Eine Blockhütte am See. Eine Party. Ein vermisstes Mädchen. Und drei beste Freund/innen, die von ihren Geheimnissen eingeholt werden. Foto: Klaus Vartzbed


Nach einer verhängnisvollen Partynacht ist Jenna wie vom Erdboden verschluckt. Ist wohl nur ein Schrei nach Aufmerksamkeit – in einer gemütlichen Kleinstadt passiert schließlich kein Verbrechen. Doch mehrere Tage vergehen, und Jenna taucht nicht auf, was Connor, Alena und Matt gehörig ins Schwitzen bringt. Denn sie alle halten Wahrheiten unter Verschluss, die sie sich selbst kaum eingestehen können; sie alle könnten etwas mit dem Verschwinden ihrer besten Freundin zu tun haben. Wie in einer Mini-Krimiserie wechselt »Little Deadly Secrets« von einer Perspektive in die nächste und führt anhand von Rückblicken und Panikmomenten in die Innenleben der Menschen ein, die Jenna am nächsten standen: Connor, der Frauenheld mit Privilegien ohne Ende; der aus einfachen Verhältnissen stammende und krankhaft eifersüchtige Matt; und Alena, die True-Crime-Expertin mit gebrochenem Herzen. Zunächst sind die Charaktere schwer zu greifen, doch ab der Mitte des Buches werden die Abgründe, die sich eröffnen, immer tiefer. Die drei müssen sich eingestehen, dass sie alle Jenna im Stich gelassen haben, weil sie zu sehr auf den eigenen Schmerz fixiert waren, um ihren wahrzunehmen.

Elena Rieding wagt sich vor in die Sphären toxischer Rollenbilder und Machtmissbrauchs sowie in ein System, das Frauen zum Schweigen bringt und Täterschutz als wichtiger erachtet als Opferschutz. Wie geht man mit dem Wissen um, dass der beste Freund gewalttätig ist? Wie wirkt man Kommentaren entgegen, die Frauen herabwürdigen, wenn man im Regelwerk der Bro-Culture nach Anerkennung sucht? Mit zahlreichen Gänsehautmomenten schärft der Roman das Bewusstsein dafür, dass viele klein wirkende Augenblicke zu einem schrecklichen großen Moment führen können, und appelliert ans Zuhören, ans Nicht-Wegschauen und daran, Solidarität zu zeigen.

 

Elena Rieding
Little Deadly Secrets – Beste Freunde bis zum Tod
Ueberreuter, 352 S.
Ab 14