gebraucht werden. Wie ein Spieler, der stets mehrere Eisen im Feuer hat. Diese wunderbare Lust Dishers am Fabulieren, die auch eine unglaubliche Lust am Lesen entfacht, ist die Form. Die Tiefe, und das macht ihn als Autor (auch abseits vom Krimi-Genre!) interessant und »Zuflucht« brillant, entsteht in seiner Meisterdisziplin: die psychologisch feinziselierte Figurenzeichnung, anhand deren biografischer Bruchlinien er die Bruchlinien einer Gesellschaft herausarbeitet – und die der Menschen, die darin um die Existenz ringen.

Die Hauptfigur Grace (oder Anita? Oder Sue oder Kerry …?) tauchte bereits Jahre zuvor in Dishers Roman »Leiser Tod« auf. Dort spielte sie als junge gerissene Einbrecherin die Hauptrolle in einer von Publikum und Kritik gefeierten Sidestory und entkam erfolgreich den Ermittlungen von Inspector Hal Challis. In »Zuflucht« greift Disher diese einst als »weibliche Fortschreibung des Wyatt-Universums« angelegte Figur nun wieder auf und entwickelt sie zur komplexen Protagonistin weiter. Dabei gelingt Disher ein »Fräulein« von Horváth´scher Qualität, das wie eine Karoline (wenn auch mit deutlich kriminellerer Energie) aus einer Mischung von ökonomischem Druck und sozialer Aussichtslosigkeit ihrem Milieu zu entkommen versucht. Grace (oder Anita) hat sich im Laufe der Jahre eine Liste mit Namen angelegt, die sie akribisch von Grabsteinen und aus Todesanzeigen zusammenträgt. Mit fast ritueller Sorgfalt streicht sie eine Identität von der Liste, sobald sie damit ein Auto geliehen und den nächsten Coup vorbereitet hat. Sie ist gerissen, hochprofessionell, eine Meisterin. Wie klug sie tatsächlich ist, scheint ihr selbst oft nur halb bewusst zu sein. Herkunftsprivilegien kennt sie nicht, sie ist von der harten Realität eines elternlosen Aufwachsens in Pflegeheimen geprägt. Für Anita (oder Kerry) ist Identität ein Schutzschild, das sie in einer mitleidlosen Welt blitzschnell wechseln können muss, um zu überleben. Gleichzeitig wurzelt in ihr eine tiefe Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Liebe. Diese Ambivalenz erzeugt Mitgefühl. Wie bei Horváth erkennen wir nicht nur die Härte der gesellschaftlichen Verhältnisse und ihre Prägungen, sondern schielen auch hoffnungsvoll auf die leise Möglichkeit einer Zuflucht.

Was bei Horváth der Jahrmarkt als Ort der sozialen Demütigung ist, ist bei Disher der Baumarkt TradeWorks als wiederkehrender Schauplatz, ein sozialer Knotenpunkt, an dem toxische Männlichkeit und emanzipierte Weiblichkeit permanent – und mitunter gewaltvoll
– aufeinanderprallen. Der Baumarkt könnte ebenso gut ein österreichisches Lagerhaus sein: eine Schablone in ländlicher Umgebung, in der Garry Disher die Ambivalenz von Gut und Böse in einer Schärfe zeigt, die man in der Flut gleichförmiger Regionalkrimis und ihrer Klischees heute oft vergeblich sucht.

Kerry (oder Sue) ist darin das radikale Zentrum dieser emanzipierten Weiblichkeit, die Disher gemeinsam mit der Spiegelfigur und Schattenverbündeten Erin, einer ebenso (aus ganz anderen Gründen) unter falscher Identität lebenden Frau, in ein präzise austariertes Figurenensemble setzt. Dessen Machenschaften werden beinahe gleichberechtigt nebeneinander erzählt. So webt Disher ein soziopsychologisches gesellschaftskritisches Panorama, das weit über einen Krimi hinausreicht. Die Beute der Betrügerin sind nämlich Luxusgüter und ihre Opfer die Reichen und Schönen. Die Betrügereien der Figuren sind dem Autor ein präzises Skalpell, mit dem er Sehnsüchte, soziale Codes und kollektive Fantasien — und die ambivalenten Moralvorstellungen dahinter — seziert. Im Gegensatz zu ihrem früheren Mentor Galt (einem korrupten Polizisten!) agiert Sue (oder Grace) zwar außerhalb des Gesetzes, aber nach einem strikten inneren Ethik-Kodex: Als sie bei einem Einbruch in einer Villa Darstellungen von Kindesmissbrauch entdeckt (das Opfer verschiebt sich so zum Täter), zögert sie nicht, ihn anzuzeigen, auch wenn sie sich selbst dabei gefährdet. Auch ihr ehemaliger Gefährte Adam fungiert als moralisch-kriminelles Korrektiv, was sich aber überwiegend als innerer Konflikt zeigt: An ihm veranschaulicht Disher die Differenz zwischen »sportlichem« Diebstahl und »schäbiger« Ausbeutung verzweifelter Menschen. Selbst der unsympathische Antagonist, der misogyne Brodie, ist nicht ausschließlich böse gezeichnet. Eine Ermittlerfigur wird katalytisch erst gegen Ende aktiv: Desmond, ein altgedienter Detective kurz vor seiner Pensionierung, verknüpft durch beharrliche Recherche die verschiedenen Handlungsstränge und stellt Grace’ moralische Integrität final auf den Prüfstand.

Je länger man Dishers Figuren folgt, desto mehr verschiebt sich der Blick vom Außen ins Innen. Hinter all den Masken und erfundenen Biografien erscheint schließlich nicht nur die Möglichkeit des nächsten Coups, sondern eines anderen Lebens, eines anderen Selbst. Der Mensch kann alles sein. Auch gut.


Garry Disher, geboren 1949, wuchs im ländlichen Südaustralien auf. Er schreibt Romane, Kurzgeschichten, Kriminalromane und Kinderbücher. Sein Werk wurde für den Booker Prize nominiert und mehrfach ausgezeichnet, u. a. viermal mit dem Deutschen Krimipreis sowie dreimal mit dem wichtigsten australischen Krimipreis, dem Ned Kelly Award. Garry Disher lebt an der Südküste von Australien in der Nähe von Melbourne.

Garry Disher
Zuflucht
Ü: Peter Torberg
Unionsverlag, 336 S.