Als Buchkultur im Februar ein Interview mit dem Mailänder Marco Balzano zu dessen Roman „Ich bleibe hier“ führte, ahnte noch niemand, wie das Coronavirus unser Leben verändern würde. Aufgrund der sich beschleunigenden Ereignisse haben wir das Online-Interview aktualisiert, das in weiterer Folge vor allem von Balzanos Büchern handelt, von der Bedeutung und Verantwortung der Literatur, aber auch von Europas Versagen in der Flüchtlingssituation und von der Sorge vor einem weltweiten Rechtsruck. Das Erscheinungsdatum von Balzanos „Ich bleibe hier“ wurde aufgrund der Corona-Krise auf den 24. Juni verschoben. Das Interview wurde von Maja Pflug aus dem Italienischen übersetzt. Foto: Geri Krischker/Diogenes.


Buchkultur: Sie leben mit ihrer Familie in Mailand, das von der Corona-Krise schwer getroffen wurde. Wie geht es Ihnen in dieser schwierigen Zeit?

Marco Balzano: Meiner Familie und mir geht es gut, aber die Sorge in dieser ernsten Situation ist sehr groß, besonders hier in Mailand, und ich glaube nicht, dass das bald vorbei sein wird. Meine größte Sorge steht in Zusammenhang mit der Zeit. Wir wissen nicht, wann das alles zu Ende sein wird und ob es zu Ende sein wird. Dieses Fehlen eines Enddatums macht es auf psychologischer Ebene schwer, sich der Situation zu stellen.

Sie sprachen in unserem schon im Februar geführten Interview zum Buch von Mailand als einer gastfreundlichen, multikulturellen Stadt, die Flüchtlinge willkommen heißt. Wie geht es den Mailändern in dieser extrem schwierigen und schmerzhaften Zeit?

Ich glaube, jeder versucht, sein Bestes zu tun, aber auch hier war es schwierig, zu verstehen, dass jeder von uns nicht nur riskierte, sich mit dem Virus zu infizieren, sondern auch, es unwissentlich herumzutragen. Die asymptomatische Eigenschaft dieses Virus trägt zu seiner Unsichtbarkeit bei und macht den Kampf dagegen sehr viel schwieriger. Jeder – da bin ich sicher – versucht, sich einen Neuanfang vorzustellen und überdenkt seine Prioritäten. Ich hoffe, dass auch die nationale und internationale Politik diese einer Überprüfung unterziehen. Es gibt keinen Ausweg aus diesem Kampf außer mit zunehmend verbundeneren Gesellschaften und mit einander zunehmend unterstützenden Gemeinschaften – das exakte Gegenteil des souveränen Traums und derer, die Europa in ein reicheres und ein ärmeres Segment spalten wollen.

Was kann Literatur, was kann Kunst in solchen Zeiten tun? Geben Literatur, Kunst Hoffnung in diesen dunklen Zeiten? Was macht Ihnen Hoffnung?

Literatur hat nichts mit Schlagzeilen und Journalismus zu tun. Man muss die Fakten ordnen und Metaphern finden. Wir werden besonnen nach Wörtern suchen müssen, um diese Geschichte zu erzählen: Literatur dient dazu, Zeugnis zu hinterlassen. Der größte Fehler – meiner Meinung nach – ist es, jetzt auf die Schnelle darüber zu erzählen, ohne dass man lange darüber nachgedacht hätte.

Sie sind auch Lehrer an einem Mailänder Gymnasium. Wie geht es Ihren Schülern?

Heute gehen 900 Millionen Schüler und Studenten weltweit nicht zur Schule. Jeder Lehrer und jede Familie versucht, das Beste zu geben, jeder und jede mit seinen und ihren Werkzeugen, seiner und ihrer Intelligenz und seinen und ihren finanziellen Mitteln, um den Kontakt wiederherzustellen. Was fehlt, ist die Fähigkeit der Schule, Gemeinschaften zu bilden, Beziehungen zu schaffen, Austausch und Vergleich herzustellen. Ich hoffe, dass viele Länder, die Wirtschaft und Finanzen auf Kosten von freiem Wissen favorisiert haben, nun erkennen, was es bedeutet, keine Schule zu haben. Und schließlich ein konkretes Projekt: Wenn irgendein unvorhergesehenes Ereignis (hoffentlich kein so ernstes wie dieses) passiert, müssen wir alle die technologischen Werkzeuge haben, alle dieselbe Vorbereitung haben und alle dieselben Zugangsmöglichkeiten –, ansonsten wird die Schule die Unterschiede zwischen denen hervorheben, die ein großes Haus, drei Laptops und gebildete Eltern haben, und denen, die nicht so glücklich sind.

Gottseidank ist die Infektionsrate in Italien zuletzt gesunken. Macht Ihnen das Hoffnung? Wie wird das Leben nach all dem sein und aussehen? Worauf hoffen Sie?

Die Hoffnung wird von unserer Intelligenz und von unserem Verhalten abhängen – und von unserem Respekt anderen Menschen und der Erde gegenüber.

Kommen wir zu Ihrem Buch „Ich bleibe hier”. Was hat Sie dazu motiviert, einen Roman über das Südtiroler Dorf Graun zu schreiben? Und wofür stehen Graun und sein Schicksal?

Für mich bedeutet Literatur, die Seiten zu erzählen, die aus den Geschichtsbüchern herausgerissenen wurden. Ich stelle mir den Schriftsteller gern als Taucher vor, der etwas Versunkenes aus der Tiefe des Wassers an die Oberfläche bringt. Im Fall Graun ging es mir nicht nur darum, eine wichtige Seite über den Faschismus und den Nationalsozialismus zu erzählen (Südtirol ist einer der ganz wenigen Orte in Europa, an dem die beiden Diktaturen direkt aufeinander gefolgt sind), es ging nicht nur um eine kaum bekannte Seite der Geschichte Italiens, sondern auch um eine Geschichte von Grenzen, um eine Geschichte, in der ein blindwütiger, sinnloser Fortschritt eine Landschaft, eine Gemeinschaft, eine Welt zerstört. Solche Geschichten geschehen täglich, gestern wie heute, in Graun und anderswo.

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht, als Sie sich mit der Bevölkerung von Graun getroffen haben? Wurden Sie willkommen geheißen? War man dankbar, dass ein Italiener ihre Geschichte vor dem Verschwinden rettet? Was hat Sie bei Ihren Recherchen am meisten berührt, überrascht, schockiert? Graun, Südtirol wurde zunächst vom italienischen Faschismus, dann vom Nationalsozialismus überrollt. Nach dem Krieg wurde Graun infolge eines Staudammprojekts überflutet. Haben Sie Zeitzeugen getroffen? Sind sich die Italiener dieses dunklen Kapitels ihrer Geschichte bewusst?

Es ist unglaublich, wie Worte und Geschichten die Menschen verbinden können. Anfangs haben wir uns ein bisschen misstrauisch beäugt, doch ich denke, das ist normal. Der Schriftsteller ist eine seltsame, hartnäckige Person, er weiß, dass man eine Geschichte zuerst suchen und ihr zuhören muss, um sie aufzuschreiben. Außerdem kam ich ja, um die Leute zu bitten, mit mir über ein großes Drama zu sprechen, das sie und ihre Familien betraf, da war es normal, dass sie mir anfangs zurückhaltend begegneten. Mit der Zeit wurden sie dann immer freundlicher und mitteilsamer, und am Ende des Buches war es mir wirklich ein Bedürfnis, mich einzeln bei allen zu bedanken, die mir geholfen hatten.

Was ihre Reaktion bei Erscheinen des Buches betrifft: Ich glaube nicht, dass sie einen solchen Erfolg erwartet hatten (ich selbst übrigens auch nicht). Sie haben sich gefreut, und als der Sommer kam, haben wir ein großes Fest veranstaltet, auf dem das Buch vorgestellt wurde: Manche der Anwesenden sprachen Italienisch, manche Deutsch, manche Dialekt, aber wir verstanden uns ausgezeichnet. Die Dankbarkeit ist also, glaube ich, absolut gegenseitig. Ich habe fünf Zeitzeugen befragt, alle schon sehr alt, und es war nicht leicht: Eine Frau weinte, eine andere wollte nichts sagen, ein Mann sagte zu mir: „Ich sehe vom Fenster meines Hauses kein Wasser, ich sehe immer noch das Haus meines Vaters.”

Als ich das Buch in Südtirol vorgestellt habe, war ich unsicher, ich dachte, die Menschen würden vielleicht meinen, dass ich mich in ihre Angelegenheiten eingemischt hätte, doch ich wurde überall sehr nett empfangen, die Leute bedankten sich bei mir dafür, dass ich diese Geschichte erzählt habe, und sagten: „Unsere Eltern haben das nie über sich gebracht.”

Sprache spielt eine herausragende Rolle in allen Ihren Romanen. Wie wichtig ist die Sprache für Sie persönlich? Wie wichtig ist sie für die Menschheit? Ihre Familie stammt aus Sizilien? Sprechen Sie den sizilianischen Dialekt noch?

Wenn ich mich recht erinnere, war es Dostojewski, der gesagt hat, für einen Schriftsteller kommen die Worte vor den Dingen. Das Wort schafft ein gemeinsames Terrain, das wir beide bewohnen können, ich, der Sprechende, und du, der Zuhörer, ich, der Schreibende, und du, der Leser. Sehr häufig wollen uns die Werbung, die Medien und die Politik glauben machen, Worte seien ein individueller Raum, aber das stimmt nicht, und die Schriftsteller sollten sich dafür einsetzen, der Sprache ihre Komplexität zurückzugeben.

Hier muss ich noch einmal auf ein Zitat zurückgreifen: Der Philosoph und Schriftsteller De Maistre sagt, dass der politische Verfall immer von einem entsprechenden sprachlichen Verfall begleitet ist. Und ich glaube, dass diese Wahrheit allgemein sichtbar ist. Wir können selbst entscheiden, ob wir diesen Verfall vom Fenster aus betrachten wollen, oder uns die Sprache, das heißt, das Instrument des Denkens, zu Herzen nehmen. Die Sprache braucht man nicht unbedingt, um zu kommunizieren, man braucht sie, um einen Gedanken zu fassen. Wenn mir ein bestimmtes Wort fehlt, wird mir auch der entsprechende Gedanke fehlen.

Und schließlich: Meine Familie stammt aus Apulien, aber seit ich „Das Leben wartet nicht“ geschrieben habe, denken alle, ich sei Sizilianer wie mein Protagonist. Den Dialekt kann ich auch gut, aber ich geniere mich, ihn zu sprechen. Ich spreche ihn nur mit meiner Großmutter Graziella, die fast hundert Jahre alt ist und ihr Italienisch vergessen hat. Ich hänge am Dialekt, weil er die Gefühlsseite der Dinge ausdrückt, während die Hochsprache nur den Gedanken ausdrückt.

In Ihren Romanen geht es auch um den Verlust der Sprache, um das Schweigen. Schweigen aus Angst, das Schweigen zwischen den Generationen. Was bleibt, wenn die Sprache verschwindet? Wofür steht die Sprache, stehen Worte in „Ich bleibe hier”?

Ein Schriftsteller muss immer versuchen, das Schweigen zum Reden zu bringen, das ist die größte Herausforderung. Ein Schweigen, dem es gelingt, das auszudrücken, was man nicht sagen kann, das, wofür die Wörter nicht genügen. In „Ich bleibe hier“ wollte ich eine Frau darstellen, die an das Wort als Mittel zum Widerstand glaubt. Auch als das Wasser das Dorf überflutet, auch als Trina alles verliert, auch als sie besiegt ist, bleiben ihr die Worte. Und solange wir die Möglichkeit haben, sie auszusprechen, haben wir nicht alles verloren.

Welche Kraft, welche Verantwortung haben die Sprache, das Wort, die Literatur?

Alles geschieht in Worten. Wenn ich jemanden liebe und es ihm nicht mitteile, wird meine Liebe halb und unvollständig sein. Das Wort ist also eine Erklärung und ein Versprechen, deshalb muss man die Verantwortung dafür übernehmen. Ich glaube auch, dass das Wort die Kraft besitzt, zu trösten: Geschichten entstehen, um beieinanderzubleiben, wenn es dunkel wird.

Welche Rolle spielt Sprache in Zeiten von Migration? Eine neue Sprache zu erlernen, ist wichtig, um sich zu integrieren. Sie aufzugeben, hieße aber, seine Wurzeln zu verlieren. Gibt Sprache den Menschen Identität?

Das Wort Identität mag ich nicht, ich ziehe Ähnlichkeit vor, weil es darauf hinweist, dass wir gleich, aber auch verschieden sind. Ähnlichkeit ist ein wunderschönes Wort, Identität ist ein altes, konservatives Wort. Ich denke lieber, dass die Sprache Brücken baut und gemeinsame Räume schafft, statt undurchlässige, geschlossene Abteilungen. Außerdem dürfte man in einer freien Welt die Muttersprache niemals verlieren. Wenn man es sich genau überlegt, haben alle Diktaturen immer auch die Sprache betroffen. In „Ich bleibe hier“ erzähle ich, wie Mussolini den Südtirolern verboten hat, ihre Sprache zu sprechen und in der Schule zu unterrichten. Sprache bedeutet Gedankenfreiheit, sie ist immer das Gegenteil von Diktatur.

Ihr Roman „Das Leben wartet nicht” hat mich sehr berührt. Der Fabrikarbeiter Ninetto schafft es nicht, in das Notizbuch zu schreiben, das ihm sein Lehrer gegeben hat, nachdem er mit neun von der Schule abgehen musste (aber am Ende gelingt es ihm, seine Geschichte zu erzählen). Je älter er wird, desto schweigsamer wird er. Aber er erinnert sich an alle Gedichte, die er als Kind gelernt hat. Glauben Sie, dass am Ende Poesie und Literatur über das Leben siegen?

Ich glaube, dass die Schule die Rettung sein kann. Deshalb ist es wichtig, dass sie gut funktioniert, dass sich gut ausgebildete, wirklich kompetente Politiker damit befassen (was in Italien, und nicht nur dort, schon lange nicht mehr der Fall ist). Unser Gedächtnis ist in der Kindheit ein Schwamm, und wenn wir als Kind Wörter lernen und wichtige Geschichten lesen, kann es sein, dass sie uns bei den Schwierigkeiten und Freuden des Erwachsenenlebens wieder in den Sinn kommen.

Ihre Romane handeln vom Verlust der Heimat, der Sprache, der Wurzeln als Folge von Krieg, Diktatur und Mangel an Arbeitsplätzen, als Folge eines Staudammprojekts usw. Sind das Dinge, die auch in Ihrer Familie ein Thema waren?

Das ist keine Frage der Biografie, in der Literatur wird immer über Verlust gesprochen, über Krise, über Erhaltung der Gefühle: Glück ist das langweiligste Thema, das es gibt.

Wir im Westen wollen fast zwanghaft glücklich sein. Aber Unglück gehört zum Leben, und das ist nicht immer gerecht. Die Protagonisten Ihrer Romane „Ich bleibe hier“ und „Das Leben wartet nicht“ erfahren das in starkem Ausmaß. Was bedeutet Glück für Sie? Was macht ein Leben sinnvoll?

Wir alle kennen den Anfang von Anna Karenina: „Alle glücklichen Familien ähneln einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre Art unglücklich.“ Deshalb ist Glück nicht interessant, denn einerseits ist es unsagbar, andererseits macht es uns gleich. Meiner Ansicht nach ist es unbedingt notwendig, wieder zur Bedeutung der einzelnen Wörter zurückzukehren. Heutzutage bezeichnen die Werbung, die Medien und zuweilen auch die Politik den Konsum, der immer etwas Individualistisches ist, als Glück. Das Wort felicità – italienisch für Glück – ist aber abgeleitet von dem lateinischen Verb „felo“, das bedeutet „stillen“. Das Glück ist also eine Frau, die jemanden nährt und pflegt. So etwas zu wissen, ist keine Frage von Gelehrsamkeit, sondern es ermöglicht einem, seinen kritischen Geist zu nutzen und somit freier zu leben.

Sie sprachen einmal vom Mailand (wo Sie wohnen) als Stadt, die Flüchtlinge und Migranten ohne Angst und falsche Vorurteile willkommen heißt. Ist das immer noch so? Was ist das Besondere dieser Stadt?

Im Moment gewinnen rechte und konservative Parteien überall auf der Welt wieder mehr Zuspruch. Sie erzeugen ein Klima der Angst und schüren Vorurteile gegen Migranten. Erschreckt Sie dies? Österreichs Bundeskanzler Kurz ist bekannt für seine rigorose Flüchtlingspolitik. Haben Sie Hoffnung, dass die neue italienische Regierung die scharfe Migrationspolitik des ehemaligen rechtspopulistischen Innenministers Salvini entschärfen wird? Dass Europa zu einer menschlichen und gerechten Flüchtlingspolitik finden wird? Wie kann Integration gelingen?

Wie gefallen Ihnen die „Sardinen“, die Bürgerrechtsbewegung gegen Salvini und den Rechtspopulismus?

Mailand war schon immer eine gastfreundliche Stadt. Ich glaube, es ist die europäischste und multikulturellste Stadt Italiens. Ich liebe Mailand, weil man hier die Komplexität der Gegenwart besser verstehen kann, während die Kunststädte häufig zu selbstbezogen sind. Ich brauche es, in meiner Zeit zu leben, denn ein Schriftsteller hat die Pflicht, über seine Zeit zu sprechen. Natürlich, der Wind des Vorurteils, des Konservatismus, des Rassismus und der Angst, der durch die Welt weht, erschreckt mich sehr. Es ist, als versuchte die westliche Welt, ihre Privilegien zu verteidigen, und gleichzeitig einen großen Teil des Planeten weiter auszubeuten. Sich zu verstecken oder Mauern zu errichten, nützt nichts: Mauern sind im Lauf der Geschichte immer wieder eingerissen worden. Die Progressiven haben die große Chance, zu beweisen, dass „der Andere“ ein Reichtum ist, auf den der überalterte Westen nicht verzichten kann. Diese Chance wurde bisher vertan oder kaum genutzt: Die Europäische Union zum Beispiel hat sich seit den Zeiten der Wirtschaftskrise wenig solidarisch gezeigt und die schwächeren Länder allein gelassen, und im Umgang mit Migranten hat sie sich individualistisch gezeigt. Was fehlt, ist eine Politik, die eine Vision und eine Strategie hat, denn sonst wird uns nur die Finanz regieren, die nichts Menschliches an sich hat. Diese Vision muss auch eine neue Idee von Schule einschließen, denn ohne eine moderne und demokratische Schule wird keine Integration verwirklichbar sein.

Letzter Punkt, die Sardinen: Sie sind der Beweis, dass es links einen Raum gibt, der zu besetzen ist. Die Linke ist, nicht nur in Italien, der Rechten zu ähnlich geworden, ohne den Mut aufzubringen, wirklich fortschrittlich, pazifistisch und egalitär zu sein. Sie hat zugelassen, dass sich die Rechte mit den Bevölkerungsschichten beschäftigt, die am meisten in Schwierigkeiten sind, und das halte ich für einen unverzeihlichen Fehler. Deshalb freut es mich, dass es die Sardinen gibt. Sie haben es fertiggebracht, Salvinis Populismus aufzuhalten, ich hoffe, dass sie es auch schaffen, ein Projekt zu präsentieren, ihre Ideen und ihr Programm zu erklären.

Ist es auch das Ziel von Literatur, uns mit unerfreulichen und schmerzlichen Erfahrungen zu konfrontieren, um diese zu bewältigen und nicht zu wiederholen? Den sogenannten einfachen Leuten eine Stimme zu geben? Wie wichtig ist Geschichte, Historie?

Jeder Schriftsteller bildet sich seine eigene Vorstellung von Literatur. Meine Vorstellung ist folgende: Die Literatur muss den Deckel von den Kochtöpfen heben. Sie muss die Geschichten erzählen, die uns andere nicht erzählen oder nicht erzählen wollen. Wenn uns eine Geschichte nicht erzählt wird, gibt es immer einen Grund. Mich interessiert nicht der erzieherische oder belehrende Aspekt – ebenso wenig interessiert es mich, politisch korrekt zu sein –, mich interessiert es, eine nicht bekannte Geschichte durch die Menschlichkeit und die Erfindung der Romanfiguren bekannt zu machen. Der Leser ist nicht wie der Fernsehzuschauer, er ist aktiv beteiligt, er muss mit seinen Mitteln, seinen Ideen und seiner Sensibilität entscheiden, was er mit der Geschichte machen will. Was die einfachen Menschen angeht: Die Literatur kann ihnen ein Bürgerrecht geben, während die Geschichtsschreibung häufig elitär ist. Sagen wir, die Literatur ist viel offener und demokratischer, deswegen liebe ich sie mehr.

Inwieweit fließt Ihre eigene, die Geschichte Ihrer Familie, in Ihre Romane ein? Würden Sie uns ein bisschen über Ihre familiären Wurzeln erzählen?

Ich glaube, jeder Schriftsteller geht immer von sich aus und damit von seiner eigenen Geschichte. Ich komme aus einer Familie, wie es viele gibt, mein Vater ist Angestellter, meine Mutter Arbeiterin. Meine Großeltern waren Bauern, der Großvater, mit dem ich aufgewachsen bin, war Analphabet. Ende der sechziger Jahre sind meine Eltern zusammen mit meinen Großeltern aus Apulien nach Mailand gezogen, haben ihre Wurzeln verloren und sehr lange gebraucht, um wieder Fuß zu fassen. Meine Mutter und mein Vater sind Kinder von Leuten, die den Krieg mitgemacht haben und nicht zur Schule gegangen sind, und sind selbst Eltern von Kindern des neuen Jahrtausends geworden, die keine Sicherheiten mehr kennen. Gibt es eine Epoche, in der sich die Gesellschaft so schnell gewandelt hat? Ich glaube nicht. Rasch ist die bäuerliche Welt und teilweise auch die der Fabriken verschwunden, die Arbeit hat sich verflüssigt und ist instabil geworden. In der Familie fällt es schwer, von seinen Schwierigkeiten zu sprechen, und es fällt schwer, seine Gefühle zu äußern, deshalb habe ich es mit Schreiben versucht, so wie wenn man einen Liebesbrief an eine Frau schreibt, weil man nicht den Mut hat, sich ihr zu erklären. Als mein Vater meinen ersten Roman gelesen hat, „Damals, am Meer“, in dem er zusammen mit mir und meinem Großvater die Hauptrolle spielte, hat er nur gesagt: „Jetzt, da du unser ganzes Leben überall herumerzählt hast, wirst du wohl zufrieden sein!“

Nachdem ich meine Geschichten erzählt habe, erzähle ich nun die Geschichten anderer, vielleicht komme ich in Zukunft wieder auf mich selbst zurück, wer weiß. Unvermeidlich habe ich verschiedenen Figuren Teile von mir geliehen. Genauso unvermeidlich beeinflussen die Figuren meinen Charakter. Genau betrachtet verbringt ein Schriftsteller einen großen Teil seines Lebens im Gespräch mit Personen, die es nicht gibt, das ist nicht sehr normal …

Für lange Zeit haben wir alles als selbstverständlich vorausgesetzt. Aber heute sind die jungen Menschen neuen Problemen ausgesetzt: Arbeitslosigkeit, Verlust an Sicherheiten, Neoliberalismus, Klimawandel. Worin liegt die Verantwortung unserer Zeit? Welche Kraft, welche Verantwortung hat Literatur, Poesie in einer neoliberalen Zeit, in der Wettbewerb und Individualismus mehr zählen als Menschlichkeit?

Genau davon handelt „Damals, am Meer“: Ich glaubte, das Studium würde mir möglicherweise Zugang zur Arbeitswelt verschaffen, so wie es früher war. Stattdessen kam die Krise, das Prekariat, eine immer aggressivere Globalisierung, die mehr Rechte genommen als echte Möglichkeiten geschaffen hat. Ich werfe meiner Generation vor, dass sie sich zu wenig empört hat, dass sie die Fähigkeit verloren hat, sich zusammenzutun und als Gruppe zu handeln. Während uns Grundrechte weggenommen wurden, saßen wir zu Hause und schrieben Posts auf Facebook, statt gemeinsam auf der Straße zu demonstrieren. Mir scheint, die heutigen Zwanzigjährigen sind unternehmungslustiger. Alles in allem ist die meine eine Zwischengeneration, aufgerieben zwischen alt und neu.

Literatur ist immer eine Möglichkeit: Wer liest, hat einen weiteren Horizont, misstraut einfachen Lösungen, hat mehr Interesse am Anderen, eine größere Fähigkeit, sich zu identifizieren und in die anderen einzufühlen, er kennt verschiedene Zeiten und Welten, kurz, er ist kritischer und problembewusster und lernt es, die Fragen mehr zu lieben als die Antworten.

Sie sind auch Lehrer. Statistiken sagen ja, dass die Jugendlichen in unserem digitalen Zeitalter immer weniger lesen. Wie können wir sie dazu bringen, wieder Bücher, Literatur zu lesen?

Die jungen Leute lesen, wenn die Erwachsenen sie zu motivieren verstehen. Wenn die jungen Leute wenig lesen, sind nicht nur das Internet und die sozialen Medien schuld: Schuld sind die Erwachsenen, die wenig lesen, die Lehrer, die wenig lesen, eine politische Schicht, die wenig liest und häufig ungebildet ist, und eine Schule, die sich wenig mit der gegenwärtigen Welt beschäftigt. Meine Schüler zum Beispiel lesen: Anfangs zwinge ich sie dazu (was ist daran schlecht?), dann kommen einige auf den Geschmack und lesen von allein. Aufgabe des Lehrers ist es, zu erklären, welche Bücher wichtig sind und warum es sinnvoll ist, noch heute die „Odyssee“ oder „Madame Bovary“ zu lesen, aber gleichzeitig muss er den Schülern auch nahebringen, dass Literatur etwas Lebendiges ist und unserem Bedürfnis entspricht, Geschichten erzählt zu bekommen, um nicht in unserer kleinen Realität gefangen zu bleiben. Die Jugendlichen sind viel empfänglicher, als angenommen und behauptet wird. Eigentlich sollte das Problem auf diese Weise formuliert werden: Jeder Jugendliche, der nicht liest, ist von mindestens drei oder vier Erwachsenen umgeben, die nicht lesen.

Sie sind auch Vater. Wie wichtig ist es, seinen Kindern laut vorzulesen?

Ich denke noch oft daran, wie ich mit Caterina, meiner Erstgeborenen, nach Hause kam: Ich habe mich mit ihr im Arm aufs Sofa gesetzt, mein Bücherregal betrachtet und zum ersten Mal nicht an die Bücher gedacht, die ich noch lesen musste oder wiederlesen wollte, sondern an die, die ich ihr gern vorlesen würde. Ein Kind beschert dir diesen Perspektivwechsel.

Worum wird es in Ihrem nächsten Roman gehen?

Wir betrachten Migration immer noch als ein männliches Phänomen, das fast ausschließlich Afrika betrifft. Doch seit etwa dreißig Jahren sind 65 Prozent der Migranten auf der Welt Frauen. Über eine von ihnen möchte ich schreiben, ich fühle mich als aktiver Teil des Kampfs für die Gleichberechtigung.

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Marco Balzano wurde 1978 in Mailand geboren, wo er Literatur an einem Gymnasium unterrichtet. Er debütierte 2007 mit dem Gedichtband „Particolari in controsenso“, veröffentlichte Erzählungen und Essays. Auf Deutsch gibt es bereits drei Romane: Das Debüt „Damals, am Meer“, „Das Leben wartet nicht“, das den Premio Campiello brachte, sowie „Ich bleibe hier“, das gleich zweifach ausgezeichnet wurde: mit dem „Prix Méditerranée étranger“ und dem „Premio Bagutta“. Balzano ist Vater zweier Kinder.


„Ich bleibe hier“ (Diogenes)
Übers. v. M. Pflug, 288 S.

„Das Leben wartet nicht“ (Diogenes)
Übers. v. M. Pflug, 304 S.