Wenn es beim Schreiben weh tut, ist dies für Yrsa Daley-Ward ein Zeichen, dabei zu verweilen. Bekannt wurde sie als Lyrikerin über Instagram. Foto: Mike Kobal.


Wer die Instagram-Seite der Autorin besucht, findet Porträtfotos einer attraktiven dunkelhäutigen Frau, dazu verschiedene Gedichte und Kurzprosa auf ästhetische Weise angeordnet. Weniger harmonisch wirkt der Inhalt der Texte, sie erzählt darin von Gefühlen, auch von den schmerzhaften, von der Liebe und vom Verlassen, von Verletzungen, oft aus ihrem eigenen Leben. Das Schreiben fungiert als Mittel, Erinnerungen zu konservieren, gleichzeitig als Mittel zur Heilung. Ebenso wichtig ist der Aspekt des Teilens von Erfahrungen und Gefühlen. Die Inszenierung der eigenen Person, oder dessen, was man sich entscheidet zu zeigen, ist auf Instagram ein Zweck des Mediums. Daher sind die Texte kaum von der Person der Autorin, von ihrem Körper zu trennen, was wahrscheinlich genauso beabsichtigt ist.

Yrsa Daley-Ward wurde 1989 in Nordengland geboren, ihre Mutter stammt aus Jamaica. Diese wird mit 14 zum ersten Mal schwanger, Yrsas großer Bruder Samson, „Summe gleich mehrerer Ängste“, wächst bei den Großeltern auf. Ihr eigener Vater, Nigerianer, in der Vorstellung der Tochter ein Prinz, verlässt sie, um zu seiner Familie zurückzukehren. Schon früh wird Yrsas eigener Blick durch die Außenwelt auf ihren Körper gelenkt – die Mutter hat Angst davor, wie ihr Lebenspartner, in den Augen der Kinder eine „fastschlimme, aber nicht ganzschlimme Sache“, die Tochter ansieht und schickt sie ebenfalls zu den Großeltern. Die Autorin erzählt davon in ihrem Buch „Alles, was passiert ist“ in autobiografischen Skizzen mit lyrischen Einsprengseln. Von besonderer Bedeutung ist die Beziehung zu ihrem jüngeren Bruder, genannt Little Roo, mit dem sie in der Kindheit eine Allianz bildet. Wiederholt erlebt sie ihren Körper als Gefahr, ein Motiv, das in ihren Texten immer wieder auftaucht. Die Reaktion der Männer auf ihren Körper genießt und fürchtet sie; ein Gefühl, das sie ihre „Macht-Angst“ nennt. Sie arbeitet als Model und bei einer Escort-Agentur, verbringt die Nächte in Clubs, nimmt Drogen, erlebt Euphorie, Comedown und Depressionen. Sie geht nach Südafrika, beginnt zu schreiben und erkennt, dass sie vor ihren Ängsten, vor dem „Ding“, das sie an sich fürchtet, nicht weglaufen kann: „Eine junge Frau betritt die Bar. / Du bist die junge Frau. Ihr trinkt allein, / du und das Ding, ihr sitzt am Tresen, haltet Händchen, / schmiegt euch aneinander / wie ein altes Pärchen.“

Die Texte in Yrsa Daley-Wards neuem Buch „In den Knochen“ (im Original ihr erstes) wirken optisch wie Gedichte, oftmals ähneln sie eher Prosaskizzen oder poetisch-bildhaften Tagebucheintragungen; für Lyrik ist die Sprache insgesamt zu wenig verdichtet. Formal und inhaltlich sind viele Texte einander ähnlich; wahrscheinlich wurden sie zum Teil für das Medium Instagram geschrieben und eignen sich womöglich besser für die optische Präsentation dort als dazu, gesammelt in einem Buch zu erscheinen. In ihren Inhalten erzählt sie weiterhin Emotionales, oft Intimes, vor allem, wenn es um Sexualität geht: „Von Nr. 1, / der sagt: ‚Nicht weinen, / irgendwann gefällt’s dir schon‘, / zu Nr. 2, der sich danach bedankt / und dir nicht mehr in die Augen sehen kann (…) / jedes Mal / zurück auf Null. / Wie sonst vernäht man die Risse? / Wie sonst steht der Körper das durch?“ In der autobiografischen Erzählung, im Ausleuchten von Verborgenem liegt die Stärke der Autorin, die sich auch als Feministin und als Model in der LGBT-Community positioniert. Sie und andere „Instapoets“, oft junge Frauen afrikanischer oder asiatischer Herkunft, nutzen die sozialen Medien für den Zweck, in dem trotz der Vereinnahmung durch die Wirtschaft deren ursprüngliche Stärke liegt: um sich zu vernetzen, sich mitzuteilen, zu zeigen, dass man mit den eigenen Erfahrungen nicht allein sein muss.

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Yrsa Daley-Ward, 1989 in Nordengland geboren, hat westindische und afrikanische Wurzeln. Ihr erster Gedichtband, den sie zuerst als Selfpublisher veröffentlichte, verkaufte sich über 20.000 Mal. Sie lebt in London und Los Angeles.

„In den Knochen. Gedichte“ (Blumenbar), 192 S.
Übers . v. Nora Bossong, Gregor Runge

„Alles, was passiert ist“ (Blumenbar), 240 S.
Übers. v. Gregor Runge