Am 11. Mai 1720, also vor 300 Jahren, wurde Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen geboren. Seine Geschichten las ich als Kind mit großer Begeisterung (In der unnachahmlichen Nacherzählung von Erich Kästner und mit den ebenso unnachahmlichen Illustrationen von Walter Trier). Auch jetzt noch bleibt mir über seinen Abenteuern der Mund offen, weil mich seine Fantasie einfach überwältigt. Nun sind aber „Die wunderbaren Reisen und Abenteuer“ kein „harmloses Jugendbuch“ – so die „falsche, weil nur indirekte Nachfahrin“ Anna von Münchhausen. Alles, was nicht so harmlos und über ihn und seine Geschichten erfahrenswert ist, wird in zwei Büchern, die zum Jubiläum erschienen sind, aufgearbeitet. Bild: Gravur von August von Wille (1828-1887).


„Der Lügenbaron“ ist der Titel des Buches von Anna von Münchhausen, mit dem entsprechenden Untertitel: „Mein fantastischer Vorfahr und ich“. Anna von Münchhausen hat Journalismus gelernt und im hochrangigen deutschen Feuilleton, bei der FAZ und der ZEIT, ausgeübt. Sie räumt in ihrem Vorwort mit dem pejorativen Etikett „Lügenbaron“ auf: „Er hat nicht gelogen. Er hat seine Erlebnisse mithilfe seiner grenzenlosen Fantasie angereichert, sodass Wahrheit und Fiktion verschwimmen …“ Sie erzählt dann auch in der einleitenden Biografie, „Wie – den gab es wirklich?“, dass der Begriff „Lügenbaron“ zum ersten Mal beim Scheidungsprozess des damals Siebzigjährigen gegen die um nahezu fünfzig Jahre jüngere Bernhardine von Brunn gefallen ist. Die Biografie also zuerst, auf dass man einen Überblick bekomme. Und dann hat sich die Autorin eine Reihe von Bausteinen zurecht gelegt, die sie in bunter Folge hervorholt. Da sind an erster Stelle die bekanntesten Abenteuer zu nennen, die sie unter dem Titel „Münchhausens Abenteuer, damals“ nacherzählt, da auch einflicht, von welchem der Autoren die diversen Details stammen. Allein das ist ja schon überraschend zu lesen, wer aller unter seinem Namen Abenteuer erfunden hat. Dann besucht Anna Menschen, die besonderes Münchhausen-Wissen haben, da ist zuerst einmal ein echter Nachfahr, der ihr mitteilt: „Über Hieronymus ist im Grunde alles gesagt.“ Und das auf Seite 27! Sie entlockt dem Freiherrn von Blomberg dann doch noch einiges, genauso wie dem Münchhauseologen Bernhard Wiebel, der in Zürich 3865 einschlägige Objekte zusammengetragen hat und der Leiterin des Münchhausen-Museums in Bodenwerder, Claudia Erler. Nun ist es aber so, dass ja nicht nur der vor 300 Jahren Geborene Abenteuer erlebt hat, auch eine erkleckliche Anzahl von Namensträgern und Familienmitgliedern geben ihre Erlebnisse und Anekdoten zum Besten. Dann ist noch von der Gedenkmünze die Rede, die heuer aufgelegt wird, von den Verfilmungen und zuletzt von zwei psychischen Krankheiten, zuerst vom „Münchhausen-Syndrom“, einer Persönlichkeitsstörung, die ein englischer Internist 1951 in der Fachliteratur festhielt und der „Pseudologia phantastica“, bei der sich Menschen mit mangelndem Selbstwertgefühl in eine Wunsch-Existenz hineinfantasieren. Das alles ist gut und abwechslungsreich erzählt und – vor allem – journalistisch abgesichert. Kein Fake!

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Anna von Münchhausen, „Der Lügenbaron. Mein fantastischer Vorfahr und ich“ (Kindler), 128 S.


Tina Breckwoldt stellt einen Anspruch: „Die ganze Wahrheit über Münchhausen & Co.“ heißt ihr Buch, sie schreibt darin „Über 300 Jahre Lügengeschichten“. Schon allein der Lebenslauf der Autorin ist interessant, studierte sie doch Altorientalistik, sowie Ur- und Frühgeschichte und ist promovierte Assyriologin, sie schreibt Opernlibretti, Lied- und Filmtexte und ab und zu ein Gedicht. Zur Zeit ist sie bei den Wiener Sängerknaben für Dramaturgie, PR und Recherche zuständig. Zum Buch: Dadurch, dass es eine Unmenge an Münchhausen-Ausgaben gibt, hat sie sich „auf diejenigen Erzählungen konzentriert, die vielleicht von ihm stammen könnten. Oder nicht.“ Breckwoldt schreibt ein eher wissenschaftliches Werk, sie zitiert ihre Quellen und – hat auch die Briefe von Hieronymus in ihr Buch aufgenommen. Sie gliedert es in vier Teile: „Wann das Glück favorabell ist“, heißt der erste und enthält primär Biografisches, die Familiengeschichte und auch die Biografien der beiden Erzähler Raspe und Bürger, die Münchhausen auf jeweils ihre Art vervollständigt haben. „Bis sich die Balken biegen“ nennt sich das Kapitel über die Lüge und das Lügen. Darin schreibt sie: „Poesie, Fiktion ist – per Definition – Lüge: Der Dichter darf nicht nur lügen, er soll es sogar: je besser er das macht, desto mehr wird seine Kunst bewundert“. (Die Autorin hat sich ja auch das Goethe-Zitat „Wer so versteht, Lügen von genialistischen Effekten in die Welt zu setzen, muss ein großer Mann sein, vor dem alle Welt den Hut zieht“ als Motto ausgewählt.) Hier ist für sie auch der Ort, die Fake-News zu erwähnen. Der zentrale Teil des Buches ist „Das Blaue vom Himmel – die Fiktion“ betitelt. Hier arbeitet sie alle Quellen und Vorläufer, darunter auch antike Texte auf und befasst sich vor allem mit den siebzehn Münchhausischen Geschichten aus dem Jahr 1782 und um die Versionen Raspes und Bürgers. Beckwoldt hat – wie erwähnt – viel recherchiert. Sie weiß auch, dass bis 1996 insgesamt 365 Kinder- und Jugendbuchausgaben nachgewiesen werden konnten. (Sie meint übrigens auch, dass die Kästner’sche Fassung zu den schönsten gehört.) Der vierte und letzte Teil trägt den Titel: „Dass Cuireuse anzumerken“ – ein Originalzitat des Barons aus einem Brief vom 9.2.1755 – darin geht es um „Münchhausen als Begriff, als Idee und als Ikone“, also um Musik, Theater, Filme usw.

Auch Christian Morgenstern holte sich Münchhausen in eines seiner Korf-Gedichte: „Korf erklärt: ,Münchhausen/tat vermutlich auch nicht flausen./Doch ihn hörten nur Banausen.‘“

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Tina Breckwoldt, „Die ganze Wahrheit über Münchhausen & Co. Über 300 Jahre Lügengeschichten“ (Benevento), 288 S.