Dichter Nebel hängt abends in den Straßen, Lichterketten und Laternen flimmern blass in der Dunkelheit, die knorrigen Äste der kahlen Bäume ächzen und sehen wie knöcherne Arme aus, die sich dem Gehsteig entgegen biegen …


Sofern nicht Schnee die Welt in eine behagliche Wattelandschaft verwandelt oder die Sonne durch die dichten Wolken blinzelt, kann der Winter abseits vom Weihnachtstrubel manchmal ganz schön trostlos wirken. Aber was wäre, wenn wir den Nebel mit offenen Armen begrüßen und seiner Gruseligkeit mit Fantasie begegnen würden? Wenn die graue Grauslichkeit schaurig schöne Bilder hervorbringen könnte und alles plötzlich magisch wirkt? Der schottische Autor Jordan Lees zeigt mit seinem Debütroman »Whisperwicks« wie’s funktioniert.

Alles beginnt mit einem Riss in der Wand und dem jungen Edwid, der ein größeres Geheimnis wahrt, als er jemals tragen könnte. Er lebt in Winkelwald, einer Welt, in der Versprechen niemals gebrochen werden und Menschen Augenfarben stehlen; einem Labyrinth, unmöglich zu kartographieren, bewacht von gehängten Männern, bevölkert von Schatten und uralter Magie …

In einer Parallelwelt (manche würden sagen: der »echten« Welt) erhält der vernunftgetriebene Benjamiah ein Päckchen mit einer Stoffpuppe, die nachts zum Leben erwacht und ihn durch eine geheime Tür nach Winkelwald lockt. In diesem wundersamen Irrgarten aus finsteren Gassen findet Benjamiah einen Weg zu Edwids Zwillingsschwester Elizabella und verspricht, ihr bei der Suche ihres plötzlich verschwundenen Bruders zu helfen. Gemeinsam folgen sie geflüsterten Hinweisen, die niemals hätten gefunden werden dürfen, und gelangen an Orte, die sie niemals hätten betreten sollen.

Jordan Lees legt ein Fantasy-Debüt für Leser/innen ab 11 Jahren vor, das wahrlich Applaus verdient. Seelenpuppen, mit denen die Menschen von Winkelwald auf magische Weise verbunden sind, erinnern an die Dämonen aus Philip Pullmans »His Dark Materials«, während ihre Knopfaugen die düstere Atmosphäre von Neil Gaimans »Coraline« heraufbeschwören. So verwebt Lees bekannte Ideen mit kreativen Wendungen zu einer beeindruckenden neuen Welt, fädelt behutsam Themen wie Trauer und Verlust sowie griechische Mythologie in die Geschichte ein und bringt durch dynamische Charaktere und Sprachspielereien immer wieder herzlich zum Schmunzeln. Er illustriert, wie »Liebe […] uns noch aus dem dunkelsten Ort herausführen [kann]« und erinnert, dass niemand je zu alt für Kinderbücher sein könnte. Und wie fabelhaft, dass der Autor in all dem abenteuerlichen Wirbelwind, durch den er uns schickt, eine Buchhandlung als Ausgangspunkt und schließlich als ultimative Zuflucht wählt; mit diesem Ort, der »nach Papier und Kleber und Ideen« riecht, holt er uns Leser/innen genau dort ab, wo wir uns am wohlsten fühlen. Eine schaurig schöne Lektüre, die es auf berührende Weise vermag, unsere Augen gerade in der finsteren Jahreszeit für die magischen Momente des Alltags zu öffnen.

Originalveröffentlichung: Buchkultur Bücherbrief 16. Dezember 2025. Illustration: Jorghi Poll.

Jordan Lees
Whisperwicks. Die Suche nach den Flüsterflammen
Ü: Tamara Reisinger
Penguin Junior, 480 S.
Ab 11 Jahren